Kitzsteinhorn Skifahren - © Pixabay/liggraphy
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Erik(A) Schinegger: Der Mann, der Weltmeisterin war

1945 1960 1980 2000 2020

Ski Alpin: 1966 gewann die Kärntnerin Erika Schinegger Abfahrts-Gold. Ein Jahr später war offenbar, dass Schinegger biologisch ein Mann ist. Der Dokumentarfilm "Erik(A)" erzählt diese verschwiegene Geschichte und ihre Folgen.

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Ski Alpin: 1966 gewann die Kärntnerin Erika Schinegger Abfahrts-Gold. Ein Jahr später war offenbar, dass Schinegger biologisch ein Mann ist. Der Dokumentarfilm "Erik(A)" erzählt diese verschwiegene Geschichte und ihre Folgen.

Sieh die Sache so an: Du bist ein Opfer der modernen Wissenschaft, die den Sport total erfaßt hat, für die ein Chromosom mehr zählt als ein lausbübisches, mädchenhaftes Lachen. Sei froh, für Mannequins ist bei Euch auf dem Hof ohnehin kein Platz. Ich bin ganz fest überzeugt: Erika Schinegger blieb in ihren größten Erfolgen sehr robust, und sie wird auch jetzt nicht verzweifeln." So kommentierte Michael Kuhn am 10. Dezember 1967 in der Kronen-Zeitung das Unfassbare: Am Tag zuvor war der österreichischen Abfahrtsweltmeisterin Erika Schinegger mitgeteilt worden, ein Speicheltest zur Geschlechtsbestimmung habe eindeutig ergeben, dass sie ein Mann sei. Solche "Sextests" waren im Vorfeld der Olympischen Spiele 1968 vorgeschrieben worden, um Gerüchten entgegenzutreten, Ostblockstaaten würden sich durch den Einsatz von "Hermaphroditen" bei Frauenwettkämpfen Medaillen erschleichen.

Mit 20 Jahren Mann werden

Die Dezembertage 1967 stellten nicht nur ein - zunächst - tragisches Datum für Erika Schinegger dar, die von einem Tag auf den anderen ihrer Karriere wie ihrer Geschlechtsidentität verlustig ging. Bei den Vorgängen handelte es sich auch um einen Sportfunktionärskrimi, der bis heute noch nicht restlos geklärt ist: Wusste (oder: Ab wann wusste) der Österreichische Schiverband von den "Geschlechtsproblemen" Schineggers?

Kurt Mayers dieser Tage ins Kino kommender Dokumentarfilm "Erik(A)" legt die Spuren dieses Dramas behutsam offen und erzählt neben der sportpolitischen Story auch von der Identitätsfindung eines Mannes, der einmal eine erfolgreiche Sportlerin war.

Sieh die Sache so an: Du bist ein Opfer der modernen Wissenschaft, die den Sport total erfaßt hat, für die ein Chromosom mehr zählt als ein lausbübisches, mädchenhaftes Lachen. Sei froh, für Mannequins ist bei Euch auf dem Hof ohnehin kein Platz. Ich bin ganz fest überzeugt: Erika Schinegger blieb in ihren größten Erfolgen sehr robust, und sie wird auch jetzt nicht verzweifeln." So kommentierte Michael Kuhn am 10. Dezember 1967 in der Kronen-Zeitung das Unfassbare: Am Tag zuvor war der österreichischen Abfahrtsweltmeisterin Erika Schinegger mitgeteilt worden, ein Speicheltest zur Geschlechtsbestimmung habe eindeutig ergeben, dass sie ein Mann sei. Solche "Sextests" waren im Vorfeld der Olympischen Spiele 1968 vorgeschrieben worden, um Gerüchten entgegenzutreten, Ostblockstaaten würden sich durch den Einsatz von "Hermaphroditen" bei Frauenwettkämpfen Medaillen erschleichen.

Mit 20 Jahren Mann werden

Die Dezembertage 1967 stellten nicht nur ein - zunächst - tragisches Datum für Erika Schinegger dar, die von einem Tag auf den anderen ihrer Karriere wie ihrer Geschlechtsidentität verlustig ging. Bei den Vorgängen handelte es sich auch um einen Sportfunktionärskrimi, der bis heute noch nicht restlos geklärt ist: Wusste (oder: Ab wann wusste) der Österreichische Schiverband von den "Geschlechtsproblemen" Schineggers?

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Im Sommer 1966 fanden im chilenischen Portillo alpine Schiweltmeisterschaften statt. Bei den Damen holte sich dort das erst 18-jährige Bauernmädchen Erika Schinegger aus St. Urban in Kärnten, die zum ersten Mal bei Weltmeisterschaften war, Gold im Abfahrtslauf. Auch wenn Körperbau und burschikoses Auftreten im Nachhinein vielen "aufgefallen" sein wollten, fiel die ganze Schi-Nation aus allen Wolken, als die Geschlechtsaffäre offenbar wurde.

Das Außergewöhnliche an dieser Lebensgeschichte ist aber nicht die biologische Unbill, sondern der Weg, zu dem sich Erika Schinegger dann entschlossen hat. Medizinisch stellten sich zwei Optionen dar: Würde sie sich mit weiblichen Hormonen behandeln lassen, hätte sie weiter als - kinderlose - Frau leben können. Durch eine operative Geschlechtskorrektur hingegen hat Erika die Aussicht, zu einem zeugungsfähigen Mann zu werden. Gegen den massiven Widerstand des Schiverbandes, der Familie, der Umgebung entscheidet sich Erika zur Operation - und verschwindet sechs Monate von der Bildfläche: Dann ist aus der unweiblichen Erika im Alter von 20 Jahren der attraktive junge Erik geworden.

Erik Schinegger Interview - © APA/HERBERT PFARRHOFER
© APA/HERBERT PFARRHOFER

Als Erik muss Schinegger von vorn anfangen, er gewinnt wieder Schirennen im ÖSV - besiegt dabei auch den blutjungen Franz Klammer und feiert Erfolge im Europacup. Das ist dem ÖSV allerdings dann doch zu degoutant: Weil der "Medienrummel" um seine Person zu groß sei, schließt der Verband Schinegger aus dem Team aus.

Vom Dirndl zum Macho

Der Fall Schinegger weist viele Facetten auf; Kurt Mayer bringt diese in seinem Film respektvoll, aber klar zur Sprache: Bei der Geburt sind die äußeren männlichen Geschlechtsorgane nach innen gewachsen, sodass das Kind ein Mädchen schien. Erik Schinegger selbst, aber auch Freunde oder die Mutter erzählen im Film, wie schon in der Kindheit Zweifel am Geschlecht da waren; Erik schildert, dass er als Erika meinte, lesbisch zu sein. Und entlarvend die Funktionärsstimmen vor der Kamera (der Trainer, der damalige öoc-Präsident, der Teamarzt), die mit der Situation offenkundig nicht umzugehen imstande gewesen waren, authentischer dagegen die Schifahrerkollegen (Karl Schranz, die Olympiasiegerin Olga Scartezzini-Pall sowie die 1966 in Portillo Schinegger "unterlegene" Französin Marielle Goitschel).

Film

ERIK(A)

Dokumentarfilm, A 2005
Regie: Kurt Mayer.
Verleih: Firstchoicefilms
86 Min.

Wie sich Erik Schinegger dann als Mann ins Leben einfindet, ist ebenfalls spannend - und alles andere als friktionsfrei, der Film lässt hier mehr erahnen, als er erzählt. Da ist die Ablehnung im Ort (die Mutter erinnert sich, wie sie sich nach Eriks Operation nicht in die Kirche gehen traut ...) und in der Öffentlichkeit. Da ist aber auch die Kompensation bei Erik selbst, der sich in seinen ersten Mannesjahren als Macho geriert - mit Porsche und mit Goldringen an den Fingern, bevor er seinen Platz findet: Mitte der siebziger Jahre heiratet Erik, 1975 wird Tochter Claire geboren, heute leitet er mit seiner zweiten Frau Christa in St. Urban die größte Schischule Kärntens. Er hat sich seinen Platz erkämpft, auch wenn seine Geschichte eine verschwiegene war und ist.

Abgründe des Spitzensports

Das ist ein unleugbares Verdienst von Kurt Mayers Dokumentation: Er präsentiert mit "Erik(A)" eine jener Geschichten, die aus und über Österreich erzählt werden müssen, weil sie so viel von den Menschen dieses Landes erzählen - eine Biografie mit vielen Aspekten: Da ist die Frage nach der Identität, die sich am Extrembeispiel der Suche nach dem eigenen Geschlecht besonders prekär stellt. Da ist aber auch die Frage nach dem Spitzensport und seinen Implikationen, die gerade am Fall Schinegger Abgründe aufzeigt: Solange Erika für eine Goldmedaille gut war, war die kleine Frage nach dem Chromosom eine Lappalie (siehe oben zitierten Kommentar) - insbesonders, solang niemand draufkommt. Schließlich bleibt bitterer Nachgeschmack auch beim Nachdenken über eine Gesellschaft, welche es denen, die aus dem Rahmen fallen (es sei denn, sie bringen wm-Siege heim), extra schwer macht. Ein Beispiel, das Erik Schinegger im Film erzählt: Als Schinegger 1966 mit Gold nach Hause kommt, belohnt sie die Heimatgemeinde St. Urban mit einem Grundstück. Dieses wird Erik dann wieder weggenommen, denn das Geschenk war ja für Erika bestimmt...

Die Reflexion dieser Aspekte macht "Erika(A)" auch zu einem wichtigen Beitrag fürs Gedenkjahr 2005. Und die Filmmusik von Olga Neuwirth ist zusätzlich eine künstlerische Beigabe, die man ebenfalls nicht missen möchte.

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