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Eine Zeitreise mit Gegenwartsschock

1945 1960 1980 2000 2020

Der moderne Massen- und Erlebnistourismus läßt keine Zeit mehr für die Einfühlung in fremde Welten und Kulturen. Welche Zukunft haben anspruchsvolle Studienreisen?

1945 1960 1980 2000 2020

Der moderne Massen- und Erlebnistourismus läßt keine Zeit mehr für die Einfühlung in fremde Welten und Kulturen. Welche Zukunft haben anspruchsvolle Studienreisen?

Die auf Kalkstein im Relief eingemeißelten Götter und Könige - viele von ihnen noch farbenprächtig - blicken ernst und stumm auf die unter ihnen vorbeiziehenden Beschauer ...

In vielen, ganz oder teilweise erhaltenen Tempeln Ägyptens wiederholt sich täglich dasselbe Bild: die Besucher bleiben stehen, werden mit lauten Stimmen in verschiedenen Sprachen gruppenhaft belehrt und ziehen dann weiter.

Bei einer genaueren Betrachtung ergibt sich: Diese Götter und Könige auf Tempelwänden blicken nicht zu den Touristen hin. Streng im Profil dargestellt, die eine Schulter stark vorgeschoben, sind sie mit den Blickkontakten untereinander, gelegentlich mit Berührungen, aber immer nur innerhalb ihrer eigenen, abgehobenen Welt befaßt.

Warum die Tierköpfe auf den Menschenkörpern? Sind das zu Stein gewordene Totems? Wurden, als man die Sippen und Stämme zu einer Vereinigung zwang, aus deren regionalem und partikularem Erbe tribale Traditionen fixiert und in den Symbolen aus Stein weitergeführt, emporgehoben in die Hochkultur?

Man vergißt in Ägypten, in Afrika zu sein. Doch da trugen und tragen in abgeschiedenen Regionen zum Teil noch heute kultische Tänzer Tiermasken, sei es bei Begräbnissen oder Initiationsriten. Und es verwandeln sich viele Maskenträger auch nach ihrem subjektiven, oft ekstatischem Bewußtsein in Totems. Für die Zeit des Ritus sind die Tänzer Wesen einer anderen Welt. Sie wirken auch so auf alle am Kult Beteiligten. Sie verschmelzen mit der Ehrfurcht gebietenden, nach dem Ende der kultischen Zeremonie wieder versteckten Maske.

Die durch Jahrhunderte reproduzierten, wie eine heilige Schrift festgehaltenen Götter der ägyptischen Hochkultur, enthalten sie Elemente der tribalen Maskentänzer? In der Umwandlung zur repräsentativen Götter-Gestalt, verschmolzen da Maske und Körper zum sakralen Typ, der sich Schritt für Schritt und schließlich über die beiden Reiche von Unter- und Oberägypten verbreitete? Oder sind das nur Spekulationen eines Afrikaforschers, der mit Schauer und Ehrfurcht die Öffnung von Fetischkästen erlebte und zu den im Busch versteckten Fetischhäusern hinschlich? (Der Autor arbeitet seit über 15 Jahren bei den Bambara und bei den Dogon in Mali über die Wirksamkeit von Traditionen im Modernisierungsprozeß Westafrikas; Anm. der Red.)

Die alten Ägypter waren keine negroide Bevölkerung. Darf da die afrikanische Perspektive auf Stammeskultur eingesetzt werden, um ein neues Element des Wunders der Entstehung der ägyptischen Hochkultur zu verstehen? Der Reiz bei der Betrachtung der ägyptischen Götterwelt entsteht dadurch, daß die uralten tribalen Voraussetzungen der tierköpfigen Wesen in ihrer Eigenwilligkeit und Vielfalt in einen strengen Formkanon eingebunden wurden. Dieser Kanon der formalen Darstellung, der wie ausgestanzt wirkt und über die Regionen und Zeiten - viele Jahrhunderte - hinweg in der Struktur weitgehend stabil blieb, übertrifft an Strenge und Kontinuität alle anderen Kulturen der Welt. Kunstwissen und Kunstwollen haben eine magische und heroische Welt zu Bildern und Aussagen gedrängt, eindrücklich zum Sprechen gebracht, in den Sakralräumen für die Priester, in den Vorhallen für das Volk.

Experten-Herrschaft Die ägyptische Kultur ist eine des Festhaltens, nicht des Wandels. Eine arme Bauernbevölkerung wurde von winzigen Kernen priesterlicher Experten und Königen samt deren Stäben beherrscht, Jahrhunderte hindurch ohne städtische Freiheit und deren intellektuelle Bewegung. Aber die priesterlichen Experten brachten astronomische Berechnungen hohen Niveaus, den heute noch gültigen Kalender und exakte Landvermessung zwecks Errichtung von Bewässerungskanälen zustande. Die hoch-entwickelte, ausgefaltete Palette fachärztlichen Wissens (und ebensolcher Praxis) der Priester überraschte schon den griechischen "Historiker", den Erforscher des für das frühe Europa Fremden, Herodot. Die ägyptischen Beamten entwickelten eine Literatur der Lebensweisheit und sozial-moralischer Regelungen; Natur- und Liebesdichtung und Hymnik entwickelten sich.

Am stärksten schlugen mir meine afrikanischen Erinnerungen an Fetischhäuser, die man auf versteckten Pfaden, geführt von einem Fast-Verräter erreicht, in einem bestimmten Moment entgegen. Das war, als ich mich an der Westmauer des Tempel-Areals von Karnak (in Theben) kurzfristig vom Touristenstrom isolierte. In einer Nebenkammer des kleinen Ptah-Tempels sah ich im Halbdunkel die löwenköpfige Sechmet überlebensgroß auf einem Thron sitzen, - souverän, ehrfurchtgebietend. König Thutmosis III., der Nachfolger der wahrhaft imperialen Königin Hatschepsut im 15. Jh. v. Chr., hatte, krank und leidend, eine Vielzahl von Statuen dieser Göttin, so auch im Tempel von Karnak, in der Hoffnung auf Heilung errichten lassen. Diese kleine Kammer verschloß der örtliche Wächter für unsere Gruppe mit einer Holztüre, sodaß der vor Jahrtausenden bestimmte Lichteinfall zur Wirkung kam. In der Stille des Augenblicks wurde in der steinernen Gestalt auf einmal die Suggestion der Götterfigur erfahrbar. Die Göttin wirkte unnahbar aber doch ausstrahlend, als bedürfe sie gar keiner Verehrung, sondern als trüge sie diese schon in sich. Das Religiöse hat sich in Ägypten als Fluidum über Jahrtausende erhalten. Rilke fühlte sich im Tempel von Karnak, wie er schrieb, "am Ziel" angekommen ...

Nicht weit von der eher abgelegenen Votivkapelle der löwenköpfigen Göttin bietet sich ein völlig anderes Bild. In ganz hellem, fast weißem Sandstein steht da, etwas über dem Niveau auf einer durch Stufen zugänglichen Plattform, ein kleiner wie zart anmutender Tempel. Wurde er gereinigt oder renoviert? Handelt es sich um eine Kopie zum Anschauungsunterricht? Wer sich diesem Tempel nähert, hat das Gefühl, auf einem Lehrpfad zu wandeln. Womit hat man es also zu tun?

Schon lange war vermutet worden, daß man sich bei der ungeheuren Anhäufung von Stein für die Errichtung beziehungsweise Erweiterung des gigantischen Torgemäuers der Pylonen von Karnak des Abbruchmaterials älterer Tempel bedient hatte. Nun kam es vor einigen Jahren zu der aufwendigen, materialumwälzenden Aktion der systematischen Nachsuche nach den alten im Torgemäuer verwendeten Tempelresten. Die Archäologen entschlossen sich zum Abbau der Pylonen bei Ersetzung der gefundenen, bearbeiteten Stücke durch neu gebrochenes Füllgestein und damit zum Wiederaufbau der Pylonen in der identischen Form nach Entnahme der wertvollen Eingeweide. Und so strahlt jetzt in der Sonne der aus den Bruchstücken errichtete alt-neue Tempel. Er vermittelt den Genuß der Betrachtung ebenso zarter wie strenger Reliefs aus einer gegenüber den monumentalen Hauptbauten von Karnak früheren Epoche. Nicht weit davon entfernt stehen Holzgerüste um eine Baustelle. Dort wird nach dem gleichen Verfahren eine intime Tempelhalle als dreidimensionales Puzzle aufgebaut. Die Archäologen nennen dies Anastylose. Man bewundert den Ehrgeiz, die Sachkenntnis und die Ausdauer, die sie aufbringen.

Nach Abgabe eines kräftigen Bakschisch an den Spezialwächter des öffentlich noch nicht zugänglichen Areals verläßt man nachdenklich die Stätte der Wirksamkeit der Wissenschaft. Es wird deutlich: je mehr Tempel man stückweise aus altem Gemäuer hervorzaubern kann, desto eher vermag man Touristen zu neuen Sehenswürdigkeiten zu locken und so die Haupteinnahmsquelle des Landes, den Fremdenverkehr, zu stärken. Wissenschaftlicher Ehrgeiz und ökonomische Interessen (des Staates) wirken zusammen. Ein Hotelbau folgt auf den anderen - schon in Richtung Überkapazität?

Eine Flotte von mehrstöckigen Nil-Kreuzern ankert leer in mehreren Reihen am Ufer des Flusses in Luxor (Theben). Werden demnächst, weil zu viele, auch die Hotels sich entleeren? Welche Zukunft ist überhaupt den Kulturreisen beschieden? Werden sich die neuen Generationen, soweit sie sich Fernfahrten samt gepflegter Unterbringung leisten können, nicht eher dem Erlebnistourismus verschreiben als den Studienfahrten mit all der geforderten Aufmerksamkeit, Ausdauer und Verarbeitungskapazität?

Alle Geschichte ist immer nur vermittelt zugänglich. Die alte ägyptische Kultur, in ihrer Einzigkeit religiös ritueller Bestimmtheit, hat trotz aller internen Brüche und auch Perioden der Fremdherrschaft, ein überzeugendes Netzwerk der Lebens- und Todesdeutung magisch-übersinnlicher Kräfte über viele Jahrhunderte geworfen. Und an diesem Netzwerk in Stein werden die Touristen im Stimmengewirr der professionellen Interpreten entlanggeschoben.Für Betrachtung oder gar Einfühlung bleibt keine Zeit. Die neue Gruppe wartet schon. Das verbotene Blitzlicht zuckt auf die Wände. Wo das Blitzen erlaubt ist, kommt es zu kleinen, bleichen elektronischen Gewittern. Die Geschichte will eingesammelt werden. Die Stimmung zählt nicht, nur der Erwerb scheint wichtig, wie auch sonst in unserem Leben anno 1999. Der Erwerb wovon? Von allem, dessen man habhaft werden kann, das man festzuhalten, zu registrieren vermag: possesive Informatik.

Die ägyptische Geschichte und ihre Kunst sind nur stark gebrochen erfahrbar. Dabei spielt weniger Rolle, daß die Säulen gebrochen und die meisten steinernen Dächer der Tempel eingestürzt sind. Der Bruch liegt darin, daß der Massentourismus samt seiner von jeglicher Verehrung grundverschiedenen Neugier alles umflutet. Man muß ihn dazunehmen und neben dem eigenen fragmentarischen historischen Wissen noch die heftigen Massen-Schauaktivitäten und deren Ratlosigkeit angesichts so vieler Götter und Göttlichkeit ertragen. Das Geschiebe in den Tempeln ist nicht anders als in den Flughäfen, von denen die Airbusse die Menschen zu den entfernten Sehenswürdigkeiten transportieren.

Abu Simbel, den in 17jähriger UNESCO-Arbeit aus dem Gestein geschnittenen monumentalen Felsentempel Ramses II., der 65 m höher und 150 m landeinwärts versetzt und wiedererrichtet wurde, hat man zum Schutz mit Beton eingebunkert und mit einer Riesenkuppel überwölbt. Darüber hat man wieder Felsbrocken und Wüstensand gestreut. Abu Simbel ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft und Technologie mit Geschichte umgehen, was sie möglich machen und was sie zerstören.

Ein letzter Blick?

Über dem versetzten Tempel lagert nun ein künstlicher Hügel. Die stündlichen Shuttle-Flüge von Assuan her bringen die Touristenladungen zu dem religiös-politischen Demonstrationswerk des vielleicht mächtigsten aller Pharaonen, Ramses II. (1290-1224 v. Chr.) Nach knapp eineinhalb Stunden holen die Flugzeuge ihre Touristen-Gruppen wieder ab. Nachdem man sich in Abu Simbel durch die unübertroffene Fassade mit den Kolossalfiguren und durch die Kunst des Inneren trotz allen Menschengewirrs hat gefangen nehmen lassen, ist die Durchquerung des Kunsthügels mit seiner modernen Stütz- und Schutztechnologie eine arge Ernüchterung. Es bleibt, scheint es, keine Alternative: wir sind unterwegs zur virtuellen Welt. Wie lange wird es noch dauern, und man wird in der Totenstadt von Theben, im "Tal der Könige" die ausgemalten Gräber schließen, um die Zersetzung der Farben durch den Aushauch und Schweiß des Touristenstroms zu verhindern. Es bestehen Pläne, die Gräber zuzumauern und sodann (in einem Tal daneben?) millimetergenau nach neuesten photographischen Verfahren - es gibt schon Firmen, die das können - zu reproduzieren. Glücklich also, wer die Malerei im Grabe Tutenchamuns, des Wiederbegründers der Orthodoxie nach dem "Bildersturm" Echnatons, noch sehen kann. Gerade an dieser Malerei und der ganzen, den jung verstorbenen Herrscher umrahmenden Kunst, läßt sich die von den Griechen, zuerst von Herodot im 5. Jh. v. Chr. betonte "Frömmigkeit" der Ägypter nachfühlen. Die Schönheit, die von den "Gemälden" wie eine Strahlung ausgeht, wirkt trotz des musealen Settings und trotz der vielen Betrachter ganz stark und direkt. Die Zeit nach dem revolutionären Pharao Echnaton, dessen dem Monotheismus sich annähernde Lehre sehr wahrscheinlich auch Moses beeinflußte, hat aus dem Monotheismus (Henotheismus) des Echnaton eine Art pantheistische Einbettung der "Vielgestaltigkeit und Vieldeutigkeit göttlichen Wesens" (Erik Hornung) bezogen. So erscheint die "Frömmigkeit" der alten Ägypter in der Spätzeit des "Neuen Reichs" von einer umfassenden Harmonie getragen. Auch die umfängliche Weisheitsliteratur, die über die Jahrhunderte hinweg "Lebenslehren" an die Jungen produzierte, ist auf Erziehbarkeit und Ausgleich, auf immensen Frieden gestimmt.

Wer heutzutage durch Ägypten reist, kann sich, wenn auch nicht von Harmonie, so doch von einer staatlich veranlaßten Vorsicht durch mannigfache Kontrollen und viele Bewaffnete beschützt fühlen. Es mag aufs erste befremden, von Luxor nach Abydos im Polizeikonvoi zu fahren. Dazu dienen behelfsmäßig gepanzerte Wagen, und am Besichtigungsort werden die Touristen von einem hoch am Kamel plazierten Posten mit Maschinenpistole bewacht.

In manchen Regionen des Landes, dessen Bevölkerung durch Geburtenreichtum und Lebensverlängerung weiter gewaltig wächst, sodaß auch Armut sich vervielfacht, herrschen praktisch die Fundamentalisten. Man muß diese Gruppen wohl auch vor dem Hintergrund unbewältigter Modernität, brutaler Urbanisierung und verzweifelter Arbeitssuche verstehen. Aber es sieht so aus, als gäbe es da unausgesprochene Abkommen zwischen der Regierung und den Fundamentalisten. Man reist, ob man es weiß oder nicht, durch einen Waffenstillstand, auf den für Touristen errichteten Sicherheitsschienen mit modernen Transportmitteln.

Nichts ist uns direkt gegeben, auch die großen Pyramiden von Gizeh sind von Vergangenheit und Gegenwart umzingelt. Taucht nicht unter der Sphinx von Gizeh die kleine Gestalt Napoleons auf? Und er spricht, am 25. Juni 1798 nach dem von ihm und seinen Soldaten errungenen Sieg über die Mamelucken, zu den ausgetrockneten und durchfallsgeplagten Männern: "40 Jahrhunderte blicken auf Euch herab." Dann läßt er, wie einst Alexander der Große, die Forscher in seinem Troß tätig werden. Die Ägypten-Faszination und die großen europäischen Raubzüge des 19. Jahrhunderts zur Aufstockung kaiserlicher und königlicher Museen beginnen. Bei dieser Antiquitätenjagd suchte ein Monarch den anderen zu überflügeln, sodaß manche an sich zusammengehörige Köpfe, Körper und Beine von Statuen manchmal in verschiedenen europäischen Metropolen musealisiert wurden und bis heute blieben.

Abenddämmerung in Gizeh. Hinter der Cheopspyramide beginnt es zu dunkeln. Die Touristenströme werden umwallt von Hunderten ägyptischer Jugendlicher, die, nach Geschlecht getrennt, am Feiertag in Gruppen herumstreifen und sowohl einander als auch die Touristen anschauen. Sie scheinen nichts Besseres zu tun zu haben als einen Ausflug zu den Pyramiden zu unternehmen. Bald werden sie vom Zentrum von Kairo mit der U-Bahn bis hierher fahren können.

Hunderte von Autos und Bussen stocken und hupen in der Flanke der 40 Jahrhunderte. Die afrikanische Nacht fällt ohne Dämmerung rasch herein. Das ist der Moment, in dem der Sonnengott Re von seiner Mutter, der Göttin des Himmelsgewölbes, Nut, verschlungen wird. In den Grabkammern wird Nut auf der Decke dargestellt, beugt sich schwarzgesichtig-nächtlich über die Erde und berührt mit den Füßen den westlichen, mit den Händen den östlichen Horizont. Für die Ägypter war klar, daß sie am nächsten Morgen den strahlenden Sohn, die Sonne, wiedergebären würde.

Der Autor ist Professor für Soziologie in Wien.

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