Digital In Arbeit

Ein Gott, der sich aufs LEID EINLÄSST

1945 1960 1980 2000 2020

Auch Exegetin Ilse Müllner findet in der Bibel keine "Antwort" auf die Leid-Frage. Aber sie rechnet den Bibeltexten hoch an, dass sie "uns mit dem Leid nicht allein lassen".

1945 1960 1980 2000 2020

Auch Exegetin Ilse Müllner findet in der Bibel keine "Antwort" auf die Leid-Frage. Aber sie rechnet den Bibeltexten hoch an, dass sie "uns mit dem Leid nicht allein lassen".

Die gebürtige Wienerin Ilse Müllner ist Professorin für Altes Testament an der Universität Mainz. Ein Gespräch über die Frage nach dem Leiden - und biblische Antwort darauf.

DIE FURCHE: Über die Medien werden wir täglich mit Leiden konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Ilse Müllner: Ich brauche keine Stöckelschuhe in der Blutlache, damit ich begreife, dass ein Sprengstoffattentat furchtbar ist. Man muss aufpassen, was man zeigt, und aufpassen, wer schaut. Ich habe selbst zwei Kinder, sechs und acht, und im letzten halben Jahr manchmal die Zeitung weggeräumt: ich wollte ein-fach bestimmte Fragen nicht am Tisch haben. In "Nachrichten für Kinder" gibt es da auch Aspekte der Bewältigung -es wird etwa gezeigt, wie man in einem Flüchtlingslager auch überleben kann. Es werden keine Bilder gezeigt, die einen nachts verfolgen, und politische Zusammenhänge werden kindgerecht erklärt. Ich glaube, gerade die Frage nach der Bewältigung von Leiden und nach gelingendem Leben in ganz schwierigen Umständen dürfen wir uns ruhig gönnen. Es gibt schreckliche Situationen, aber es gibt auch Menschen, die sie bestehen.

DIE FURCHE: Das Kreuz in den Kirchen ist für viele unerträglich, weil es Leiden darstellt.

Müllner: Für mich war das auch so. Ich merke aber, auch in Auseinandersetzung mit nicht-christlichen spirituellen Bewegungen, wie wichtig mir die Leidenssensibilität des Christentums ist - einen Gott zu haben, der sich selbst aufs Leiden eingelassen hat. Mir begegnen häufig Erklärungen wie "selbst schuld". Ich habe das Gefühl, als Christin darf und muss ich die Unerklärlichkeit des Leidens aufrechterhalten. Da gehört das Bild des leidenden Jesus dazu: politisch ist sein Leid erklärbar, aber individuell nicht -der hat nichts falsch gemacht, im Gegenteil.

DIE FURCHE: Gibt es also so etwas wie sinnvolles Leiden? Müllner: Es gibt erstens kein Leiden, das ich als Außenstehende jemandem anderen als sinnvoll verkaufen kann, zweitens gibt es kein Leiden, dass ich abstrakt als sinnvoll verkaufen kann, drittens gibt es aber in der Selbstdeutung des Leidens die Möglichkeit zu sagen: Ich habe etwas daraus gelernt. Aber das kann sich jeder nur selbst sagen.

DIE FURCHE: Und wie ist das mit dem biblischen Hiob?

Müllner: Hiob sitzt selbst zutiefst im Leiden - und er hat Hoheit über die Deutung seines Schicksals. Seine Freunde ringen darum, aber sie sind gegenüber, und da spricht man anders, als wenn man selbst vom Leiden betroffen ist.

DIE FURCHE: Bietet die Bibel Erklärungen fürs Leiden?

Müllner: Da wird ein klarer Zusammenhang aufgemacht: Was du tust, schlägt auf dich selbst zurück. Wir leben alle im Alltag nach diesem Zusammenhang. Ich glaube erstmal an die Selbstwirksamkeit meines Handelns, dass das, was ich tue, Konsequenzen hat, und dass ich steuern kann, wie ich mich verhalte. Kritisch wird es -wie bei Hiob -, wenn man meint, aus dem, wie es jemandem ergeht, zurückschließen zu können und zu sagen. Ich weiß, was du falsch gemacht hast. Das sind heute gängige Muster, aber wenn jemand meint, wenn du krank bist, hast du was falsch gemacht, da suspendieren wir uns von jeder Barmherzigkeit. Wenn ich meine, ich könnte erklären, wie es zu diesem Leiden gekommen ist -dann mache ich mich erstens selbst immun mit der Illusion "ich werde schon alles richtig machen." Zweitens brauche ich dann nicht für diesen Menschen da sein, sondern schiebe ihm die Schuld in die Schuhe.

DIE FURCHE: Kann das Buch Hiob leidenden Menschen helfen?

Müllner: Die Frau eines Kollegen war an einem Tumor erkrankt und konnte kaum mehr sprechen. Aber sie konnte ihm vermitteln "Lies mir vor -der Mann!" Sie wollte das Hiob Buch vorgelesen bekommen. Da stehen nicht sieben Sätze drin, die helfen. Was hilft, ist, sich aufs Lesen einzulassen, auf die Beschreibung eines Weges. Das ist keine abstrakte Diskussion, sondern eine Geschichte, wenn ich mich darauf einlasse, mich identifiziere, dann kann ich auch in Prozesse einsteigen, die mir weiter helfen.

DIE FURCHE: Gibt es eine Pointe der Hiob-Geschichte?

Müllner: Das Hiob-Buch ist mit 42 Kapiteln ein langer Text, und es lässt sich nicht abkürzen. Als Studentin dachte ich, da gibt es die Geschichte, dann gibt es die Gottesreden, also müsste da eine Abkürzung sein -aber das geht überhaupt nicht. Was für mich nach wie vor nicht zu erklären ist: Da ist jemand, der 40 Kapitel lang Gott alles an den Kopf wirft:"Du bist ungerecht, du schadest mir, behandelst mich ungerecht." Dann bekommt Hiob eine Antwort - die aber scheinbar keine richtige Antwort ist -und reagiert drauf mit "Mein Auge hat dich geschaut". Offensichtlich führt die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Leidensgeschichte Hiob in eine Gottesbegegnung hinein. DIE FURCHE: Genau besehen berichtet die Bibel von sehr viel Leiden. Müllner: Man kann es der Bibel nicht hoch genug anrechnen, dass sie von Leiderfahrungen spricht, die oft verschwiegen werden. Sexualisierte Gewalt wird da in verschiedener Weise zum Thema gemacht, erzählt, beklagt, rechtlich geregelt. Das sind Erzählungen, bei denen den meisten Leuten die Haare zu Berge stehen. Aber so ist das Leben. Ich rechne es den biblischen Texten hoch an, dass sie uns nicht mit dem Leiden allein lassen.

DIE FURCHE: Welche Rezepte gibt die Bibel für den Umgang mit Leiden?

Müllner: Die Bibel ist immer existenziell und nah am Leben der Leute. Es gibt keine Rezepte, es wird auch keine Entwicklung geschildert, im Sinne von "Ich werde immer besser und klüger", sondern unterschiedliche Formen der Leidensbewältigung. Dass Leiden einen Ausdruck finden kann, ist zentral -es gibt Klagepsalmen, sogar ein ganzes Buch "Klagelieder". Es ist interessant, dass in unseren Gesangsbüchern Klage kaum vorkommt. Es gibt in der Bibel auch Erklärungen fürs Leid, wie schon gesagt, aber auch Kritik daran und das Zerbrechen der Erklärungen. Philosophisch liebe ich sehr das Buch Kohelet - da geht einer wach durch die Welt und sagt, diese Erklärungen für Leid reichen mir nicht, denn Menschen und Tiere sterben beide, "beider Atem kommt an den gleichen Ort zurück".

DIE FURCHE: Das ist ein ganz anderes Gottesbild als in den philosophischen Diskussionen, warum Gott Leid zulässt.

Müllner: Für mich ist die Bibel kein Fundus wahrer Sätze, sondern ein Buch, mit dem ich leben kann und will. In allen Gottesbildern vom Anfang bis zum Ende der Bibel geht es immer um Beziehung. Die Beziehung der Menschen zu Gott ist gebrochen -sie hadern und sie kämpfen, gehen weg -die Bibel lässt sich als Beziehungsgeschichte lesen, als eine große Liebesgeschichte zwischen zweien, die sich mal mehr oder mal minder gut verstehen.

DIE FURCHE: Unterscheidet die Bibel zwischen natürlichen und moralischen Ursachen des Leidens?

Müllner: Im Buch Hosea etwa wird beschrieben, dass das Verlassen der Tora, wenn sich die Menschen nicht an die Wege Gottes halten, Auswirkungen auf die Schöpfung hat. Die Unterschei dung zwischen dem malum naturale und dem malum morale ist philosophisch sinnvoll. Aber etwa bei einem Erdbeben ist auch eine Frage, wie stabil gebaut wurde und wer wieviel Geld hat, um stabil zu bauen. Für die Bibel spielt die Unterscheidung keine Rolle. Im Hiob-Buch wird der Wirbelsturm im gleichen Atemzug wie der Einfall eines räuberischen Volkes genannt. Die biblischen Texte fragen nicht, ob es Gott gibt oder nicht, sondern wer der wahre Gott ist. Götter, die nichts bewirken, sind keine Götter. Das handelnde Eingreifen macht Gott aus.

DIE FURCHE: Wie bringen Sie Ihren Kindern Leid nahe?

Müllner: Es geht einmal darum, körperlich da zu sein. Ich habe meinen Kindern nicht erklärt, warum es das Leiden auf der Welt gibt. Ich glaube, da hab ich keinen schlauen Satz dazu. Aber ich erspare es ihnen auch nicht. Ich wurde als Kind zu keiner Beerdigung mitgenommen. Mir ist wichtig, meine Kinder mitzunehmen und ihnen auch zu erzählen, wenn jemand stirbt. Mein Doktorvater Erich Zenger, den ich sehr gemocht habe, ist am Ostersonntag 2010 gestorben, da war meine kleine Tochter noch nicht ganz drei Jahre alt und sehr damit beschäftigt, dass wir im Gottesdienst singen "Jesus lebt", und Erich ist tot! Und ich habe gesagt: Ja, so ist es. In dieser Spannung leben wir.

FURCHE-Navigator Vorschau