Einmal Dschihad und RETOUR

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Radikalisierte Muslime stellen die Politik vor große Fragen. In Deutschland macht man schon länger gute Erfahrungen mit Präventions- und Deradikalisierungsprogrammen.

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Radikalisierte Muslime stellen die Politik vor große Fragen. In Deutschland macht man schon länger gute Erfahrungen mit Präventions- und Deradikalisierungsprogrammen.

Mehmet ist 19 Jahre alt, seine Großeltern sind in den Sechzigern aus der Türkei nach Berlin eingewandert. Die Familie lebt eher traditionell als religiös. Mehmets Vater starb, als er noch die Volksschule besuchte. Er war ein sehr nervöses Kind. Jetzt macht Mehmet eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Bis vor ein paar Monaten verbringt er den Großteil seiner Freizeit im Fitnessstudio. Aus Liebeskummer fängt er an zu beten. Er beginnt, sich über den Koran zu informieren, geht nun öfter in die Moschee. Dort lernt er einen Salafisten kennen, der großes Interesse an Mehmet zeigt, ihn zum Essen einlädt, ihm erzählt, wie mächtig Allah sei und was die gläubigen Muslime im Paradies erwarte. Er erzählt auch, wie die Medien von "den Juden" manipuliert würden, um den Islam schlecht darzustellen, warnt vor den Übeln der westlichen Gesellschaft, vor dem gierigen Kapitalismus, vor Alkohol und Drogen und vor allem vor den unreinen, unverschleierten Frauen.

Erfolgreiche Hilfe beim Ausstieg

Mehmet vergisst seine Freundin und entdeckt den Islam. Seine Mutter ist irgendwie stolz, als sie sieht, wie ihr Sohn "religiös" wird und so großes Interesse an seiner Herkunft zeigt. Inzwischen missioniert Mehmet als selbst ernannter "Sozialarbeiter" auf der Straße, in der Moschee, beim Fußball spielen und auf Facebook.

Beispiele wie diese kann Ahmad Mansour zuhauf erzählen. Der Psychologe und Mitarbeiter der Berliner Islamismus-Beratungsstelle Hayat hat über 100 Fälle von islamischer Radikalisierung begleitet. Schon seit 2011 bietet das deutsche "Violence Prevention Network" erfolgreiche Aussteiger-Programme für Betroffene an. "Auch die angelsächsischen und skandinavischen Länder und die Benelux-Staaten sind im Umgang mit Extremismusprävention und Deradikalisierung weiter als das restliche Europa", weiß Harald Weilnböck, Leiter der Arbeitsgruppe Deradikalisierung des europäischen RAN-Netzwerkes (Radicalisation Awareness Network).

Ein Teil des RAN-Netzwerkes ist auch die im Herbst gegründete zivilgesellschaftliche Initiative "Netzwerk Sozialer Zusammenhalt" in Wien. "Derzeit werden bereits Familien und Jugendliche vom Netzwerk betreut, zudem gibt es Schulungsangebote für NGOs, Schulen und Behörden", berichtet Vereinsobmann Moussa al-Hassan Diaw. Geld gibt es dafür von der Politik bislang keines. Stattdessen hat die Bundesregierung ein Sicherheitspaket in der Höhe von bis zu 290 Millionen Euro geschnürt. Einen kleinen Schritt in Richtung Prävention bedeutet zumindest das Sofortpaket von SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, das 300 Workshops an Schulen sowie spezielle Seminare zur Aus-und Weiterbildung der Lehrkräfte umfasst.

Doch wie gelingt nun eine erfolgreiche Präventions- und Deradikalisierungsarbeit? Und was macht den Salafismus, eine fundamentalistische Strömung des Islam, für junge Menschen im Westen so attraktiv?

"Wenn sich Menschen im öffentlichen Diskurs ausgegrenzt fühlen oder gar Alltagsrassismus erleben, entsteht ein Opfer-Status, ein Nährboden für extremistische Ideologien", sagt Islamophobie-Forscher Farid Hafez. Seine Studien zeigen, dass auch der offizielle Umgang der Politik mit dem Islam Auswirkungen zeigt. "In Deutschland gibt es seit 60 Jahren keine Anerkennung des Islams als eigene Religionsgemeinschaft. Dort ist der Zug hin zu einer salafistischen Organisation wesentlich stärker als in Österreich." Laut Innenministerium sind über 170 Personen aus Österreich in das Kampfgebiet nach Syrien oder in den Irak gereist. Davon sind bisher mehr als 60 zurückgekehrt, gegen die nun ermittelt wird. Weitere 15 befinden sich in Untersuchungshaft.

Endlich einmal stark fühlen

Besonders stark vertreten sind junge Männer unter 30. "Ihnen geht es darum, stark zu sein, Bedeutung zu haben, einer starken Gruppe anzugehören", weiß Extremismus-Experte Diaw aus Einzelgesprächen. Für Menschen wie Mehmet, denen eine Vaterfigur fehlt, füllen die oft charismatisch auftretenden Salafisten diese Lücke mit ihrer patriarchalen Ideologie und ihrem strafenden Gott.

Mit dem Islamismus treten radikalisierte Menschen aus der schwierigen postglobalen Welt in ein geregeltes, strukturiertes Umfeld ein, finden Freunde, erfahren Orientierung und eine Mission. Die Gruppe von Gleichgesinnten teilt einen Kleiderstil, besondere Symbole, eine eigene Sprache, bestimmte Youtube-Kanäle und Facebook-Seiten. Wenn sich Jugendliche plötzlich anders kleiden, nicht mehr für Musik und TV-Serien interessieren, sondern mit einschlägigen Online-Foren beschäftigen, sollte das Umfeld hellhörig werden. Im Falle von Mehmet zeigt sich der Sinneswandel, als er der Ausbildnerin nicht mehr die Hand gibt, sich aggressiv gegen Andersgläubige und liberale Muslime äußert.

"Eine unverzichtbare Präventionsmaßnahme ist es, Jugendliche möglichst oft zum kritischen Denken und zum Perspektivenwechsel anzuleiten -etwa durch Rollenspiele und Debattierclubs", empfiehlt Mansour. Wichtig wäre es auch, Jugendlichen verlässliche und integere muslimische Vorbilder anzubieten. Im Fokus muss in jedem einzelnen Fall das Individuum stehen: "Jugendliche dürfen nicht auf ihre Kultur, Religion oder Tradition reduziert werden, sondern müssen als Person ernst genommen werden", so Mansour.

Eine bereits bestehende Radikalisierung kann mittels eines narrativen Austausches im Rahmen von Einzel- und Gruppengesprächen bearbeitet werden. "Dabei geht es vor allem um die persönlichen Aspekte der Radikalisierung", weiß Harald Weilnbock. Im Zentrum steht das Wiederherstellen der fünf Kompetenzen Beziehungsfähigkeit, Empathie, Selbstreflexion, Verantwortung sowie Selbstwertgefühl. "Vorurteile, Extremismus und Schikane ergeben sich überwiegend aus den Lebensgeschichten der Klienten. Es geht darum, zu eigenmotivierten Veränderungsschritten zu ermutigen, weniger um Überredungen und Belehrungen", so Weilnbock. Freiwilligkeit ist eine unablässige Grundvoraussetzung für jedes Deradikalisierungs-Programm.

Dabei kann auf drei Ebenen gearbeitet werden: affektiv, pragmatisch und ideologisch. "Für die ideologische Komponente ist es wichtig, extremistische Theorien und Rechtfertigungen zu entkräften", erklärt Mansour. Beim pragmatischen Aspekt gehe es darum, extremistische Handlungen und Gewalt einzudämmen und der Person Ausstiegsmöglichkeiten zu bieten. Der affektive Aspekt betrifft die emotionale Unterstützung der Person und die Schaffung einer alternativen Bezugsgruppe, wobei die Beratung von Angehörigen eine zentrale Rolle spielt. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle versuchen dann, das soziale Umfeld zu stärken, die familiäre Kommunikation zu verbessern und den Radikalisierten durch nahe stehende Menschen Alternativen anzubieten.

Instrumentalisierte Traumata

Auch das Aufarbeiten der Familiengeschichte müsste eine stärkere Rolle spielen. In Österreich stammt ein Großteil der radikalisierten Muslime aus Tschetschenien, viele leiden unter Kriegstraumata. "Wenn man diese aufarbeiten kann, lassen sich die Leute nicht so leicht von Salafisten instrumentalisieren", weiß Mansour.

Nicht immer gelingt das. Es gibt auch jene, deren Ausreise nicht mehr verhindert werden konnte. Falls sie zurückkommen, sind sie entweder hochtraumatisiert und müssen psychologisch behandelt werden. Oder sie wollen sich nur wichtig machen und sind für ein paar Wochen nach Syrien gereist, um sich mit einer Kalaschnikow fotografieren zu lassen. Die gefährlichen Ideologen kehren heim, um hier zu rekrutieren und vielleicht gar Gewalt in Europa auszuüben.

Als ebenso gefährlich können sich Menschen wie Mehmet entpuppen, die in Europa geblieben sind, um hier ihren Dschihad zu führen. Mehmet nimmt nach wie vor an Demonstrationen und "Missionierungen" teil. Mit den Geschwistern gerät er immer öfter in Konflikte. Seine Mutter bezeichnet er inzwischen als "Ungläubige", weil sie sich weigert, eine Burka zu tragen. Sie hat sich in ihrer Ratlosigkeit an die Beratungsstelle Hayat gewendet. Doch dort ist man machtlos, solange Mehmet das Gespräch verweigert.

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