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"Es geht hier nicht um Rekorde"

Arnold Pollak, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH Wien, über die Grenzen zur Lebensfähigkeit und zukünftige Entwicklungen im Bereich Frühgeborene.

* Das Gespräch führte Regine Bogensberger

Die größte Herausforderung für Neonatologen sind extrem unreife Frühgeborene. Gibt es noch weitere Grenzverschiebungen nach unten?

Die Furche: Herr Professor Pollak, die Zahl von Frühgeborenen nimmt zu. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Arnold Pollak: Er wird sich leicht fortsetzen. Erstens überleben immer mehr ganz junge Frühgeborene. Zweitens kommt es aufgrund der In-vitro-Fertilisierung (IVF, künstliche Befruchtung, Anm.) häufig zu Mehrlingsschwangerschaften, die zugleich oft Frühgeborene sind. Drittens zeichnet sich ein weltweiter Trend der sogenannten "late preterm" ab, die also ab der 34. Schwangerschaftswoche geboren werden.

Die Furche: Was sind da die Hintergründe?

Pollak: Ich möchte nichts zu den Indikationen sagen, das ist Sache der Geburtshelfer. Vielfach wird angenommen, diese Kinder seien eh schon reif. Dem ist aber nicht so. Es kann zu Problemen kommen, zum Beispiel Atemstörungen.

Die Furche: Die größte Herausforderung sind aber die kleinsten unter den Frühchen, also in etwa unter der 28. Woche.

Pollak: Ja. Wir versuchen aufzuzeigen, wie problematisch es ist, wenn beides zusammenkommt: Mehrlingsschwangerschaften, also mehr als zwei Kinder, und eine frühe Frühgeburt. Das ist eine extrem schwierige Kombination, die mit einer Reihe von Komplikationen verbunden ist. Wir hoffen, dass sich die IVF dahingehend optimieren wird und nicht mehr als zwei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt werden. Das hat auch etwas mit Qualitätssicherung zu tun. Das müsste durch entsprechende Maßnahmen abgesichert werden, indem man zum Beispiel alle Zentren, die künstliche Befruchtungen durchführen, zertifiziert. Oder indem der finanzielle Zuschuss, der zu Recht für die IVF gegeben wird, an diese Bedingung geknüpft wird.

Die Furche: Wird sich die Grenze zur Lebensfähigkeit noch weiter nach unten bewegen?

Pollak: Ich glaube, wir sind an einem Grenzbereich angelangt.

Die Furche: Wo verläuft die Grenze?

Pollak: Es wäre falsch zu sagen, die Grenze liege bei 450 Gramm oder bei der 23. Woche. Es hängt immer von der einzelnen Situation ab. Man kann besser von einem Bereich sprechen, der zwischen der vollendeten 23. und 25. Schwangerschaftswoche liegt.

Die Furche: Warum könnte dieser Grenzbereich nicht unterschritten werden?

Pollak: Aufgrund der gesamten Unreife des Kindes. Es geht hier nicht um Rekorde. In einer jüngsten japanischen Studie habe ich gelesen, dass sie für die 22. Woche eine Überlebensrate von 30 Prozent haben. Aber viel wichtiger ist: Was kommt danach? Für uns gilt das Langzeit-Outcome als Maxime. Darum haben wir auch unser Nachsorge-Programm (siehe Artikel links): Wir begleiten diese Familien bis zum 6. Lebensjahr des Kindes. Darum kämpfe ich auch wie ein Löwe um Ressourcen für dieses Programm. Für die Eltern ist es unglaublich wichtig, hier am AKH weiter betreut zu werden. Wir sind Partner der ersten Stunde.

Die Furche: Und eine so frühe Geburt kann einige Beeinträchtigungen für das Kind mit sich bringen.

Pollak: Je niedriger das Alter der Schwangerschaft, umso höher das Risiko. Unsere Forschung zeigt eindeutig den Zusammenhang von Infektionen der Mutter und dem Langzeit-Outcome. Infektionen per se haben einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Früher haben Kinder wegen zu unreifer Lungen oder des Herzkreislaufsystems nicht überlebt. Heute steht die Entwicklung des Gehirns im Vordergrund.

Die Furche: Umso erstaunlicher, dass sich doch einige ganz frühe Frühchen gesund entwickeln.

Pollak: Die Technologie macht Fortschritte, auch wir machen sehr viel: Wir setzen sogenannte entwicklungsfördernde Maßnahmen. Nach diesem Konzept werden störende Reize für die Kinder so weit wie möglich minimiert und diagnostische und interventionelle Eingriffe sinnvoll koordiniert; das heißt, dass alle Maßnahmen auf ein Langzeit-Outcome ausgerichtet sein sollen.

Die Furche: Das heißt, die Intensivmedizin im Frühchen-Bereich hat sich stark in jene Richtung bewegt, die einst, Anfang der 90er Jahre, von der umstrittenen Wiener Kinderärztin Marina Marcovich propagiert wurde.

Pollak: Es gab damals parallele Entwicklungen. Wir haben damit Anfang der 90er Jahre angefangen. Es gab zum Beispiel das Modell "Nidcap" ("Newborn Individualized Developmental Care and Assessment Program"). In diesen Bereich kann man Frau Marcovich einordnen. Da waren sicher von ihrer Seite ein paar gute Ansätze dabei.

Die Furche: Es gibt Leitlinien der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde für das Vorgehen in diesem Grenzbereich. Haben sich diese bewährt?

Pollak: Ja, diese Leitlinien streichen die individuelle Beurteilung hervor. Im günstigen Fall haben wir Zeit, die Geburt vorzubereiten und alles mit den Eltern zu besprechen. Daher ist auch die Schwangeren-Vorsorge so wichtig, um die Risikopatientinnen auszufiltern und rechtzeitig in Perinatalzentren zu bringen. Ganz unerwartete Komplikationen - etwa Blasensprung in der 24. Woche - kommen vor, aber immer seltener. Das ist natürlich die schlechteste Ausgangslage.

Die Furche: Wird genug getan, um Frühgeburten vorzubeugen?

Pollak: Die Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass sind ausreichend, um Risiken zu erkennen. Man weiß heute, dass zur Auslösung einer Frühgeburt mehrere Faktoren zusammenkommen müssen. Auch der soziale Faktor darf nicht unterschätzt werden.

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