Wald

Einsamkeit als Kraftquelle

1945 1960 1980 2000 2020

Hier das einsame Glück, dort die bittere Vereinsamung: Die Einsamkeit beruht auf zwei sich widersprechenden Prinzipien. Über die Frage, ob und wie man sich selbst genügen kann.

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Hier das einsame Glück, dort die bittere Vereinsamung: Die Einsamkeit beruht auf zwei sich widersprechenden Prinzipien. Über die Frage, ob und wie man sich selbst genügen kann.

Warum fühlt sich Einsamkeit einmal wie die beinahe bitterste Pille an, die wir Menschen nur schlucken können – und das andere Mal wie ein tief und gut empfundenes Eins-Sein mit der Welt? Vereinsamung gilt als eines der drängendsten Probleme unseres Zeitalters – so heftig, dass ihr etwa Großbritannien seit 2018 mit einem ganzen Ministerium begegnet? Andererseits können wir, zumindest ein Teil von uns, heute so frei wie kaum jemals zuvor wählen, in die Innerlichkeit abzutauchen, um im Für-sich-Sein, womöglich gar unsere Seele zu finden? Oder ihr zumindest näherkommen?

„Das ganze Unglück des Menschen kommt aus einer einzigen Ursache: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können“, schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert. Ist dem so? Ja und nein. Von der Einsamkeit gibt es so viele Facetten, dass sie durch unterschiedliche Begriffe auf je andere Kerncharakteristika gebracht werden kann; im Englischen gibt es für sie gar drei Ausdrücke, „das schreckliche isolation, das bittersüße loneliness und das geradezu vornehme solitude“ (Isolation/Einsamkeit/Alleinsein bzw. Abgeschiedenheit), wie Johann Hinrich Claussen und Ulrich Lilie in ihrem Buch „Für sich allein sein. Ein Atlas der Einsamkeiten“ beschreiben. Diese Bandbreite verwundert nicht. Denn wie alle relevanten Lebensphänomene ist auch die Einsamkeit von einem Dualismus geprägt – zwei sich scheinbar widersprechende, ergänzende Prinzipien eines übergeordneten Ganzen.

In der Europäischen Union sind etwa 33 Prozent der Haushalte Single-Haushalte (in Österreich: 37 Prozent) – in wie vielen dieser Häuser und Wohnungen ist einsames Glück daheim, und in wie vielen bittere Vereinsamung? Untersuchungen zeigen: An Einsamkeit leiden vor allem alte und arme Menschen, Arbeitslose, aber auch Alleinerziehende.

Corona und die misstrauische Distanz

Wie dramatisch indes ein erzwungenes Nur-mit-sich-Sein werden kann, wurde in den letzten beiden Jahren offensichtlich. Die durch die Pandemie bedingten Kontaktbeschränkungen und Lockdowns – und auch die bei vielen Menschen daraus entstandene, misstrauische Distanz gegenüber anderen – haben die Einsamkeit befeuert. Während die einen litten und leiden, blühten andere auf.

Der Umgang mit dem Allein-Sein kristallisiert sich indes in der Frage: Reiche ich mir, reicht mir mein Allein-Sein, um darin genügend Sinn und Vertrauen zu fühlen? „In der Einsamkeit wird gewissermaßen alles größer, was man in sich birgt“, schreibt der Philosoph Ralph Rauh. „Sie ist – unbeirrt ertragen – wie ein Brennglas auf seelische Regungen und Energien.“

Doch eine rein individuelle Auseinandersetzung mit der Einsamkeit rückt unweigerlich in den Hintergrund, wenn wir an die abertausenden von Menschen denken, die weltweit in Krankenhäusern in Isolation starben, ohne dass sie von ihren Nächsten oder Freunden hätten Abschied nehmen können. Die Philosophin und Schriftstellerin Thea Dorn, die vor vielen Jahren ihre eigene Mutter während ihrer letzten Lebenstage und beim Sterben begleitete, sagt, diese physische Nähe sei im Prinzip alles, das man dem Sterbenden bei den letzten Atemzügen geben könne. „Es geht um das Gefühl: Du bist gehalten.“

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