Eine Stadt symbolisiert die Welt

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Bis 3. Oktober ist in Berlin noch eine interessante Ausstellungzu sehen: die Entwicklungder Stadt seit der Wiedervereinigung.

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Bis 3. Oktober ist in Berlin noch eine interessante Ausstellungzu sehen: die Entwicklungder Stadt seit der Wiedervereinigung.

Eine sanft gekurvte Einfahrtshalle im Obergeschoß, Kopfbahnhof und Endstation der vielen Westpakete für die Brüder und Schwestern im Osten, vor noch nicht allzu langer Zeit. Neben dem gerade renovierten und nun wie ein Flughafen wirkenden Ostbahnhof liegt der ehemalige Postbahnhof. "z.B. Berlin - zehn Jahre Transformation und Modernisierung" heißt die Ausstellung, die noch bis zum 3. Oktober läuft.

Die Stadtentwicklung zieht Bilanz der ersten Dekade in Wiedervereinigung. Eine Etage tiefer geben im düsteren Gemäuer des Postumschlagplatzes Installationen einen schrägen Blick auf Berlin frei: Der Weg der Windel wird filmisch bis zum Platzproblem im Müll nachgezeichnet. Die Stadt, die eine Welt symbolisiert, bis zur Welt, die eine Stadt wurde. Zwei einander gegenüber liegende Projektionswände flackern in rascher Diaschau den Verlauf der ehemaligen Berliner Mauer, einmal in den Westen, einmal in den Osten gesehen. Die optischen Rundgänge in Siebenmeilenstiefeln sind aber auf den beiden Flächen nicht synchron, sondern im und gegen den Uhrzeigersinn. In einem transparenten Würfel darf der Besucher in einem Fauteuil Platz nehmen und sich über Kopfhörer eine U-Bahnfahrt einspielen lassen.

An einer Haustür gegenüber kann er an allen Wohnungen klingeln und das unterschiedliche Berlin über die Gegensprechanlage erfahren, ein akustisches Soziogramm der Bewohner erfahren. Einen Stock höher informiert die Ausstellung: Loren, beladen mit Ausstellungsobjekten, warten auf die Blicke der Besucher. Auf dem Holzbahnsteig trippelt man zwischen den Gleisen und hört die Musik der Stadt: Maschinen, Metall auf Metall, den Abrieb des Verkehrsflusses, das ständig unterschwellige Brummen eines Platzes, an dem 3,5 Millionen Menschen zusammenleben.

1.400 Mrd. Baukosten Die Schautafeln lehnen Holzkästen, als würde sie der Postzug demnächst mitnehmen. 28 Jahre lang lebten die beiden Stadthälften ohne organisatorischen Zusammenhang nebeneinander, mehr als 1.400 Milliarden Schilling wurden inzwischen für die Bautätigkeit im öffentlichen und privaten Bereich ausgegeben. 150.000 Wohnungen sind neu entstanden, viele wurden modernisiert.

Der farbenfrohe Plattenbau 2000 will die Integration ostdeutscher Tristesse - 700.000 Menschen leben in diesen Siedlungen - in die fröhliche West-Konsumgesellschaft versinnbildlichen. Nebeneinander hängen die "Vorher-Nachher"-Bilder: Ein Luftbild vom Brandenburger Tor mit der strangulierenden Manschette der Mauer in einem weiten Grünstreifen, eines vom Tor, bedrängt von Kränen und den neuen Palästen wirtschaftlicher Macht. Die gläserne Reichstagskuppel als neues und gelungenes Wahrzeichen der Stadt, Bundeskanzleramt und Bundestagsgebäude, die sich zweimal als Riegel über den Spreebogen legen, eine Klammer zwischen dem früheren West und Ost symbolisierend - das ist das offizielle Berlin von heute. Auf 30 Quadratkilometern soll eine zusammenhängende Stadtstruktur wiederhergestellt werden. Aus dem blind und staubig gewordenen Lehrter Stadtbahnhof soll im Herzen der Stadt die künftige Verkehrsdrehscheibe Berlins werden: Eine Viertelmillion Menschen wird in wenigen Jahren dort umsteigen, wo sich einander jetzt noch ein paar Bahnsteigstümpfe aus Beton entgegenstrecken.

140 Milliarden Schilling hat die Bahn in den Ausbau der Strecken der deutschen Hauptstadt investiert. Die Fahrzeit nach Warschau hat sich um mehr als ein Drittel auf knapp sechs Stunden verkürzt. Lücken im städtischen Schienennetz wurden geschlossen, S-Bahnlinien reaktiviert. Der einst typische Berlin-Smog ist Geschichte, 600.000 Wohnungen wurden saniert, die Kohleheizung im Ostteil nimmt ab. Die Abfallmenge der Bewohner hat sich in sieben Jahren auf 1,3 Millionen Tonnen jährlich halbiert.

Solar-Hauptstadt Berlin steht auf märkischem Sand und Wasser. Nachhaltiges Management gewährleistet, dass nicht mehr Wasser entnommen wird als sich unterirdisch neu bilden kann. Berlin ist eine grüne Stadt mit 2.596 Parks, und sie will zur Solarhauptstadt werden. Noch immer ist Berlin die Stadt der Filme, inzwischen haben sich auch die Literaten in fast schon inflationärer Form der deutschen Hauptstadt als Hintergrund ihrer Stoffe angenommen. Mit der Regierung sind auch zahlreiche Medienunternehmen nach Berlin gezogen.

In einem gewaltigen Strukturwandel sank die Zahl der Industriearbeitsplätze von einer Viertelmillion auf 150.000. Ebenfalls 150.000 Arbeitsplätze sind aber im Dienstleistungsbereich entstanden. Hinzu kommen 130.000 Studenten. Der Bezirk Prenzlauer Berg gilt als größtes zusammenhängendes Sanierungsgebiet Europas. Wohnen am Wasser hat die Stadt neu entdeckt. Die Seen und Flüsse in und um die Stadt eröffnen viele neue Möglichkeiten ...

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