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Diskrete Steuermänner der Revolutionen

Ob bei der Entmachtung der Muslimbrüder in Kairo oder beim drohenden Militärschlag gegen Syrien: Die Regierung Saudi-Arabiens zieht dabei die Fäden im Hintergrund.

Selbst die gepflegtesten Intimfeindschaften können gegenüber neuen Feinden verblassen. Jahre hindurch hatte der angesehene saudische Geistliche Scheich Aidh Al-Qarni jährlich 100.000 Dollar ausgelobt für jene, die es fertigbrächten, einen israelischen Soldaten zu entführen und/oder umzubringen. Seit diesem Jahr hat Al-Quarni nun ein neues Ziel, das ihn zu rhetorischer Höchstform auflaufen lässt. Sein Todeskandidat ist nunmehr nicht ein Israeli, sondern der syrische Machthaber Bashar al-Assad. Auf Youtube kann man ihn um den Untergang des Diktators beten hören: "Oh Allah, befreie das syrische Volk von seinem Tyrannen. Reiße ihm (Assad, Anm.) die Kleider vom Leib, köpfe ihn und zerstöre seinen Körper.“

Dieses Gebet gibt etwas drastisch auch die aktuelle Priorität der saudischen Außenpolitik zu Syrien wieder: Die Entmachtung Assads unter allen Umständen. Mehr als 100 Millionen Dollar und Waffen hat das Regime in Riad laut unbestätigten Geheimdienstberichten den syrischen Rebellen in den vergangenen zwei Jahren zukommen lassen. Unermüdlich versucht die saudische Regierung, westliche Staaten - und vor allem die USA - in den Konflikt aktiv einsteigen zu lassen. Dieser Plan scheint nun zu gelingen, wenn auch nur mit tatkräftiger Mithilfe des syrischen Regimes.

Eklat bei Hilfskonferenz

Noch im Vorjahr hatte Washington eine Militärintervention verweigert und statt dessen eine große Internationale Konferenz einberufen, um die eben beginnende humanitäre Katastrophe in Syrien zu besprechen. Der saudische Außenminister Saud al-Faisal hatte das Treffen vorzeitig wütend verlassen, mit dem Argument, man solle doch lieber Strategien diskutieren, wie man den Rebellen militärisch helfen könne.

Dass dies nun doch geschieht, dürften die Saudis ausgerechnet dem gehassten Assad zu verdanken haben, dessen Truppen einen Vorort von Damaskus mutmaßlich mit Giftgasgranaten beschossen haben. Mehr als 300 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein - derzeit untersucht eine UN-Komission den Vorfall, während sich die USA, Frankreich und Großbritannien auf eine militärische Intervention vorbereiten.

Hinter der offiziellen Empörung der Saudis über die Massaker des syrischen Regimes scheint es aber auch um ganz andere Interessen zu gehen: Das politische Gefüge der Region und die Aufteilung der Macht im Nahen Osten, stehen vor einschneidenden Änderungen - und Saudi-Arabien ist dabei mit seinen Verbündeten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait, der mutmaßliche große Gewinner.

Schon seine aktive Rolle beim Militärputsch gegen die Muslimbrüder hat die Macht Riads gezeigt. Finanziell und politisch. Mehr als 12 Milliarden Dollar hat Saudi-Arabien für die neuen Machthaber Ägyptens gesammelt. Kaum waren die Militärs in Kairo an der Macht, als schon die ersten Hilfslieferungen aus Saudi-Arabien auf einem Militärflughafen östlich von Kairo landeten.

König Abdullah war auch unter den ersten offiziellen Gratulanten des Umsturzes, als er den Militärmachthabern unter General al-Sisi versicherte, "dass das Volk von Saudi-Arabien immer gegen Terrorismus, Aufruhr und Extremismus stünde“. Gleichzeitig absolvierte al-Faisal eine offenbar erfolgreiche Pendeldiplomatie in Europa, das den Putsch und die Gewalt zuvor eindeutig verurteilt hatte. Nach einem Besuch bei Frankreichs Präsident Hollande in Paris prahlte al-Faisal, Frankreich stünde hinter der saudischen Ägypten-Linie. Ein Dementi aus Paris gab es dazu nicht.

Das sunnitische Primat

Die Politologin Madawi Al-Rasheed von der London School of Economics sieht das saudische Engagement in Ägypten als innenpolitisch und religiös motiviert: "Saudi-Arabien sieht sich als einziger religiöser Führer der Sunniten auf der Welt. Ein Ägypten, das islamische Werte mit Demokratie vereint, würde auch die Führerschaft des Königshauses in Saudi-Arabien in Frage stellen.“

Geht es nach Al-Rasheed befinden sich die Saudis politisch auf dem Stand der Herrschaft König Fahds (gestorben 2005). Der hatte zur Demokratisierung seines Landes gesagt: "Die Menschen dieser Region sind für das demokratische Verständnis ungeeignet“. Dementsprechend sind die gesellschaftlichen Normen des Königreiches gestaltet. Aufgrund der Menschenrechtslage gilt es als eines der 10 autoritärsten Länder der Welt (siehe auch Seite 6).

Dass das saudische Regime in Syrien zeitgleich einen gegenteiligen Kurs fährt und die zum Teil demokratisch gesinnten Aufständischen, aber auch sunnitische Terrorgruppen gegen die Diktatur unterstützt, scheint dabei nicht zu stören. Die Politologin Al-Rasheed: "Syrien und der Aufstand gegen Assad sind für die Saudis so etwas wie gottgeschenkte Ablenkung für die eigenen radikalen Islamisten.“ Tatsächlich kann das Regime damit aber auch seinem regionalen Erzrivalen, dem Iran, der gleichzeitig der wichtigste Unterstützer von Assad ist, den Einfluss im Nahen Osten streitig machen.

Die von WikiLeaks veröffentlichen Memos US-amerikanischer Diplomaten sprechen diesbezüglich Bände. Von mehrfachen Aufforderungen der Saudis an die Amerikaner ist da die Rede, den Iran doch endlich anzugreifen. Und auch König Abdullah kommt darin zu zweifelhaften Ehren. Er wird in den Mails zitiert, man möge der "Schlange Iran“ doch "den Kopf abgeschlagen“.

Begänne dieses Kopfabschlagen aber nicht schon mit einem westlichen Militäreinsatz gegen Teherans Verbündeten Assad? Und könnte eine Entmachtung des Diktators tatsächlich zu Bürgerkriegen auch im Libanon und im Irak führen, wie der Ex-Chef der UN-Mission in Syrien, Robert Mood, meinte? Diese diplomatischen Fragen harren einer Antwort. Die moralische Frage hingegen dürfte beantwortet sein: Kann der Westen tatenlos zusehen, wie Zivilisten mit Giftgas umgebracht werden? Die Antwort darauf scheint Nein zu sein. Dass auch die kommenden Herren Syriens zweifelhafte Charaktere sein könnten, wird zur Nebensache. Aber wie lange wohl?

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