Blasen - © Collage: Florian Zwickl (Unter Verwendung von gettyimages / UntitledImages und Maxiphoto
Gesellschaft

Ein Leben, viele Welten

1945 1960 1980 2000 2020

Die Österreicher verschwinden zunehmend in eigenen sozialen Blasen. Dabei macht der Hang zum Individualismus auch vor der Religion nicht halt, wie die aktuelle „Europäische Wertestudie“ zeigt.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Österreicher verschwinden zunehmend in eigenen sozialen Blasen. Dabei macht der Hang zum Individualismus auch vor der Religion nicht halt, wie die aktuelle „Europäische Wertestudie“ zeigt.

Erleben wir ein neues Biedermeier? Wenn es nach den aktuellen Daten der „Europäischen Wertestudie“ (EVS) geht, lautet die Antwort wohl: Ja. Private Lebensbereiche werden den Österreichern immer wichtiger, Religion und Arbeit verlieren hingegen an Bedeutung – so kann man das Ergebnis der Studie, die es nun auch in Buchform gibt, grob zusammenfassen. In ihrer Publikation „Quo vadis, Öster­reich?“, die im Czernin-Verlag erschienen ist, präsentieren die Autoren in detaillierten Analysen einen deutlichen Wertewandel zwischen 1990 und 2018, und das in den verschiedensten Bereichen. Dabei bleibt der Rückzug ins Private seit Jahren eine konstante Entwicklung. Neu ist, dass sich genau hier ein zunehmender Pluralismus erkennen lässt.

„Die Menschen kommen mehr und mehr in der funktional differenzierten Gesellschaft an und leben in vielen Welten ihr spezifisches Leben“, umschreiben die Autoren gewissermaßen das, was landläufig als zunehmendes Leben in sozialen „Filterblasen“ bezeichnet wird. Dahingehend auffallend ist auch der Rückzug ins „Mikrosoziale“. Während die Familie sowohl 1990 also auch 2018 bei jeweils über 80 Prozent der Befragten als „sehr wichtig“ erachtet wurde und quasi unverändert blieb, hat sich die Bedeutung von Freunden und Bekannten in den vergangenen 30 Jahren, von 35 auf 61 Prozent, quasi verdoppelt.

Wunsch nach Entschleunigung

Gleichzeitig verzeichnet die Publikation, die vergangenen Donnerstag vom Forschungsverbund „Interdisziplinäre Werteforschung“ an der Universität Wien vorgestellt wurde, beim Thema Arbeit einen Verlust an Signifikanz. Im Jahr 1999 erachteten 66 Prozent die Arbeit als „sehr wichtig“. Heute sind es nur noch 48 Prozent der rund 1500 bis 2000 Befragten. Parallel dazu nehmen der Wunsch nach Arbeitsautonomie und freier Gestaltung zu. Wie passt das alles zusammen?

„Eine Deutung wäre, dass die zunehmende Beschleunigung der Arbeitswelt zu einem Wunsch der Entschleunigung geführt hat, der den Blick von Menschen auf andere Bereiche umzulenken vermag – eine Art Rückzug aus den kaum mehr erfüllbaren Anforderungen der Arbeitswelt“, schreiben die Autoren. Zudem nehme eine Polarisierung der Berufsstruktur zu. Damit ist sowohl ein Zuwachs von hochqualifizierten Beschäftigten als auch Personen in einfachen Dienstleistungsjobs gemeint. Das Qualifizierungs-Gefälle wird, wie die Autoren schreiben, also immer größer.

„Bedeutsame Verschiebungen“ verzeichnete man in den von einem fächerübergreifenden Team geleiteten Erhebungen auch hinsichtlich der Religiosität. Nur noch 16 Prozent zählten 2018 die Religion zu den sehr wichtigen Lebensbereichen. „Triebfedern für die Veränderungen sind neben Zuwanderungseffekten vor allem Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse“, schreiben die Autoren.

So verlaufe die Konfliktlinie nicht etwa zwischen Christen und Muslimen, sondern vielmehr zwischen Jung und Alt, Männern und Frauen und Stadt- und Landbewohnern. Die Studie hat dabei sechs sozio­religiöse Typen herausgearbeitet, die sich in den verschiedenen Konfessionen wiederfinden, wie zum Beispiel der „urbane Hochreligiöse“. Diese Personen stufen sich in einem hohen Ausmaß als religiös ein und sind sowohl in der römisch-katholischen Kirche mit 44 Prozent als auch bei den Christlich-Orthodoxen mit zwölf Prozent und bei den Muslimen mit 26 Prozent vertreten.