Digital In Arbeit

"Ein Schäuferl Freude und Gelassenheit"

1945 1960 1980 2000 2020

Ein junger Mensch wie Ronny Wytek (Seite 4) beschließt, seinen eigenen Weg zu gehen und sich der Konsumgesellschaft zu verweigern. Der Soziologe und Generationenforscher Leopold Rosenmayr über junge Aussteiger, Exoten und Querdenker.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein junger Mensch wie Ronny Wytek (Seite 4) beschließt, seinen eigenen Weg zu gehen und sich der Konsumgesellschaft zu verweigern. Der Soziologe und Generationenforscher Leopold Rosenmayr über junge Aussteiger, Exoten und Querdenker.

die furche: Kann Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen heute überhaupt noch geübt werden, ohne daraus ein Medienereignis zu machen?

Professor Leopold Rosenmayr: Unsere Konsum- und Vermarktungsgesellschaft produziert natürlich auch Kritik an genau dieser Gesellschaft. Solche Phänomene und Elemente der Kritik existieren in verschiedenen - mehr oder weniger seriösen - Ausprägungen. Hermes Phettberg, der sich zu einem grotesken Lehrmeister und Prediger entwickelt hat, ist so ein medial vermarktetes Beispiel. Oder Max, der Gewinner von "Taxi Orange", der die gewonne Million Schilling spendete. Solche Außenseiter sind die Reaktion auf den gesellschaftlichen main-stream und stellen die Frage: Könnten wir nicht auch ganz anders leben? Mit Jean-Paul Sartre könnte man sagen: Der Ekel an dieser Welt produziert immer wieder Pendelschläge, die durch Einzelne sichtbar gemacht werden. Die werden auch oft sofort ins Licht der Medien gerückt. Aber ebenso schnell verschwinden sie auch manchmal wieder.

die furche: Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Frieden, "Mutter Erde", haben doch nicht nur ein paar Exoten. Das wollen viele junge Menschen.

Rosenmayr: Diese Worte drücken die große Sehnsucht nach Spiritualität aus. Bischöfe, Priester und Religionslehrer haben früher die zentralen spirituellen Botschaften innerhalb kirchlicher Rahmen-Vorgaben vermittelt, die dann hohe Verbindlichkeit erlangten. Innerhalb dieser Botschaften konnte man sich finden und auch eigene Wege gehen. Riten, Beichte, Messebesuch, Sakramente und so weiter sind inzwischen ja abgebröckelt und zum Teil überhaupt aus dem Leben vieler Menschen verschwunden.

die furche: Das Bedürfnis ist offensichtlich geblieben.

Rosenmayr: Die Suche nach spirituellen Orientierungen außerhalb der vorgegebenen Bahnen und Wahrheiten hat begonnen. Man versucht jetzt, an verschiedenen Punkten anzuknüpfen. Nach Möglichkeit bei solchen, die in der Öffentlichkeit aktuellen Wert haben. Die Suche nach "Mutter Erde" ist so ein Beispiel. Bei allen religiösen Suchprozessen geht es auch darum, mit jemandem gemeinsam etwas zu suchen. Ohne Gemeinsamkeit gibt es ja überhaupt keine Religion. Daher werden Gleichgesinnte gesucht, um diese Spiritualität zu leben. Der Heilige Franziskus war beispielsweise sehr verzweifelt, als seine Brüder in manchem nicht mit ihm gingen. Solche Prozesse der Selbstfindung sind meist heftig und mühsam.

die furche: Wer vermittelt in den Familien Spiritualität und Religiosität?

Rosenmayr: Vor allem die Mütter! Es klingt paradox, aber das haben zur großen Überraschung Untersuchungen der letzten Jahre in den USA und Deutschland gezeigt. Die Frauen erscheinen als die "neuen, informellen, familialen Hüterinnen des Religiösen und der religiösen Erziehung". Es ist klar geworden, dass es gar nicht so sehr auf die Harmonie in den Familien ankommt, sondern auf bestimmte Formen des religiösen Klimas und der Erziehung.

die furche: Nehmen wir das Weihnachtsfest. Das wird doch von nicht wenigen jungen Leuten als fad und verlogen abgetan. Wie lässt sich da eine spirituelle Welt aufbauen?

Rosenmayr: Das kann dort gelingen, wo es einen religiösen Kern und eine gewisse Form von Reflexion auf sich, Gott und die Welt gibt. Wo also die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum und das Schenken auch ein religiöses Moment enthalten. Wenn diese Einstellung weitergegeben werden kann, dann zeigt es auch erstaunliche Wirkungen. Das untermauern verschiedene Untersuchungen. Manche Junge, die schon abgedriftet sind, sagen dann: Aha, was ist das? Vieleicht gibt es mir doch etwas!

die furche: Das Interesse an und das Wissen über Bibelinhalte - all das wird doch immer schwächer.

Rosenmayr: Natürlich hören und lesen nicht nur junge Leute die "großen Erzählungen" immer weniger. Aber wenn die Familie noch immer Trägerin religiöser Vorstellungswelten ist, dann gibt es Anknüpfungspunkte oder wenigstens Reste davon. Man muss natürlich die jungen Leute erst davon überzeugen, warum einem Weihnachten spirituell "etwas gibt". Allerdings nicht in belehrender, kontrollierender Form, sondern auch mit einem Schäuferl Freude und Gelassenheit. Die Stimmung ist ein entscheidendes Transportmittel. Durch Konsumrausch und die Unfähigkeit, sich aus der Hektik wieder zu lösen, wird heute vieles verbaut. Aber es gibt eine Sehnsucht nach Sinn, nach dem man das Leben gestalten kann. Es gibt in vielen Verkleidungen diesen Wunsch. Es wird ihn auch zu diesen Weihnachten geben.

Das Gespräch führte Elfi Thiemer.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau