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KÖR_Klein Meiseldorf - © Foto: Lisa Rastl

Dorfbelebung: Kleinmeiseldorf findet seine Mitte

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Stirbt der Dorfplatz, stirbt das Leben im Ort. Um das zu verhindern, hat Kleinmeiseldorf in Niederösterreich ein Ortskernprojekt realisiert – samt Gemeindesaal, Greißler und künstlerischer Platzgestaltung mit Feuerstelle.

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Stirbt der Dorfplatz, stirbt das Leben im Ort. Um das zu verhindern, hat Kleinmeiseldorf in Niederösterreich ein Ortskernprojekt realisiert – samt Gemeindesaal, Greißler und künstlerischer Platzgestaltung mit Feuerstelle.

Dorfplatz ist ein schönes Wort. Man denkt an Kirche, Gasthaus, Brunnen, Baum, Blasmusik. Hartnäckig hält sich dieses Bild in den Köpfen der Städter(innen). Die Wirklichkeit ist eine andere, Menschen vom Land kennen sie. Viele Ortskerne sind verödet. Und stirbt das Gemeinschaftsleben, stirbt das Dorf. Die Gründe, die dazu führen, sind vielfältig. Stark verknappt lässt sich sagen: Je mehr Grundstücke von Grünland zu Bauland umgewidmet werden, um so mehr dehnt sich der Ort in die Fläche aus. Dem Wunsch, Hausbauwilliger Einwohner, Zuzügler und Investoren halten Bürgermeister(innen) schwer stand, der soziale und finanzielle Druck ist hoch. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger hat wegen übermäßiger Bodenversiegelung zuletzt im ORF-Sommergespräch gefordert, den Gemeinden die Flächenwidmungs-Kompetenzen zu entziehen. Die Empörung folgte umgehend.

Doch Tatsache ist: Einfamilienhausteppiche breiten sich aus, während die Dorfmitte vielfach verdorrt. Geschäfte schließen, Arbeitsplätze und Menschen wandern ab, Einkaufszentren werden zu All-inklusive-Versorgern, Autos unverzichtbar. Ein Teufelskreis. Österreichs produktive Böden verringerten sich allein im Jahr 2020 um 39 Quadratkilometer, der jährliche Verlust schwankte 2001 bis 2020 zwischen 38 und 104 Quadratkilometer. Während der Flächenverbrauch pro Kopf und Jahr in Deutschland 2,3 Quadratmeter beträgt, sind es hierzulande mit 4,9 mehr als doppelt so viele. Auch bei neuen Supermarktflächen hat Österreich mit 1,8 Quadratmetern pro Kopf die Nase vorn. In Frankreich sind es nur 1,2, in Italien einer.

Endlich Zuzug statt Landflucht

Kleinmeiseldorf ist ein typisches Straßendorf im Bezirk Horn, einer strukturschwachen Gegend: viele alte Häuser, keine eklatanten Bausünden, an den Rändern Einfamilienhäuser, rundherum Felder. Gab es hier 1979/80 noch 161 Bauflächen, waren es 1999/2000 bereits 654, man wirbt online mit günstigem Baugrund. Covid-19 hat die Nachfrage merkbar steigen lassen. Das ist zwar schlecht für den Boden, aber gut für den Ort. Endlich Zuzug statt Landflucht. Denn die Gemeinde, die auch Kattau, Maigen und Stockern umfasst, hat fast alles verloren, was ein Dorf am Leben hält: die Post, das letzte Gasthaus, den letzten Greißler, selbst die Station der Franz-Josefs-Bahn. Man hört zwar noch die Züge, doch sie bleiben nicht mehr stehen. Immerhin hat der Ort noch einen Kindergarten und eine Kirche, einen hochengagierten Bürgermeister und Bewohner mit dem starken Wunsch nach Raum für die Dorfgemeinschaft.

Der Gemeinderat hat ein Ortskernprojekt beschlossen – eine Trilogie aus Veranstaltungssaal, Dorfplatz und Nahversorger. Es sollte wieder eine soziale Mitte schaffen. Und so machte man 2015 eine Leerstandsanalyse. „Klein-Meiseldorf hat etwa 380 Bewohner(innen) und 200 Häuser,“ sagt Bürgermeister Nikolaus Reisel (ÖVP). „Davon sind ungefähr 40 Leerstände. Da musste man etwas tun.“ Im Dezember 2018 erfolgte der Spatenstich.

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