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"Er stellte ein Kind in ihre Mitte"

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Zukunftsfühlige entwerfen Familie vom Kind her. Ihr Ziel ist es, der nächsten Generation eine Chance zu geben.

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Zukunftsfühlige entwerfen Familie vom Kind her. Ihr Ziel ist es, der nächsten Generation eine Chance zu geben.

Für einen familienpolitischen Ansatz, der vom Kind her denkt, gibt es zumindest drei schwerwiegende Gründe.

I. Kinder stören - wir entsorgen sie Wenn Hans Magnus Enzensberger in einem seiner wegweisenden Essays schrieb: "Selbst in reichen Gesellschaften kann morgen jeder von uns überflüssig werden. Wohin mit ihm?" dann betrifft das auch in unserem Land immer mehr Gruppen von Menschen. Zu ihnen zählen die Sterbenden, die uns zu teuer kommen; die Behinderten, die wir als lebensunwerte Last einstufen; die Millionen Erwerbslosen, die in bleibender Arbeitslosigkeit mit einem Armutslohn ruhiggestellt werden.

Es trifft auch und nicht zuletzt die Kinder, die immer mehr stören. Geboren oder ungeboren: es tut nicht mehr viel zur Sache. Kinder stören das Lifedesign von Vätern und Müttern. Gewiß nicht von allen, aber von immer mehr. Was aber stört, gerät in einen Entsorgungssog: "Wohin mit ihm?" so Enzensberger. "Entsorgen" ist gewiß ein hartes Wort. Aber es sagt von seinem Gehalt her: Wir entlassen etwas aus unserer Sorge. Wir haben für Kinder in des Wortes doppelter Bedeutung nichts mehr übrig - auch keine Energie, die wir für andere Lebensziele investieren und die für Kinder knapp wird.

Dann landen Kinder vor Schokolade, Internet, Tamagotchis, sie werden an professionelle Erziehungseinrichtungen abgegeben. Nun ist schon klar, daß es viele gute Gründe gibt, das Lebensnetz von Kindern außerfamilial auszuweiten. Die Familien sind zu klein, die Kinderzahl ist zu niedrig, viele erziehen allein, die immer schon vorhandene latente Gewalt kann in diesen "familialen Kinderschließfächern" unkontrollierbar ausbrechen. In professionell geführten Einrichtungen haben zudem die Kinder gute Entwicklungschancen. Und doch: Das Problem sind nicht die gut geführten außerfamilialen pädagogischen Einrichtungen, sondern daß Kinder abgegeben, aus der Sorge der fast immer alleinerziehenden Mütter (die Väter fehlen zumeist auch dann, wenn es sie gibt) entlassen werden, also ent-sorgt werden. Die Nebenwirkung dieser Ent-Sorgung in professionelle Kindereinrichtungen: Kindern können auch kaum noch ohne Erwachsene unter sich sein. Solche Kinderhorden hatten aber in meiner eigenen Kindheit einen enormen und wohl auch förderlichen Stellenwert.

Kinder brauchen einen familialen Lebensraum, geprägt von Stabilität und Liebe. Das ist die erste Einsicht, die für ein Entwerfen der Familie vom Kind her unumgänglich ist. Also: nicht Paare brauchen Kinder, sondern Kinder brauchen einen familialen Lebensraum.

II. Kinder brauchen neue Väter Die erfreuliche Entwicklung von Frauen, die versuchen, Familienwelt und Erwerbswelt zu verbinden, hat in drastischer Weise das Fehlen der Väter in den Familien ans Licht gebracht. Männer fehlen nicht nur im Haushalt, sie fehlen vor allem den Kindern. Das ist letztlich auch schlecht für die Männer: Denn ohne Kinder werden wir Barbaren, so Hartmut von Hentig.

Kinder leiden heute unter einer folgenschweren Unterväterung und als deren Nebenwirkung an einer ebenso problematischen Übermütterung. Menschliche Entwicklung braucht am Beginn - wir kommen als Frühgeburt zur Welt (Adolf Portmann) - den sozialen Mutterschoß außerhalb des biologischen Mutterschoßes. Diese Anfangssymbiose zwischen Mutter und Kind ist überlebensnotwendig. Dann aber braucht es einen Dritten, der dazustößt, diese Symbiose öffnet und damit die Entwicklung zu ich-starker Daseinskompetenz voranbringt. Immer noch nennen wir diesen Dritten, der dazukommt, "Vater". Unterbleibt diese "Dreiecksbildung", verbleibt das Kind im Verwöhnungsarrangement mit seiner Mutter. Die Kinder kommen von den Müttern nicht los, wie umgekehrt auch die Mütter die Kinder nicht loslassen können. Die Folgen sind vielfach beschrieben: "Hotel Mama", "Männer lassen lieben". Die Kehrseite der Unterväterung ist unausweichlich die ungewollte Übermütterung; und deren Folge: das derzeitige familiale System produziert in seiner Vaterlosigkeit immer mehr ich-schwache und daseinsinkompetente Bürger. Die Folgen werden von Pädagoginnen wahrgenommen, wenn sie die Kinder in schulische Einrichtungen übernehmen. Die Zahl derer wächst, die entweder antriebsschwach oder aggressiv sind. Beides ist Ausdruck innerer Schwäche und damit innerer Leere. Wenn wir mit unserem derzeitigen Familiensystem und darin der Benachteiligung der Kinder so weitermachen wie bisher, gehen wir auf einen nichtfinanzierbaren Therapie- und Polizeistaat zu. Wir brauchen dann Therapeuten für die Lustlosen und für die Aggressiven Polizisten.

Wer die Familie vom Kind her neu denkt, verlangt konsequenterweise nicht die Rückkehr der Mütter in die Familie (es gibt ja die Übermütterung), sondern fordert eine neue Präsenz der Väter im familialen Lebensfeld. Hier beginnt nicht nur die neue Männerentwicklung wichtig zu werden, die sich die Wiederentdeckung der Vaterrolle zu einer zentralen Aufgabe gemacht hat. Ebenso unumgänglich sind gesellschaftspolitische Folgen dieses Ansatzes. Denn selbst jene Männer, die Väter sein wollen, haben es zur Zeit nicht leicht, es zu werden. Ihre Bindung an die Erwerbswelt ist kulturell nach wie vor eng. Wenn sie familiale Lebensanteile beanspruchen, müssen sie ihre Präsenz in der Erwerbswelt umgestalten. Das geht zur Zeit nur unter erheblichen Nachteilen, weil nicht nur für die Mütter, sondern auch für die Väter die Erwerbswelt - von erfreulichen zukunftsträchtigen Ausnahmen abgesehen - in hohem Maß familienfeindlich ist.

III. Kinder brauchennach wie vor neue Mütter Das wahre Problem sitzt aber noch eine Ebene tiefer. Denn letztlich geht es gar nicht allein um eine pragmatische Balance zwischen der Erwerbswelt und der Familienwelt für die Väter und damit auch für die Mütter. Dabei unterstelle ich, daß der Weg von Familienfrauen in die Erwerbswelt unumkehrbar ist. Wer das nicht will, muß wie die Fundamentalisten in Afghanistan die Bildungschancen der Mädchen wieder zurücknehmen. Worum es in der Tiefe geht, ist eine neue Priorität des Lebens. Daß wir der Erwerbswelt mühsam Familien- und Sozialzeit abringen müssen, sagt ja auch, daß oberste Priorität die Erwerbswelt besitzt. Dahinter steht eine Rangordnung: Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist uns wichtiger als die Reproduktion und Umsorgung des Lebens in allen Phasen.

In den Gehältern kommt das klar zum Ausdruck. Wer Mikrochips und Panzer produziert, bekommt weit mehr bezahlt, als wer Kranke pflegt, Kleinkinder betreut, Säuglinge ernährt. Deshalb verdienen Frauen weniger als Männer. Noch arbeiten Frauen für die geringbezahlte Reproduktion des Lebendigen, Männer für die hochbezahlte Produktion von Totem. Hier wird deutlich, wie recht der zu Unrecht bei uns pauschal bebuhte Papst hat, wenn er von einer Zivilisation des Todes spricht, der er eine Zivilisation des Lebens und der Liebe entgegenwünscht. Die Bezahlung des frühkindlichen Arbeitsplatzes der Mutter steht weit hinten in der Liste und erfolgt für einen Großteil der Mütter indirekt über die Leistungen der Gesellschaft an den erwerbstätigen Vater.

Obwohl nun für eine Mutter (wie künftig für einen Vater) das Kind einen Arbeitsplatz begründet, wird das von unserer Gesellschaft nicht so eingeschätzt und gehandhabt. Diese Grundentscheidung ist eine der wichtigsten, wenn man die Familie vom Kind her neu denkt. Das setzt aber eine gesellschaftliche Konversion voraus: vom Toten zum Lebendigen. Ein Kind großziehen muß auch ökonomisch mehr honoriert werden, als einen Panzer zu produzieren. Der familiale Arbeitsplatz Kind muß sozial aufgewertet und finanziell hoch eingestuft werden. Dann braucht sich die Gesellschaft nicht mehr um die zu niedrige Kinderzahl sorgen und muß damit auch keine Angst vor dem eigenen Aussterben und der Nichtfinanzierbarkeit der Pensionen der Alten haben; dann können Väter und Mütter den Arbeitsplatz Kind freier wählen. Die Idee eines Betreuungsschecks weist in diese produktive familienpolitische Richtung.

Und die Kirchen?

Wir sind von einem solchen familienpolitischen Ansatz noch ziemlich weit entfernt. Immer noch dreht sich unser Mühen um die Partnerschaft (was gut ist). Zudem reizt uns das gesellschaftlich auferlegte Thema der Homosexualität (auch dieses Thema bekommt ein anderes Gewicht, wenn die Familie vom Kind her entworfen wird - der Weg wäre freier, familiale Gemeinschaften von anderen rechtlich sicherungswürdigen Lebensgemeinschaften zu unterscheiden). Wir (ehrlich: es sind einige wenige) ringen um die Methoden der verantworteten Elternschaft (während es bei vielen Paaren nicht mehr darum geht, wie man Kinder verhindert, sondern überhaupt bekommt). Vielleicht wäre auch für die kirchliche Familienarbeit die symbolische Tat Jesu leitbildstark: "Er stellte ein Kind in ihre Mitte" (Mt 18,2). Dann gehörten wir zu den ersten, die anfangen, Familie vom Kind her neu zu entwerfen.

Der Autor lehrt Pastoraltheologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien.

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