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Gesellschaft

Einsamkeit: Verschwiegenes Gift für die Seele

1945 1960 1980 2000 2020

Schon vor Corona war Einsamkeit eine zentrale Herausforderung. Nun ist die Lage akut. Doch was hilft? Zu Besuch in Nachbarschaftszentren und beim „Plaudernetz“ der Caritas.

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Schon vor Corona war Einsamkeit eine zentrale Herausforderung. Nun ist die Lage akut. Doch was hilft? Zu Besuch in Nachbarschaftszentren und beim „Plaudernetz“ der Caritas.

Niemandem kommt er leicht über die Lippen. Der Satz: „Ich bin einsam.“ Auch Marianne nicht. Tränen laufen der 75-Jährigen hinter dem Plexiglasvisier über die Wangen. Es ist Mitte September und erst zum zweiten Mal nach dem Lockdown hat sich Marianne mit ihrem Blindenstock wieder in das Nachbarschaftszentrum aufgemacht. Vor vier Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, hatte sie dort eine neue „große Familie“ gefunden. Fast täglich kam sie in dieses Zentrum des Hilfswerks, gemeinsam wurde gekocht, gelacht und gefeiert. „Zwei Herren haben beim Essen darum gebuhlt, wer von ihnen mir das Besteck reichen darf“, erinnert sich Marianne. Doch seit Corona ist alles anders. „Ich war vorher nicht einsam. Doch jetzt bin ich es – und das ist fürchterlich.“

Schwer auszuhalten

Marianne muss innehalten und legt die Hand an ihre Wange: die Schmerzen. Kurz vor dem Lockdown wurde bei ihr „Trigeminus-Neuralgie“ festgestellt, eine Nervenkrankheit. Eine falsche Medikation löste bei ihr Magenbeschwerden, Gedächtnisverlust und Ohnmachtsgefühle aus. Mariannes Nachbarn hatten ihr im Notfall geholfen. Doch diese Unterstützung wollte sie nicht überstrapazieren. „Andere haben ihre Familien zuhause“, sagt Marianne.


„Ich war allein – und Schmerzen sind nur schwer auszuhalten, wenn kein Mensch da ist, der dich in den Arm nimmt und sagt, dass alles wieder besser wird.“ Auch die neue „Familie“ aus dem Nachbarschaftszentrum konnte wegen Covid wochenlang nur am Telefon trösten. Was blieb, war Isolation.

Marianne ist kein Einzelfall: Als in Österreich die Ausgangssperre verhängt wurde, mussten alle Wiener Nachbarschaftszentren – wie viele andere soziale Stellen – ihre Pforten schließen. Im Eiltempo konnte man zwar Wege finden, das propagierte social distancing zu beachten. Doch trotz physischer Distanz soziale Nähe herzustellen war und ist nicht leicht. Ähnlich wie die Caritas setzen die Wiener Nachbarschaftszentren des Hilfswerks auf digitale Angebote und Telefondienste. Längst zeigt sich freilich, dass Einsamkeit als negativer Verstärker gesundheitlicher Notlagen wirkt – und diese Notlagen wiederum die Einsamkeit verstärken.

„Seit dem Lockdown war bei der Hälfte aller Anrufe Einsamkeit das zentrale Thema“, erklärt Diplomkrankenschwester Renate Wonisch- Wagner. „Andere Menschen haben über ihre Angst vor Corona geklagt. Aber auch hier ist das Thema Einsamkeit immer im Hintergrund mitgelaufen.“