Gesellschaft

Einmal Abspaltung und zurück

1945 1960 1980 2000 2020
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Rote, halbhohe Stiefel. Sie sind für Anna Schreiber nicht nur eine „Investition mit Absatz“, sie sind das äußerlich sichtbare Zeichen dafür, dass sie sich hier und jetzt, an diesem Tisch im Café, aufgespalten hat. Da ist nicht nur Anna Schreiber, die Frau aus gutem katholischem Hause, die in den 1960er-Jahren in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist, Klavier- und Geigenunterricht bekommen hat und nach dem Motto erzogen wurde: „Halte dich immer bedeckt. Zeige dich nicht.“ Da ist auch diese andere Frau in ihren roten, halbhohen Stiefeln. Anna Schreiber scheint sie von außen zu beobachten, wie ein Mann sich schließlich zu ihr setzt und sie ganz unumwunden fragt: „Was kostet es bei dir?“ Und dann hört sie sich selber sagen: „Das kommt darauf an, was du haben möchtest.“

Abspaltung, Aufspaltung in Körper und Seele, Trennung der Identität: Das ist es, was für Anna Schreiber das Leben als Prostituierte ausmacht. Diese Trennung beginnt mit der Kleidung und reicht bis zum neuen, exotischen Namen, mit dem die private Identität geschützt werden soll. Diese Aufspaltung geht so weit, dass all das, was nicht mehr ertragen oder ausgehalten werden kann, weggepackt wird. „Dissoziation“ nennt man das. Eine „höchst effiziente Selbsthilfestrategie der Psyche, durch die diese geschützt, bewahrt und gerettet wird“, weiß Anna Schreiber. Aber die zugleich krank macht. Und krank ist. Zwei Jahre lang hat die heute in der Schweiz lebende Anna Schreiber ihren Körper verkauft. Schon als Kind war sie sexuell missbraucht worden, das Abspalten und Wegpacken hatte sie hier gelernt. Später, als verheiratete Mutter, war es für sie als katholisch geprägte Frau klar, alles zu tun, was ihr Ehemann von ihr verlangte.

Das nicht zu tun, wäre für sie eher „Ehebruch“ gewesen, als sich auf sein Geheiß hin zu verkaufen. Heute, 30 Jahre, ein Psychologiestudium und eine Ausbildung zur Psychotherapeutin später, kann sie diese schwer zu fassenden Dynamiken in ihrem Buch „Körper sucht Seele“ beeindruckend klar und nüchtern analysieren. (Das Geleitwort stammt von Eugen Drewermann.) Schreiber beschreibt ihre innere und äußere Not, den Trost, begehrt und gebraucht zu werden, den Ekel und die zunehmende Gefühllosigkeit. Freiwilligkeit in diesem Gewerbe sieht sie als Mythos. „Das Postulat der Freiwilligkeit ist keine Lüge – es muss als Selbsthilfestrategie gesehen werden, die so lange bestehen bleiben darf und muss, wie sie gebraucht wird. Sie dient dem Schutz und verdient somit Achtung“, meint Schreiber. Ein beeindruckendes Buch.

Rote, halbhohe Stiefel. Sie sind für Anna Schreiber nicht nur eine „Investition mit Absatz“, sie sind das äußerlich sichtbare Zeichen dafür, dass sie sich hier und jetzt, an diesem Tisch im Café, aufgespalten hat. Da ist nicht nur Anna Schreiber, die Frau aus gutem katholischem Hause, die in den 1960er-Jahren in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist, Klavier- und Geigenunterricht bekommen hat und nach dem Motto erzogen wurde: „Halte dich immer bedeckt. Zeige dich nicht.“ Da ist auch diese andere Frau in ihren roten, halbhohen Stiefeln. Anna Schreiber scheint sie von außen zu beobachten, wie ein Mann sich schließlich zu ihr setzt und sie ganz unumwunden fragt: „Was kostet es bei dir?“ Und dann hört sie sich selber sagen: „Das kommt darauf an, was du haben möchtest.“

Abspaltung, Aufspaltung in Körper und Seele, Trennung der Identität: Das ist es, was für Anna Schreiber das Leben als Prostituierte ausmacht. Diese Trennung beginnt mit der Kleidung und reicht bis zum neuen, exotischen Namen, mit dem die private Identität geschützt werden soll. Diese Aufspaltung geht so weit, dass all das, was nicht mehr ertragen oder ausgehalten werden kann, weggepackt wird. „Dissoziation“ nennt man das. Eine „höchst effiziente Selbsthilfestrategie der Psyche, durch die diese geschützt, bewahrt und gerettet wird“, weiß Anna Schreiber. Aber die zugleich krank macht. Und krank ist. Zwei Jahre lang hat die heute in der Schweiz lebende Anna Schreiber ihren Körper verkauft. Schon als Kind war sie sexuell missbraucht worden, das Abspalten und Wegpacken hatte sie hier gelernt. Später, als verheiratete Mutter, war es für sie als katholisch geprägte Frau klar, alles zu tun, was ihr Ehemann von ihr verlangte.

Das nicht zu tun, wäre für sie eher „Ehebruch“ gewesen, als sich auf sein Geheiß hin zu verkaufen. Heute, 30 Jahre, ein Psychologiestudium und eine Ausbildung zur Psychotherapeutin später, kann sie diese schwer zu fassenden Dynamiken in ihrem Buch „Körper sucht Seele“ beeindruckend klar und nüchtern analysieren. (Das Geleitwort stammt von Eugen Drewermann.) Schreiber beschreibt ihre innere und äußere Not, den Trost, begehrt und gebraucht zu werden, den Ekel und die zunehmende Gefühllosigkeit. Freiwilligkeit in diesem Gewerbe sieht sie als Mythos. „Das Postulat der Freiwilligkeit ist keine Lüge – es muss als Selbsthilfestrategie gesehen werden, die so lange bestehen bleiben darf und muss, wie sie gebraucht wird. Sie dient dem Schutz und verdient somit Achtung“, meint Schreiber. Ein beeindruckendes Buch.

Schreiber - © Verlag Versus
© Verlag Versus
Buch

Körper sucht Seele

Eine Psychotherapeutin blickt zurück auf ihre Zeit als Prostituierte
Von Anna Schreiber
Verlag Versus 2018
240 Seiten, kart.,
€ 22.90