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Gesellschaft

Eines bösen Furchen-Diebes letzter Trost

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Teufel an der Wand

Wenn die diesseitigen Gesetze die diebischen Menschen nicht zur Raison bringen, dann hilft das Böse weiter mit höllischer Rache.

Das Nehmen und Eignen von Dingen und Wesen ist eine der verzwicktesten Angelegenheiten der menschlichen Gesellschaft. Wenn man es streng betrachtet, steht dieser Konflikt auch am Beginn des Nachdenkens über Ordnung und Recht an sich. Und es ist Gegenstand der ersten Machtfrage: Wie gelangt man über den Zustand hinaus, in dem ein einzelner Gebieter alles Recht in der Horde repräsentiert und über Leben und Gut aller gebietet? Wie schafft man Recht für alle über den Einzelnen?

Letztlich ist Diebstahl der gewöhnlichste Versuch, diesen Anspruch der Zivilisation zu verletzen, indem jemand sich ein Unrecht herausnimmt, um sich das eigene Leben zu verbessern. Die Versuchung dazu ist so groß, dass Diebstahl im weiten Lauf der Geschichte der weitverbreitetste und auch meistgehasste Begleiter der Zivilisationen wurde. Denn nicht einmal der Dieb würde selbst gerne bestohlen werden.

Es kann ja auch kein Zufall sein, dass Aristoteles in seiner Abhandlung über die Ökonomie die Räuberei noch als ordentlichen Erwerbszweig anführt. Vermutlich eine philosophische Verzweiflungstat. Hier kann sich der Leser nun fragen, was das alles mit dem Teufel und mit Grenzen zu tun habe?

Märchen- und sagenhaft viel. Denn die Energie menschlicher Diebeskraft überflügelte die Drohung irdischer Gerichtsbarkeit offensichtlich bei weitem.

So musste Eigentum also auch noch von jenseitigen Instanzen geschützt werden. Es musste quasi per Verdammung der Untat geheiligt werden. Der Teufel hat diese soziale Wohltat im Glauben der Menschen übernommen. Er zerrt die Sünder in höllische Gluten und schickt sie hie und da als Zombies auf die Welt zurück, um die Menschen zu mahnen. Das Böse ist also der Rächer des Frevels am Guten. Das funktionierte so gut, dass den Erfindern gar nicht auffiel, dass das Böse als Verteidiger des Guten ein Widerspruch ist.

Es kann ja auch kein Zufall sein, dass Aristoteles in seiner ersten Abhandlung über die Ökonomie die Räuberei noch als ordentlichen Erwerbszweig anführt.

Der Diebsakt auf offenem Feld

Ein besonderer Diebsakt, der besonders jenseitige Rache nach sich zog, war ein Grenzverstoß im wahrsten Sinne. Man stelle sich einen mittelalterlichen Bauern vor, mit einem Acker, der mit Grenzsteinen markiert ist, neben dem Acker des Nachbarbauern. Im Herbst, nach der Ernte geht er in pechschwarzer Nacht auf das Feld und versetzt seine Grenzsteine so, dass er sich gerade ein oder zwei Ackerfurchen vom Nachbarfeld abzwackt. Einmal mit dem Pflug die Furche gezogen und der Nachweis des Vergehens ist äußerst schwer zu erbringen. So geht "Grenzsteinfrevel".

Und hier kommt der Teufel ins Spiel und sein heiliger Spuk. Denn er verwirklicht in abendländischen Erzählungen als ewiger Rächer den heiligen Zorn gegen die Übeltäter. Und auf eine perfide psychologische Weise zeichnet die Art der Strafe für die Grenzsteinrücker auch den ganz normalen Sorgen nach, die Nichtdiebe mit Eigentum haben. So wird der Spruch "Eigentum ist eine Last" dem sündigen Grenzsteinrücker mit einer unglaublicher Marter angehängt. Im oberösterreichischen Mühlviertel erzählt man folgende Geschichte: Zu Prägarten starb ein Bauer, der ohne Wissen seines Nachbarn einen Markstein verrückt hatte. Immer am Allerseelentag, an dem die armen Seelen aus dem Fegefeuer dürfen, erschien er seinem Sohn mit einem Topf voll Erde auf dem Kopf oder tief gebeugt einen Grenzstein schleppend.

Ein weiterer beliebter Spruch, zu hören immer noch in Zeiten von Finanzkrisen: "Gier macht kopflos." Und hier die Grenzsteingeschichte dazu: In einem Ort in Franken kam es über Jahre zu seltsamen Begegnungen in der Nacht. Spaziergänger wurden von einem Mann ohne Kopf, mit einem schweren Markstein auf dem Rücken begleitet. An einer bestimmten Stelle setzte der Kopflose den Stein hin und verschwand.

In Niederösterreich geistern die Grenzsteinrücker auch oft mit einem verzweifelten Spruch durch die Nacht, der ebenso Investoren und Anlegern gelten kann: In tiefer Nacht rufen die Geister "Wohin soll ichs bloß legen?" Befreit wird der Sünder erst durch einen Menschen, der die Gerechtigkeit auf der Zunge trägt. "Dort, wo du's hergenommen hast". Dann wird der Grenzstein des Ackerdiebes zurückversetzt und die Seele hat ihre Ruh. Man könnte auch sagen: Die rechte Anlage ist des Furche-Diebes letzter Trost.

Teufel an der Wand

Wenn die diesseitigen Gesetze die diebischen Menschen nicht zur Raison bringen, dann hilft das Böse weiter mit höllischer Rache.

Das Nehmen und Eignen von Dingen und Wesen ist eine der verzwicktesten Angelegenheiten der menschlichen Gesellschaft. Wenn man es streng betrachtet, steht dieser Konflikt auch am Beginn des Nachdenkens über Ordnung und Recht an sich. Und es ist Gegenstand der ersten Machtfrage: Wie gelangt man über den Zustand hinaus, in dem ein einzelner Gebieter alles Recht in der Horde repräsentiert und über Leben und Gut aller gebietet? Wie schafft man Recht für alle über den Einzelnen?

Letztlich ist Diebstahl der gewöhnlichste Versuch, diesen Anspruch der Zivilisation zu verletzen, indem jemand sich ein Unrecht herausnimmt, um sich das eigene Leben zu verbessern. Die Versuchung dazu ist so groß, dass Diebstahl im weiten Lauf der Geschichte der weitverbreitetste und auch meistgehasste Begleiter der Zivilisationen wurde. Denn nicht einmal der Dieb würde selbst gerne bestohlen werden.

Es kann ja auch kein Zufall sein, dass Aristoteles in seiner Abhandlung über die Ökonomie die Räuberei noch als ordentlichen Erwerbszweig anführt. Vermutlich eine philosophische Verzweiflungstat. Hier kann sich der Leser nun fragen, was das alles mit dem Teufel und mit Grenzen zu tun habe?

Märchen- und sagenhaft viel. Denn die Energie menschlicher Diebeskraft überflügelte die Drohung irdischer Gerichtsbarkeit offensichtlich bei weitem.

So musste Eigentum also auch noch von jenseitigen Instanzen geschützt werden. Es musste quasi per Verdammung der Untat geheiligt werden. Der Teufel hat diese soziale Wohltat im Glauben der Menschen übernommen. Er zerrt die Sünder in höllische Gluten und schickt sie hie und da als Zombies auf die Welt zurück, um die Menschen zu mahnen. Das Böse ist also der Rächer des Frevels am Guten. Das funktionierte so gut, dass den Erfindern gar nicht auffiel, dass das Böse als Verteidiger des Guten ein Widerspruch ist.

Es kann ja auch kein Zufall sein, dass Aristoteles in seiner ersten Abhandlung über die Ökonomie die Räuberei noch als ordentlichen Erwerbszweig anführt.

Der Diebsakt auf offenem Feld

Ein besonderer Diebsakt, der besonders jenseitige Rache nach sich zog, war ein Grenzverstoß im wahrsten Sinne. Man stelle sich einen mittelalterlichen Bauern vor, mit einem Acker, der mit Grenzsteinen markiert ist, neben dem Acker des Nachbarbauern. Im Herbst, nach der Ernte geht er in pechschwarzer Nacht auf das Feld und versetzt seine Grenzsteine so, dass er sich gerade ein oder zwei Ackerfurchen vom Nachbarfeld abzwackt. Einmal mit dem Pflug die Furche gezogen und der Nachweis des Vergehens ist äußerst schwer zu erbringen. So geht "Grenzsteinfrevel".

Und hier kommt der Teufel ins Spiel und sein heiliger Spuk. Denn er verwirklicht in abendländischen Erzählungen als ewiger Rächer den heiligen Zorn gegen die Übeltäter. Und auf eine perfide psychologische Weise zeichnet die Art der Strafe für die Grenzsteinrücker auch den ganz normalen Sorgen nach, die Nichtdiebe mit Eigentum haben. So wird der Spruch "Eigentum ist eine Last" dem sündigen Grenzsteinrücker mit einer unglaublicher Marter angehängt. Im oberösterreichischen Mühlviertel erzählt man folgende Geschichte: Zu Prägarten starb ein Bauer, der ohne Wissen seines Nachbarn einen Markstein verrückt hatte. Immer am Allerseelentag, an dem die armen Seelen aus dem Fegefeuer dürfen, erschien er seinem Sohn mit einem Topf voll Erde auf dem Kopf oder tief gebeugt einen Grenzstein schleppend.

Ein weiterer beliebter Spruch, zu hören immer noch in Zeiten von Finanzkrisen: "Gier macht kopflos." Und hier die Grenzsteingeschichte dazu: In einem Ort in Franken kam es über Jahre zu seltsamen Begegnungen in der Nacht. Spaziergänger wurden von einem Mann ohne Kopf, mit einem schweren Markstein auf dem Rücken begleitet. An einer bestimmten Stelle setzte der Kopflose den Stein hin und verschwand.

In Niederösterreich geistern die Grenzsteinrücker auch oft mit einem verzweifelten Spruch durch die Nacht, der ebenso Investoren und Anlegern gelten kann: In tiefer Nacht rufen die Geister "Wohin soll ichs bloß legen?" Befreit wird der Sünder erst durch einen Menschen, der die Gerechtigkeit auf der Zunge trägt. "Dort, wo du's hergenommen hast". Dann wird der Grenzstein des Ackerdiebes zurückversetzt und die Seele hat ihre Ruh. Man könnte auch sagen: Die rechte Anlage ist des Furche-Diebes letzter Trost.