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Eine Gruft als Wohn- und Schlafzimmer

Bis zu 120 Menschen schlafen in Winternächten in der "Gruft" unter der Mariahilfer Kirche. In der Caritas-Einrichtung unterstützen sie Sozialarbeiter beim Weg aus der Obdachlosigkeit.

Sein Zuhause waren der Esterhazypark im sechsten Wiener Gemeindebezirk und die Donauinsel. Im Winter übernachtete der 43-jährige Steirer Markus in Bahnhöfen oder U-Bahn-Stationen oder drehte Runden durch Wien. Derzeit ist das Caritas Betreuungszentrum "Gruft" sein Wohn-, Ess- und Schlafzimmer. Hier, in den Räumen unterhalb der Mariahilfer Kirche, herrscht Stimmengewirr. Zigarettenrauch liegt in der Luft. Aber es ist warm, im Gegensatz zur Mariahilferstraße, wo ein eisiger Wind weht.

Markus hat es sich an einem Holztisch bequem gemacht. Er trägt einen schwarzen Pullover und Jeans und hat einen Dreitagebart. Ihm sieht man nicht an, dass er seit elf Jahren mit Unterbrechungen wohnungslos ist. Mit 31 Jahren zog der ehemalige Lagerarbeiter und Reifenmonteur nach Wien. "Arbeitsmäßig ist alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte", erzählt der Steirer, dessen Dialekt eine wienerische Färbung bekommen hat. Drei Monate lebte er auf der Straße, bis er durch Empfehlung eines ebenfalls obdachlosen Freundes zur "Gruft" kam und mit saubererem Gewand und Essen versorgt wurde. Die Kleidung und die warmen Mahlzeiten sind Spenden.

Im Betreuungszentrum können die Obdachlosen auch duschen und bekommen sozialarbeiterische, medizinische und therapeutische Betreuung. In der Nacht werden Tische und Sessel beiseite geschoben und Matten aufgelegt. Im Winter ist der Andrang sehr groß. Bis zu 120 Menschen übernachten hier. "Jeder hat sein Platzerl", sagt Markus, der zu den Frühaufstehern zählt und in der "Gruft" oft Karten spielt. "Es sei denn eine Sozialarbeiterin jagt mich Wege erledigen", sagt er schmunzelnd und blickt zu Susanne Peter, der leitenden Sozialarbeiterin des Betreuungszentrums. Vor ihr sei er nie davongekommen. "Das ist nachgehende Betreuung", erwidert sie schlagfertig.

Seit 24 Jahren betreut Susanne Peter, von ihren Klienten liebevoll Susi genannt, wohnungslose Menschen. Als Sechzehnjährige hatte sie mit ihrer Klasse und Pater Albert Gabriel, dem damaligen Priester der Mariahilfer Kirche, Obdachlose mit Tee und Schmalzbroten versorgt. Auch nach der Matura blieb sie der "Gruft" treu, die stetig wuchs und seit 1994 in Kooperation mit der Stadt Wien ganztägig geöffnet ist.

Lebenswelt Donauinsel

Rund 50 Mitarbeiter unterstützen das Projekt ehrenamtlich, darunter Krankenschwestern und Rechtsberater. Auch die Aufgaben der Sozialarbeiter sind vielfältig: "Wir begleiten Klienten zu den Ämtern, beantragen mit ihnen Dokumente und Mindestsicherung, motivieren sie für Notquartiere und zum Duschen", erzählt Peter von ihrem Arbeitsalltag. Dreimal pro Woche besucht sie in der Nacht Obdachlose in deren "Lebenswelt" auf der Donauinsel oder am Schwedenplatz. Immer dabei hat sie winterfeste Schlafsäcke, die Temperaturen bis zu minus 24 Grad aushalten und Zigaretten "zum Kontakt anknüpfen". Durch ihre regelmäßigen Besuche baut sie eine Beziehung zu ihren Klienten auf und zeigt ihnen, "dass jemand da ist, der an sie glaubt". Dabei sei es wichtig, die obdachlosen Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Susanne Peter verliert nicht die Hoffnung. "Ich gebe Klienten erst auf, wenn sie verstorben sind.", betont die Sozialarbeiterin.

Warten auf eine Unterkunft

Viele Obdachlose denken, dass sie an ihrem Schicksal selbst schuld seien. Ihnen sagt Peter: "Die Rettung fragt bei einem Unfall nicht, wer ihn verursacht hat, sondern wer am notwendigsten Hilfe braucht."

Zwei Männer setzen sich neben Markus. Es fällt auf, dass nur wenige Frauen im Raum sind. "Meistens gehen Männer nach Scheidungen", erklärt die Sozialarbeiterin. Frauen leben öfter in "verdeckter Wohnungslosigkeit". Sobald die Klienten Dokumente und Einkommen haben, können sie eine Unterkunft bei der Wiener Wohnungslosenhilfe beantragen. Auf Wunsch werden sie von Sozialarbeitern begleitet. Markus hatte fast eine Wohnung gefunden, ein Krankenhausaufenthalt verhinderte das aber. Jetzt wartet er erneut. Mit Sport kann er sich nicht ablenken. Aus gesundheitlichen Gründen darf er nicht mit seinen Kollegen Fußball spielen. Das Kicken gehört neben monatlichen Ausflügen zum Freizeitprogramm der "Gruft". Susanne Peter trainiert die 18-65-jährigen Hobby-Fußballer. Dabei steht der Spaß im Vordergrund.

Von Profi-Fußballern hat die "Gruft" kürzlich ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Der "FC-Rapid" und seine Fans spendeten dem Betreuungszentrum 35.000 Euro. Markus hat bescheidenere Wünsche ans Christkind: eine Packung Zigaretten und eine eigene Wohnung im neuen Jahr. (Sandra Knopp)

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