Ein Schritt Richtung Europa

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Seit 11. Juni herrscht für die Ukrainer, die in die EU reisen wollen, Visafreiheit. Mit einer Arbeitserlaubnis hat das allerdings nichts zu tun. Was bedeutet das also für die Ukrainer?

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Seit 11. Juni herrscht für die Ukrainer, die in die EU reisen wollen, Visafreiheit. Mit einer Arbeitserlaubnis hat das allerdings nichts zu tun. Was bedeutet das also für die Ukrainer?

Bereits vor elf Jahren haben die Gespräche über die Visafreiheit zwischen der EU und der Ukraine begonnen, damals unter Präsident Wiktor Juschtschenko, der nach der Orangenen Revolution 2004 in Kiew an die Macht kam. Seit 11. Juni ist es nun soweit. Die Bürger der Ukraine können in die Europäische Union einreisen und sich 90 Tage dort aufhalten. Eine Arbeitserlaubnis ist damit nicht verbunden. Wir haben vier Ukrainer gefragt, was für sie das Reisen ohne Visum in die EU bedeutet.

Kiew. Über den Michaelplatz in Kiew dröhnt Musik aus den Lautsprechern. Hier findet ein Konzert zum Geburtstag der ukrainischen Hauptstadt statt: 2017 wird sie 1535 Jahre alt. Anlässlich des Festes gibt es auch einen Marathonlauf. Auch Mykola Podrezan, 64, aus Kiew nimmt daran teil. Seit einem Autounfall vor 25 Jahren ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Podrezan leitet eine Stiftung, die Menschen mit Behinderung hilft, und reist mit seinem Projekt "Planet Erde -aus dem Rollstuhl betrachtet" um die Welt.

Reisen als Droge

"Ich war bereits in 55 Ländern - davon in 48 im Rollstuhl. Es gibt einen Spruch, den ich sehr mag: Die einzige gesunde Droge ist das Reisen. Für mich trifft das auf jeden Fall zu. Ich habe ein gültiges Schengen-Visum. Die Abschaffung der Visapflicht verändert für mich persönlich nicht viel. Aber für mein Land schon. Ich glaube, es geht bei der Visafreiheit nicht darum, dass es einfacher sein wird, die Papiere für die Reise in die EU vorzubereiten. Es geht um eine Veränderung der Weltanschauung, vor allem bei jungen Leuten. Ich habe schon immer dafür plädiert, dass Rollstuhlfahrer in die EU reisen sollten - um zu schauen, wie das Leben dort organisiert ist. Damit sie wissen, welche Bedingungen sie hier zu Hause anstreben könnten. Je mehr Ukrainer mit dem Gefühl in die EU reisen werden, sie können jederzeit wieder kommen und die Grenze einfach passieren, desto schneller werden wir unser Land zum Besseren verändern. Es ist absolut unnötig, das Rad neu zu erfinden. Wir könnten vieles von unseren europäischen Nachbarn lernen. Deswegen freue ich mich über diesen Schritt Richtung Europa."

Otscheretyne. Es ist hektisch am Bahnsteig, aber Julia Omelchenko, 37, lässt sich nicht ablenken. Aufmerksam kontrolliert sie die Pässe und die Tickets der Passagiere, die in den Zug steigen. Dabei lächelt sie und begrüßt jeden Fahrgast persönlich. Omelchenko trägt eine blaue Uniform, den Rücken hält sie kerzengerade. Seit neun Jahren arbeitet sie als Zugschaffnerin.

"Dass die Ukrainer bald ohne Visum in die EU reisen können, freut mich sehr. Ich finde, es ist wichtig, dass meine Landsleute sehen, wie andere Menschen leben. Im Moment plane ich selbst keine Reise, weil ich mir das finanziell nicht leisten kann. Ich bekomme umgerechnet etwa 100 Euro im Monat. Ich glaube, meinen nächsten Urlaub verbringe ich lieber wieder in der Westukraine, in den Karpaten. Aber eines Tages hoffe ich, nach Deutschland reisen zu können. Ich mag es, unterwegs zu sein, deswegen liebe ich auch meine Arbeit. Jeden Tag treffe ich neue Leute und sehe etwas Neues. Ich bin ständig müde, weil diese Arbeit auch sehr anstrengend ist. Die Route, auf der ich arbeite, dauert 20 Stunden. Vom Osten des Landes bis nach Kiew. Und dann 20 Stunden zurück. Im Moment fällt es mir jedoch schwer, von Zuhause wegzufahren. Ich wohne in Otscheretyne in der Nähe von Awdijiwka an der Front. Es gibt immer noch ständig Beschuss. Ich bekomme Panik, wenn ich meine Schicht antreten muss, und in dieser Zeit die Artillerie-Geräusche lauter werden. Mein Sohn ist 11 Jahre alt, er bleibt dann bei meinen Eltern. Natürlich passen sie auf ihn auf, aber ich bin trotzdem ständig in großer Sorge. Was, wenn eine Rakete unser Haus trifft?"

Mariupol. Wenn man in die Hafenstadt Mariupol im Osten der Ukraine kommt und die geheimen Ecken der Stadt sehen will, sollte man sich von Vova Morrow, 23, führen lassen. Er kennt verlassene Häuser, versteckte Wege und die besten Aussichtspunkte auf die industriellen Landschaften Mariupols. Vova Morrow ist fast zwei Meter groß und läuft mit schnellen, raumgreifenden Schritten. Der gelernte Stahlarbeiter arbeitet als Fotograf.

"Ich war schon fast überall in der Ukraine, aber noch nie im Ausland. Ich habe Bekannte in Berlin und in Tschechien und würde sie gern besuchen. Am liebsten würde ich aber auf den Balkan fahren. Die Menschen dort haben wie wir im Donbass einen Krieg erlebt - es würde mich interessieren, wie es dort 20 Jahre später aussieht. Aber eigentlich will ich die ganze Welt sehen. Es gibt nichts Faszinierenderes für mich, als den Raum mit meinen Schritten auszumessen, einfach dorthin zu gehen, wo ich noch nicht war, Neues entdecken. Die Visafreiheit finde ich super. Erstens kann man sich die 35 Euro sparen und die Zeit, die man dafür verschwendet, zur Botschaft zu fahren und auf das Ergebnis zu warten. Man kann sich einfach auf den Weg machen, wenn man will. Die Aufhebung der Visapflicht ist jedenfalls eine gute Sache für die Ukraine."

Kiew. Im #MediaHub, einem der hippen Kiewer Co-Working Spaces, duftet es nach Kaffee. An den Wänden hängen große Bilder, man liest dort Sprüche, die auf eine ironische Art Zensur und Korruption verurteilen, auf dem Boden liegen bunte Sitzsäcke. Ein paar Männer erkundigen sich gerade bei Valeria Moiseieva, 32, ob sie den Raum für einen Abend mieten können. Valeria Moiseieva ist Direktorin von #MediaHub.

"Ich reise gern und natürlich freue ich mich über die Visafreiheit. Jedes Mal zu einer Botschaft gehen zu müssen, wenn man in die EU reisen will, war kein Vergnügen. Dieser Prozess war mit Unsicherheit, Stress und oft auch mit dem Gefühl der Erniedrigung verbunden. Mein Freund wohnt in Berlin, er als EU-Bürger kann mich jederzeit ohne Visum in Kiew besuchen. Jetzt werde ich auch spontan zu ihm fliegen können, das ist toll. Gleichzeitig macht mir die Visafreiheit Sorgen. Nun wird sich unsere Regierung brüsten, sie hätten es geschafft, alle Forderungen der EU für ein Visa-freies Reisen zu erfüllen."

Und der Fortschritt?

Und Moiseieva weiter: "Tatsächlich ist das alles unter einem enormen Druck seitens der EU und einheimischer Aktivisten geschehen, und schon jetzt verschlimmert sich die Lage wieder. Diverse Politiker versuchen, die Tätigkeit dieser Behörden einzuschränken. Ich hoffe, dass die EU weiter dabei bleibt, unsere Regierung zu kontrollieren und dass sie weiterhin Instrumente dafür hat. Nur der gleichzeitige Druck von innen und außen kann zum Erfolg bei der Korruptionsbekämpfung führen und zu echten Veränderungen in unserem Land."

Laut aktuellen Statistiken waren etwa zwei Drittel von 45 Millionen Ukrainern nie im Ausland. Die Visafreiheit wird vermutlich diese Zahlen nicht grundlegend verändern, denn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung kann sich den Luxus einer Reise in den Schengenraum leisten. Trotzdem zeigen verschiedene Umfragen, dass etwa für die Hälfte der Ukrainer die Visafreiheit mit der EU eine wichtige Rolle spielt. Das hat unter anderem auch ideologische Gründe: Die Visafreiheit ist eine Geste der Annäherung an die EU. Diese sehen selbst die oppositionellen Politiker in der Ukraine positiv. Allerdings ist eine potentielle Mitgliedschaft in der EU, die ebenso etwa 50 Prozent der Ukrainer anstreben, nicht in Sicht. Wegen der andauernden russischen militärischen Aggression im Donbass und der EU-Krise, stehen aktuell andere Fragen auf der Agenda.

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