Ein Song für Rumäniens HEIMKINDER

1945 1960 1980 2000 2020

Rumäniens Song Contest-Beitrag 2015 unterstützt jene Kinder, deren Eltern auf der Suche nach einem besseren Leben in Westeuropa arbeiten.

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Rumäniens Song Contest-Beitrag 2015 unterstützt jene Kinder, deren Eltern auf der Suche nach einem besseren Leben in Westeuropa arbeiten.

Seine Eltern arbeiten im Ausland. Also macht sich der siebenjährige Bub sehnsüchtig auf den Weg und fährt mit einem Boot Richtung Wien, um Mama und Papa zu finden. Der Kurzfilm "Der Donau-Weg", rumänisch "Calea Dunarii", des rumänischen Regisseurs Sabin Dorohoi geht einem unter die Haut. Und er inspirierte die Band Voltaj zu dem Lied "De la capat", in der englischen Version "All Over Again". Damit will das Quintett auf die bedrückende Situation der alleingelassenen Kinder in Rumänien aufmerksam machen -und in Wien den Eurovisions Song Contest 2015 gewinnen. Die melancholische Ballade ist gleichzeitig Titelsong der von der Band gestarteten Kampagne zugunsten der verlassenen Kinder.

Während es vor 70 Jahren viele Kriegswaisen gab, wächst jetzt in Rumänien eine Generation von Migrationswaisen heran. Es ist eine tragische, moderne Geschichte. Sie macht aus Taferlklasslern Schlüsselkinder, so sie noch bei Familienangehörigen oder Verwandten leben können. Viele, die eigentlich ein emotionales Nest, Geborgenheit und Schutz suchen, werden hingegen Heimoder Straßenkinder -und sogar Selbstmordkandidaten. Die Rede ist derzeit von mehr als 350.000 Kindern, die von ihren Eltern getrennt aufwachsen, hauptsächlich aus ländlichen Verhältnissen. Mama und Papa erhoffen sich -finanziell - bessere Aussichten in anderen EU-Ländern, wenngleich zu Dumpinggehältern.

Drei Millionen arbeiten auswärts

Etwa drei Millionen rumänische Arbeitnehmer, meist zwischen 20 und 40 Jahren, kommen in die westliche EU. Am beliebtesten sind Italien und Spanien, gefolgt von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Österreich. Rumänien ist zwar bereits seit 2007 EU-Mitglied. Etliche Länder, auch Österreich, schränkten aber die Arbeitnehmerfreizügigkeit, eine der Grundfreiheiten der EU, mit einer "Übergangsfrist" von sieben Jahren ein. Seit der Arbeitsmarktöffnung im Vorjahr sind hierzulande je nach Statistik 12.000 bis 15.000 rumänische Arbeitnehmer amtlich.

Es sind jedoch viel mehr Rumänen, die hier Jobs verrichten. Als "Freiberufler" kommen etwa Erntehelfer und insbesondere Pflegerinnen. Ohne sie würde die österreichische Hauskrankenpflege womöglich zusammenbrechen. Mehr als 20.000, die Herrn und Frau Österreicher rund um die Uhr betreuen -meist für drei Monate - stammen aus Rumänien; größer ist nur der Anteil der slowakischen Pflegerinnen (knapp 30.000). Mit steigender Tendenz des Bedarfs. Problematisch allerdings ist: Österreich hat nicht rechtzeitig für ausreichend Pflegepersonal gesorgt. Und die rumänischen Pflegerinnen können großteils nur über Vermittlerfirmen auf den Plan treten, die wiederum die 24-Stunden-Betreuerinnen oft in Bedrängnis bringen. Zahlt eine österreichische Familie für die Rundumversorgung der Oma etwa 2200 Euro monatlich, bleiben einer rumänischen Hauskrankenschwester häufig weniger als 1000 Euro.

Den Kindern hilft das Geld nicht

Rumänien gehört -im Gegensatz zu Österreich - zu den 22 der 28 EU-Mitgliedsländer, die einen nationalen Mindestlohn per Gesetz eingeführt haben. Er beträgt umgerechnet 218 Euro pro Monat. Wer mehr Geld braucht oder will, wandert aus. Den traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu Hause hilft das zusätzliche Geld kaum mehr. Wenn Geld mehr zählt als Empathie, haben sich Werte bereits verschoben. Wie Geld die Menschen (ver-)formt, haben Psychologen längst sozialwissenschaftlich untersucht.

Das Phänomen der Sozialwaisen ist ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte Rumäniens. Langzeitdiktator Nicolae Ceausescu (1965-89) betrieb eine Vielkindpolitik, verbot Geburtenkontrolle, honorierte aber Geburten finanziell und ermutigte so viele Eltern, den Nachwuchs in Kinderheime abzuschieben. Inzwischen gehören Einrichtungen mit zum Teil mehr als 1000 Kindern der Vergangenheit an. In jedem Kreis (Art Département wie in Frankreich; Anm.) gibt es seit 1997 eine Kinderschutzdirektion für Heim-und Straßenkinder. Auch ein EU-konformes Kinderschutzgesetz wurde erlassen. Die Anzahl der Sozialwaisen ging zurück. Die sich selbst überlassenen Kinder veränderten sich ebenfalls.

Edith Kirchmann, Vorsitzende der deutschen "Kinderhilfe Rumänien", berichtet von 20 Jahren Erfahrungen vor Ort etwa: "In den ersten Jahren kamen die uns zugewiesenen Kinder aus staatlichen Heimen." In den letzten Jahren seien es vermehrt Kinder aus sozial schwachen oder aufgelösten Familien gewesen. Der rumänische Staat ist offensichtlich auf derartige Unterstützung durch internationale sowie einheimische Organisationen angewiesen, um entwurzelten Kindern, unabhängig von Ethnie und Herkunft, ein Zuhause unter familienähnlichen Bedingungen zu ermöglichen.

Dabei verfügt Rumänien über Wirtschaftsdaten, von denen viele andere EU-Mitglieder nur träumen können. Das Wirtschaftswachstum soll 2015 laut Prognosen 2,7 Prozent betragen (2014: drei Prozent). Doch vom statistischen "Reichtum" hat die Bevölkerung offensichtlich nichts. Sie sinkt seit den 1980er-Jahren und ist wieder unter 20 Millionen gerutscht wie Ende der 60er-Jahre. Die rumänische Staatsverschuldung gehört mit unter 40 Prozent zu den niedrigsten in der EU. Für 2015 wird mit einem neuen Budgetdefizit von 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung gerechnet. Die Arbeitslosenrate liegt bei etwas über sechs Prozent, allerdings sind rund ein Viertel der Jugendlichen offiziell ohne Job. Bereits 2015 wollte man der Euro-Zone beitreten; nunmehr wird das Jahr 2019 anvisiert. Davor möchte das Land endlich in die Schengen-Zone aufgenommen werden.

Kein Schengen-Beitritt in Sicht

Bukarest werde diesbezüglich seit Jahren hingehalten. Ursprüngliches Zieldatum wäre 2011 gewesen. Man habe bereits 1,2 Milliarden Euro für das Schengen-System in Rumänien investiert. Umso schwieriger sei es daher, der Bevölkerung zu erklären, warum das Land immer noch nicht Mitglied sei. "Wir erwarten uns ein Beitrittsdatum für den Schengen-Raum im Luft-und Seeweg noch im zweiten Halbjahr 2015 unter der luxemburgischen EU-Ratspräsidentschaft", heißt es nun von offizieller Seite. Anfang 2016 rotiert der EU-Vorsitz weiter zu den Niederlanden -und die Regierung in Den Haag zählt mit Berlin und Paris zu den größten Skeptikern, was die Akzeptanz von Rumänien in der reisepassfreien EU betrifft.

Zwar hat die Regierung zuletzt einiges zur Eindämmung der Korruption unternommen. Doch hat der Europäische Menschenrechtsgerichtshof von Straßburg erst im April wegen Missständen in Gefängnissen das Land in zwei Fällen verurteilt. Ein Schengen-Beitritt steht derzeit nicht auf der Tagesordnung der EU-Innenminister. Sie verfolgen im Moment eher eine noch schärfere Abschottungspolitik. Vielleicht klappt es 2015 für Rumänien zumindest beim Song Contest mit einem Platz unter den drei Besten. Mit dem Lied wollte die Band Voltaj zu Beginn lediglich Hilfsgelder lukrieren. Damit zum Beispiel jedem Dorf ein Computer zur Verfügung gestellt wird. So könnten die zurückgelassenen Kinder mit den ausgewanderten Eltern zumindest via Skype ein paar Minuten in Verbindungen stehen.

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