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"Diese Schicksale berühren mich“

Ob verurteilte Mörder, Betrüger oder U-Häftlinge in Warteposition: Matthias Geist ist für sie da, hört zu, spendet Trost. Seit zehn Jahren ist er evangelischer Gefängnisseelsorger in Wien - für Menschen im Ausnahmezustand des Lebens.

Wäre er ein ganz gewöhnlicher Pfarrer, er würde nur erahnen können, was seine Gemeinde im Innersten bewegt. Doch Matthias Geist kennt die Sorgen seiner Schäfchen sehr genau: Er weiß von der Qual, Tag und Nacht mit einem Menschen zusammengesperrt zu sein, der einen in den Wahnsinn treibt; er weiß von der Sehnsucht nach den Kindern und der panischen Angst, dass die eigene Partnerschaft zerbricht; und er weiß von der verzweifelten Frage nach der Gerechtigkeit, auf die es keine schnelle Antwort gibt.

Maximal 30 Häftlinge besuchen Donnerstagmorgen seinen Gottesdienst in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, Österreichs größtem Gefängnis, mit rund 1200 Insassen. Mehr sind aus Sicherheits- und Logistikgründen nicht zugelassen: Jeder Einzelne muss schließlich von einem Wachebeamten "vorgeführt“ und im Anschluss wieder zurück in den Haftraum geleitet werden. In der kurzen Zeit dazwischen, inmitten dieses Lebens im völligen Ausnahmezustand, will Pfarrer Geist eine Oase für die Sehnsucht anbieten, einen Raum, um sich nicht wie ein Gefangener und Bittsteller, sondern wieder wie ein Mensch zu fühlen.

Wem kann ich noch vertrauen?

"Ich persönlich erlebe im Gefängnis besonders intensive Begegnungen“, sagt der 41-Jährige in seinem schmucklosen Büro im "Grauen Haus“. Seit zehn Jahren ist er hier in der Josefstadt - wie auch an den drei anderen Justizanstalten Wiens - als Gefängnisseelsorger tätig. Sobald er von einem evangelischen Neuzugang hinter Gittern erfährt, schauen er oder eine seiner beiden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen vorbei. "In der ersten Zeit geht es um das nackte Überleben“, sagt der Seelsorger. "Es geht um die Frage: Wem kann ich hier noch vertrauen?“ In dieser explosiven Situation will Matthias Geist ein Ventil anbieten. Er kann Verschwiegenheit zusichern, muss nichts weiterleiten - kein Geständnis der Welt. Nur nach Rücksprache mit dem Häftling wird er aktiv: etwa wenn eine schwangere Frau mit fünf Raucherinnen in einem Haftraum vegetiert; oder wenn Geräusche oder Gerüche des Zellenkameraden zur Folter werden.

Doch meist geht es nur darum, da zu sein, zuzuhören. Matthias Geist vernimmt erschütternde Kindheitsgeschichten, jugendliche Odysseen von einem Heim zum nächsten, Lebensgeschichten voll Unglück und Gewalt. "Diese Schicksale berühren mich“, sagt der Seelsorger ernst. Er hört auch die Zweifel der Gefangenen an der Gerechtigkeit der Welt - und an der Existenz eines gerechten Gottes. Hier, im Gefängnis, bekommt die evangelische Lehre von der Rechtfertigung jedes Menschen durch Jesus Christus besondere Brisanz.

Rund 2000 Menschen (etwa zehn Prozent davon Frauen) hat Matthias Geist in den vergangenen zehn Jahren begleitet. Manche sieht er nur alle 14 Tage, andere drei bis vier Mal wöchentlich. Und nicht wenige haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt: Wie etwa jener Häftling, der sich nach einer Predigt ein 14.000-Teile-Puzzle wünschte, es zusammensetzte, an Geists Adresse schickte und dazu formulierte: "In dieses Puzzle lege ich alle meine Traurigkeit.“ "Das“, sagt der Pfarrer, "bewegt mich mehr als alle schönen Worte, die ich in unseren Kirchen höre.“

Nicht umsonst hat er die harte Welt des Gefängnisses als Arbeitsstätte gewählt. Einer normalen Pfarrgemeinde vorzustehen war für ihn, der selbst als Sohn eines lutherischen Pfarrers groß geworden war, ein "zu öffentlicher Beruf“. Dennoch begann er aus Interesse neben dem Mathematik- auch das Theologiestudium in Wien, wurde Uni-Assistent, half am Aufbau der österreichweiten Notfallseelsorge mit, wurde 1999 zum Pfarrer ordiniert - und verabschiedete sich als Organisationsentwickler in die freie Wirtschaft. Bis er vom vakanten Posten des evangelischen Gefängnisseelsorgers hörte. "Ich wollte einfach in dieser dichten Atmosphäre arbeiten“, erinnert sich Geist.

Jeder Tag verstärkt den Hass

Heute kann er über mangelnde Dichte nicht klagen. Umso drängender stellt sich ihm die Frage nach dem Sinn der ebenso teuren wie menschenverachtenden "Strafrechtsindustrie“. "Jeder Tag im Gefängnis muss von der Gesellschaft gerechtfertigt werden“, ist er überzeugt. Jeder Tag verstärke die Hospitalisierung, den Hass, die Unfähigkeit zur Resozialisierung. Nicht nur die Häftlinge, auch ihre Angehörigen würden darunter leiden. Für sie organisiert Matthias Geist deshalb regelmäßige Treffen und den jährlichen "Gefängnislauf“; und für sie hat er, gemeinsam mit Christine Hubka, im Vorjahr das Buch "Reite den Drachen!“ publiziert (Verlag der Apfel).

Worum es darin geht? Um Wahrhaftigkeit gegenüber Kindern - und gegenüber persönlicher Schuld. Diese in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren sei schließlich die größte Kunst. "Gefangene, die das schaffen, bewundere ich mehr als Menschen, die glauben, dass sie nie zu Straftätern werden können“, sagt der Pfarrer hinter Gittern. "Denn die machen sich etwas vor.“

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