Bogdan

Drahtseilakt: Ukrainer in Polen

1945 1960 1980 2000 2020

Seinen Landsleuten vor Ort helfen – oder heimkehren und kämpfen? Für den in Polen lebenden Ukrainer Bogdan gilt es, eine essenzielle Entscheidung zu treffen. Über einen Mann, dessen Leben nach dem russischen Angriffskrieg zum Drahtseilakt geworden ist.

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Seinen Landsleuten vor Ort helfen – oder heimkehren und kämpfen? Für den in Polen lebenden Ukrainer Bogdan gilt es, eine essenzielle Entscheidung zu treffen. Über einen Mann, dessen Leben nach dem russischen Angriffskrieg zum Drahtseilakt geworden ist.

Bogdan nimmt den kleinen Buben auf seinen Arm, trägt ihn weiter Richtung Bahnsteig. „Papa“. Der Bub legt seinen Kopf auf Bogdans Schulter. Neben ihnen geht die Mutter des Kindes. Bogdan hat sie gerade erst kennengelernt. Er hat aufgehört mitzuzählen, wie viele Busse er schon am Warschauer Westbahnhof ankommen gesehen hat, wie vielen Menschen er schon die Koffer abgenommen und in die überfüllte Wartehalle getragen hat, wie viele Gespräche er schon zwischen Ukrainern und Polen übersetzt hat.

Menschen, meist in Jogginghosen, Turnschuhen und dicken Winterjacken, steigen aus dem Bus. Viele Frauen mit Kindern auf dem Arm, die noch zu klein sind, um die Busstufen selber hinunterzusteigen. Bogdan begleitet die Mutter und ihren Sohn in die Ankunftshalle, flüstert dem Kleinen etwas auf Ukrainisch zu, beide lächeln.

Bogdan ist 25 Jahre alt, er ist vor acht Jahren aus der Ukraine für das Studium nach Polen gekommen, wie viele Ukrainer zog es ihn Richtung EU. Nun arbeitet er in einem Handy-Geschäft, seine Familie lebt in Chernivtsi, im Westen der Ukraine.

Hass auf Russland

Wenn Bogdan am Westbahnhof ist, wenn er helfen kann, rückt die permanente Sorge um seine Familie in den Hintergrund. Das Gefühl ist noch immer da, aber nicht mehr so grell, so stechend und unerbittlich. Aber Bogdan ist nicht hier, um die Sorge um seine Familie und seine Heimat zu verdrängen, sondern um den ankommenden Menschen zu helfen. Sie sind in Warschau zwar in Sicherheit, aber sie sind erschöpft von der langen Flucht und oft wissen sie nicht, wie es für sie weitergeht.

Eine junge Frau schiebt mit der einen Hand ihren Kinderwagen vor sich her. Ihr Kind ist ein Jahr und einen Monat alt. Der Vater des Mädchens ist in der Ukraine geblieben. Mit der anderen Hand zieht die Frau einen großen Koffer, auf dem ein vollgefüllter Plastiksack steht, der immer wieder vom Koffer fällt und dabei ihre Hand einschnürt. Dann bleibt sie stehen, lässt den Kinderwagen kurz los, um den Sack auf den Koffer zu hieven, und geht weiter. An ihr strömen andere Menschen vorbei, meist selbst beladen mit Koffern und Tragetaschen. Bogdan ärgert sich über die Menschen, die ihre Warnwesten über die Winterjacken gezogen haben, als Zeichen, dass sie freiwillige Helfer sind, nur herumstehen und darauf warten, dass sie jemand um Hilfe bittet.

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