Der Philosoph Reinhard Brandt sieht die entscheidende Differenz zwischen Mensch und Tier im Denken. Nur der Mensch thematisiert sich selbst. Das Gespräch führte Simon Varga

Der Mensch habe großen Nachholbedarf, was seinen Umgang mit den Tieren angeht, meint Reinhard Brandt. Die Grenze zwischen beiden deswegen zu verwischen, hält er dennoch für falsch.

DIE FURCHE: Welche Aktualität hat die Tierphilosophie im gesellschaftspolitischen Kontext?

Reinhard Brandt: Ich glaube, dass das Thema an sich große Relevanz hat, die sich derzeit allerdings gesellschaftlich nur schwer messbar machen lässt, was natürlich auch kulturabhängig ist. Meiner Ansicht nach ist es in unseren Breiten nun mehr als an der Zeit, sich den grundlegenden Fragen der Tierphilosophie und -ethik zu stellen. Viele dieser Fragen haben derzeit jedoch kein klares Ziel vor sich, wie mit möglichen Antworten umgegangen werden soll und stehen daher teilweise im leeren Raum.

DIE FURCHE: Sind Menschen Tiere?

Brandt: Ja. Auf der einen Seite ist der Mensch auch Tier. Ich sehe das als einen kaum noch zu diskutierenden Punkt an. Auf der anderen Seite steht jedoch nach wie vor die Frage im Mittelpunkt, welche Privilegien der Mensch gegenüber anderen Tieren in bestimmten Gebieten zu haben meint. Jedoch hat der Mensch nicht ausschließlich Vorzüge gegenüber dem Tier, sondern auch krasse Defizite. Nie wird ein Mensch so elegant fliegen können wie ein Adler. Hier steht der Mensch ganz klar an letzter Stelle. In manchen Dingen mag er hingegen Mittelmaß sein. Im kognitiven Bereich schließlich steht der Mensch an der Spitze. Diese Ansicht hat dem Menschen allerdings in seiner Selbstlokalisierung nicht immer gut getan, da er in mancherlei Hinsicht anmaßend geworden ist.

DIE FURCHE: So wie unter anderem in Bezug auf die Leidens- und Schmerzempfindlichkeit von Tieren?

Brandt: Dieser Punkt hat mich immer zutiefst berührt, und ich halte die Bewusstmachung der Schmerzempfindlichkeit von Tieren für überaus wichtig. Darauf kann meiner Meinung nach nicht genug hingewiesen werden. Dieses jämmerliche Verhalten des Menschen gegenüber Tieren ist wirklich ganz blamabel für uns. Darin sehe ich ein großes Problem wie auch in dem scheinbar schmerzlosen Ausrotten ganzer Tierarten, für das wir mittlerweile durch unseren Umgang mit der Natur verantwortlich sind.

DIE FURCHE: Haben Tiere Bewusstsein?

Brandt: Selbstverständlich haben sie Bewusstsein, auch Selbstbewusstsein, was lange Zeit negiert wurde. Allerdings haben Tiere das, was wir Bewusstsein nennen, in anderen Verhältnissen als wir Menschen. Dennoch können wir davon ausgehen, dass Tiere ein Gefühlsleben haben und untereinander Kommunikation betreiben.

DIE FURCHE: Können Tiere denken?

Brandt: Nein. Einige Tiere sind dem Menschen zwar in vielerlei Hinsicht deutlich überlegen: fliegen, springen, laufen etc. Dann gibt es hingegen etwas, was dem Menschen mehr zukommt als dem Tier, nämlich das Sich-Gedanken-machen-über-Etwas: sich selbst als Mensch zu thematisieren sowie über andere Tiere nachzudenken. Ebenso wie das Reflektieren und auf Fragen Antworten zu geben sowie dabei auch Widersprüche erkennen und ausbessern zu können. Meine These ist, dass es in der Natur keine Widersprüche gibt, sondern erst im Denken und in der Logik. Wir können kein tierisches oder pflanzliches Verhalten, keine sonstige Naturreaktion unter dem Gesichtspunkt des Widerspruchs betrachten. Die Kernspaltung des Atoms ist ein Widerspruch, der sich aus dem Namen allein heraus ableitet: átomos -das ist das Unteilbare. Aber die Kernspaltung würde niemand als widersprüchlich ansehen und sagen, hier ist die Natur im Widerspruch. Das wäre absurd. Tiere können in einem logischen Sinne, wie wir Menschen es können, nicht denken. Sie vollziehen psychologische, keine logischen Prozesse. Tiere können daher in diesem Sinne auch keine Urteile bilden.

DIE FURCHE: Das logische Denkvermögen, zu dem wir in der Lage sind, würden Sie also als das spezielle Differenzierungsmerkmal zwischen Menschen und Tieren bezeichnen?

Brandt: Ja. Und wir haben diesen einen wichtigen Unterschied, der zweifelsfrei nicht der einzige ist, bisher auch schon reichlich ausgebeutet.

DIE FURCHE: Welche Rolle nimmt der Begriff der Generationengerechtigkeit in Bezug auf den Umgang des Menschen mit der Natur ein?

Brandt: Wir haben gegenüber künftigen Generationen nicht das Recht dazu, ihr natürliches Habitat zu verkürzen. Wir sind verpflichtet der nachfolgenden Generation die Natur in der Art und Weise zu überliefern, die für das Überleben wie auch für das gute Leben notwendig ist. Das können wir zwar hier und heute nicht ganz genau bestimmen, aber wir können es ungefähr ausloten. Was jedoch klar auf der Hand liegt, ist, dass bei einer Regression von Naturressourcen Lebensmöglichkeiten verkürzt werden. Und dazu haben wir - wie gesagt - kein Recht.

DIE FURCHE: Gehört ein reflektierter Umgang mit der Natur und den Tieren zu einem guten Leben?

Brandt: Ich denke, da gibt es kulturspezifische Unterschiede. Bei uns können im privaten Bereich durchaus intensive Mensch-Tier-Beziehungen entstehen, die sich bis zur Liebe zu speziellen Tieren steigern. Auch die Erholung des Menschen in der Natur ist ein Bereich einer umfassenden Lebensweise. Ich denke, das gehört zu einem guten und gelingenden Leben im Gesamten dazu.

DIE FURCHE: Warum sind Sie der Meinung, dass gerade jetzt ein guter Zeitpunkt dafür wäre, das Verhalten des Menschen im Umgang mit seiner Umwelt zu verändern?

Brandt: Eine solche Reflexion kann nicht in politischen oder wirtschaftlichen Stresssituationen erfolgen. Auch nicht nach schweren Kriegszeiten wie zum Beispiel nach 1945. Zurzeit gäbe es die Möglichkeit etwas aufzuatmen - trotz aller wirtschaftlicher Turbulenzen - und auf Dinge zurückzublicken, die man vielleicht in der Vergangenheit nicht richtig angegangen ist.

DIE FURCHE: Aus Ihren jahrelangen Forschungen im Bereich der Tierethik: Was wäre Ihrer Meinung nach nun längstens an der Zeit auch in die Tat umgesetzt zu werden?

Brandt: Ein radikaler Wandel im Umgang mit dem Fleischkonsum. Der gelegentliche Verzicht auf das Stück Fleisch am Teller. Aber auch ich sehe in meinem familiären und privaten Umfeld, dass das nicht leicht umzusetzen ist. Weiters wäre meiner Ansicht nach ein Umdenken im Artenschutz erforderlich. Hier sind wir wieder bei dem Umgang mit der Nachhaltigkeit und der direkten Verantwortung gegenüber künftigen Generationen.

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