"Es gäbe noch soviel Spielraum"

1945 1960 1980 2000 2020

Die langjährige ORF-Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi über ihren Blick auf das Asylthema, ihr Engagement und ihr eigenes Fluchterlebnis.

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Die langjährige ORF-Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi über ihren Blick auf das Asylthema, ihr Engagement und ihr eigenes Fluchterlebnis.

Warum sie der Zivilgesellschaft mehr zutraut als den Politikern, wie sie mit interkulturellen Differenzen umgeht und von wem sie sich klarere Worte wünscht, hat Barbara Coudenhove-Kalergi der FURCHE erzählt.

Die Furche: "Das Boot ist voll" lautet eine Phrase, die heimische Politiker gerne dreschen. Wie nehmen Sie die aktuelle Asyldebatte in Österreich wahr?

Barbara Coudenhove-Kalergi: Ich bin entsetzt. Wir alle haben noch immer nicht begriffen, dass das nicht ein Problem unter vielen ist, sondern ein nationaler und globaler Notstand. 60 Millionen Leute sind auf der Flucht, ein winziger Teil davon kommt nach Österreich. Man müsste - wie während der Ungarnkrise -schauen, dass man für die Leute Plätze findet. Jetzt wäre es allmählich Zeit, dass der Bundespräsident und die Bischofskonferenz, oder zumindest der Kardinal Schönborn, wirklich laut aufschreien und sagen: "Leute, spielt's Euch nicht! Es ist keine Zeit für Verteilungsspielchen, sondern jetzt müssen alle zusammenhalten." Ich glaube aber, dass die Bischöfe gerne soziale Themen auf die Caritas abschieben und sagen: "Der Landau macht das schon."

Die Furche: Bundeskanzler Faymann wollte eine Bezirksquote für eine gleichmäßige Verteilung der Asylwerber, die ÖVP hat sich quer gelegt. In manchen Ort besteht von Seiten der Bürgermeister oder Landeshauptleute erheblicher Widerstand.

Coudenhove-Kalergi: Es braucht ein Umdenken, damit sich nicht jeder Bürgermeister und Landeshauptmann damit profiliert, dass er möglichst wenige aufnimmt. Wie sich Österreich momentan aufführt ist wirklich eine Schande. Ich war in den letzten Monaten auf Lesereisen unterwegs, auch in kleinen Gemeinden, und überall waren Leute da, die gesagt haben: "Wir würden gerne etwas für Flüchtlinge machen", oder "Wir haben schon etwas gemacht." Ich habe immer wieder von Fällen gehört, wo die Leute gerne ein Quartier zur Verfügung stellen würden, aber abgewimmelt wurden.

Die Furche: Innenministerin Mikl-Leitner weigert sich, neu hereinkommende Asylanträge zu bearbeiten, spricht bloß von Grenzkontrollen oder der Sicherung der EU-Außengrenzen. Wie schätzen Sie diese Gangart ein?

Coudenhove-Kalergi: Alle Innenminister haben bisher eine schreckliche Performance abgeliefert. Das Innenministerium hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass die Hilfsorganisationen Traiskirchen betreuen, und hat eine kommerzielle Firma mit schlechtem Ruf eingesetzt. Man hört auch Geschichten, dass die Leute abends in Traiskirchen ankommen und draußen übernachten müssen, weil die "Bürozeiten vorbei" sind. Das geht alles nicht. Die Polizei ist von einer FPÖ-Gewerkschaft dominiert - das merkt man auch daran, was das Innenministerium so macht. Es hat sich als ziemlich hilflos erwiesen in der Flüchtlingskrise, während die Zivilgesellschaft zeigt, wie es geht. Ich empfinde es schon als Fortschritt, dass beim letzten Asylgipfel wenigstens die Hilfsorganisationen hinzugezogen worden sind. Jetzt, wo der Hut brennt, merken sie, dass sie die NGOs dringend brauchen, weil dort die wirkliche Kompetenz liegt.

Die Furche: Auch Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll stemmt sich gegen eine Bezirksquote und weiß als Maßnahme nur eine Verschärfung der Asylgesetze.

Coudenhove-Kalergi: Die Politiker sind in Stockstarre, weil sie glauben, sie werden sonst von den Boulevard-Medien und der FPÖ geprügelt und nicht gewählt, was teils stimmt. Aber das ist ein Skandal. Ich meine, es gibt eine solide Mehrheit dafür, dass man halbwegs vernünftig mit diesem Thema umgeht. Es gäbe noch so viel Spielraum und jeder weiß, dass wir mehr helfen könnten, ohne dass es uns wirklich weh täte.

Die Furche: Wie könnte die Asyldebatte weniger ängstlich geführt werden?

Coudenhove-Kalergi: Wenn man solche Wortmeldungen hört wie von der FP-Abgeordneten Belakowitsch-Jenewein, die sagt, "Setzt die Flüchtlinge zur Abschiebung in Militärmaschinen! Dann können sie schreien, soviel sie wollen", und von Herrn Strache, der sagt, "Dann können sie sich anurinieren", dann ist das Nazisprache. Das könnte von Goebbels sein. Dass solche Sager akzeptiert werden, finde ich unerträglich. Das wäre in Deutschland unmöglich. Es ist höchste Zeit, dass sich die vielen, vielen Andersdenkenden einmal kräftig zu Wort melden.

Die Furche: Die FPÖ hat wieder zugelegt in der Steiermark und im Burgenland. Wie könnten andere Parteien die FPÖ stoppen?

Coudenhove-Kalergi: Ich glaube, einfach indem sie stärker eine Gegenposition vertreten. Gerade Wähler, die eher autoritär gestimmt sind, würden eher Respekt haben, wenn jemand klar sagt, wie der Wiener Bürgermeister Häupl neulich: "So geht es nicht!", anstatt immer nur mit Sprüchen zu kommen wie: "Die Ängste der Bevölkerung muss man ernst nehmen." Mit diesen Sprüchen ermutigt man Extremisten eher.

Die Furche: Sie selbst sind 1945 als 13-Jährige im Zuge des Prager Aufstands nach Österreich geflohen. Wie hat diese Erfahrung Ihren Blick auf die Asyldebatte verändert?

Coudenhove-Kalergi: Natürlich kann ich mir vorstellen, wie den Leuten zumute ist, die unter noch viel ärgeren Bedingungen als wir damals herkommen. Uns hat der Staat nicht besonders geholfen, so etwas wie Mindestsicherung gab es nicht, aber es hat uns auch niemand daran gehindert, uns selber zu helfen. Ich unterrichte ja Asylwerber, die oft jahrelang auf ihr Verfahren warten und in irgendeinem Kaff sitzen, ohne arbeiten zu dürfen. Oft denke ich mir, wenn es uns damals so gegangen wäre, wenn wir ohne Geld, ohne Arbeit monatelang, jahrelang irgendwo gesessen hätten, dann wären wir wohl alle im Gefängnis gelandet. Man hat damals, in viel schlechteren Zeiten als heute, gezeigt, dass Integration funktioniert. Unsere Art, die Flüchtlinge jahrelang in einer Art Fegefeuer schmoren zu lassen, ist in jeder Hinsicht kontraproduktiv.

Die Furche: Warum engagieren Sie sich heute persönlich für Asylwerber?

Coudenhove-Kalergi: Ich habe mich immer wahnsinnig geärgert über unsere Flüchtlingspolitik und mir gedacht, nur schimpfen ist auch nicht das Wahre. Also habe ich die Ausbildung "Deutsch als Zweitsprache" gemacht. Zuerst habe ich im Programm "Mama lernt Deutsch" der Stadt Wien gearbeitet, dann im Integrationshaus und nun bei der Caritas. Die machen alle gute Arbeit.

Die Furche: Welche Erfahrungen haben Sie mit den Asylwerbern im Unterricht gemacht?

Coudenhove-Kalergi: Natürlich gibt es da öfter seltsame Situationen. Im Vorjahr waren in einer Gruppe tschetschenische Frauen, die sehr nett und gescheit waren, aber sich nicht trauten, sich zu Wort zu melden wenn die Burschen zugeschaut haben. Wir haben dann im Integrationshaus überlegt: Sollen wir einen eigenen Frauenkurs anbieten? Einerseits müssen sich Asylwerberinnen daran gewöhnen, dass in Österreich Frauen und Männer gemeinsam Dinge machen. Andererseits war es für sie oberste Priorität, mal Deutsch zu lernen. Also haben wir einen Frauenkurs angeboten. Dann hatte ich einen Kurs, in dem tschetschenische Krieger gesessen sind, und ich dachte mir, die werden sich von einer Frau nichts sagen lassen. Die waren reizend, höflich. Ich habe sie gefragt: "Was ist in Euch gefahren?" Sie haben geantwortet: "Bei uns hat man Respekt vor dem Alter." Man tyrannisiert die Tochter, man tyrannisiert die Frau, aber bei der Oma ist es was anderes. (lacht)

Die Furche: Das ist ein Knackpunkt: Viele, die generell positiv gegenüber Immigration eingestellt sind, tun sich schwer mit dem Frauenbild in einigen islamischen Ländern.

Coudenhove-Kalergi: An das Kopftuch muss man sich einfach gewöhnen. Es gibt total emanzipierte muslimische Frauen, die sagen: "Wir lassen uns das Kopftuch nicht wegnehmen. Nur weil das irgendwem nicht passt, werde ich nicht meine Tradition aufgeben." Integration muss von beiden Seiten betrieben werden. Man muss den Leuten zubilligen, dass sie nicht alle ihre Wurzeln abschneiden. Es gibt einfach eine doppelte Identität und mehr als eine Heimat.

Die Furche: Ab wann haben Sie sich in Österreich heimisch gefühlt?

Coudenhove-Kalergi: Wir sind zu Fuß und quasi mit nichts von Böhmen nach Österreich gewandert. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater hinter der Grenze einfach bei irgendeinem Haus angeläutet hat. Eine ältere Dame hat aufgemacht und gesagt: "Kommen Sie herein! Sie sind willkommen!" Solche Momente vergisst man nicht. Sowas merken sich wohl auch Flüchtlinge, wenn einfach jemand nett zu ihnen ist.

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