"Es geht ja allen einmal so"

Langsam ist der Rhythmus des Lebens an seinem Beginn und am Ende, ganz leise nur ticken irgendwo Uhren. Dazwischen herrscht Stress, Hektik, Getümmel, Leistungsdruck. Aber dann, am Ende, da kann das Leben noch einmal Überraschungen bereithalten: Musik, soviel man will, und ein heißes Bad jeden Tag, damit die Schmerzen im Bein endlich weggehen; ein Glas Cognac; eine Zigarette, auch wenn man an Lungenkrebs leidet. Der Appell, nicht zu rauchen, kommt sowieso dreißig Jahre zu spät. Jetzt ist er nicht mehr wichtig. Jetzt darf man rauchen. Denn bald wird das Leben vorbei sein.

"So ist es halt" - ein Satz, der in Hospizen oft fällt. Zumindest in Anita Natmeßnigs Dokumentarfilm über das Caritas Socialis Hospiz Rennweg im dritten Wiener Gemeindebezirk wird dieser Satz oft gesagt, beweist Realitätssinn, drückt die Annahme dessen aus, worüber vor allem die engsten Angehörigen nicht reden wollen: Der Tod ist nahe, es ist Zeit, zu gehen.

Sterben als Teil des Lebens

Durchschnittlich 19 Tage verbringen Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt im Hospiz Rennweg, das seit 2002 in Kooperation mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien geführt wird - und daher eigentlich als "Hospizstation" gilt. Fast alle Patienten haben Krebs, zumeist im finalen Stadium. Dass Natmeßnig mit ihrem Team hier überhaupt drei Monate filmen durfte, verdankt die gebürtige Kärntnerin der Tatsache, dass sie während ihrer Psychotherapie-Ausbildung ein Praktikum im CS Hospiz gemacht hat - eine Zeit, die ihr nicht nur das Vertrauen der 28-köpfigen Belegschaft eingebracht, sondern sie auch mit der Hospiz-Philosophie vertraut gemacht hat. Zeit zu gehen ist denn auch ein Plädoyer für die Idee, Sterben als natürlichen Teil des Lebens zu akzeptieren und so zu gestalten, dass bis zuletzt Lebensqualität spürbar ist.

Zeit zu gehen - einen schöneren Titel hätte die Regisseurin nicht finden können. Einerseits müssen sechs unheilbar krebskranke Männer und Frauen Abschied nehmen. Andererseits geht es ums Zeit haben - Zeit für Dinge, die einem wichtig sind. "Lassen S' Ihnen Zeit", sagt jemand zu Margareta Reisinger, die gerade ihre Suppe löffelt - und es ist nicht umsonst der letzte Satz des Films, illustriert von einem Windrad, das sich immer schneller dreht.

Nicht dass irgendwas beschönigt würde: Da sind die Gurgelgeräusche der Lungenkranken, die Geräusche irgendwelcher Maschinen, die den Schleim ab-oder Morphium hineinpumpen, das gequälte Husten. Aber immer wieder gibt es eben auch die Laute von der Terrasse des Hospizes zu hören, voll von Vogelgezwitscher und dem Lärm, den die Stadt Wien tagsüber und nachts herüberträgt. Josefine Steindl beobachtet von hier aus die Flugzeuge, deren schmaler Kondensstreifen sich irgendwo in der Weite des Himmels verliert. Und irgendwann darüber muss sie wohl eingeschlafen sein - so wie sie es sich gewünscht hat, erfährt man von den Schwestern bei der Dienstübergabe.

Sterben ohne Voyeurismus

Zeit zu gehen heißt es nach 90 Minuten auch für den Zuschauer, Abschied zu nehmen von den "Hauptdarstellern" des Films - ganz wie im richtigen Leben. Und so dokumentiert die Kamera, wie eine Schwester die tote Josefine Steindl ein letztes Mal für ihre Angehörigen zurechtmacht. So wie sie eben war: mit diesen wundervollen weißen Haaren um das schöne alte Gesicht, mit dem nach rechts gelegten Kopf und dem warmen braunen Lieblingsschal. Gewaschen und liebevoll gekämmt von der Schwester, die sie in ihren letzten Tagen betreut hat und die nun von der ihr Anvertrauten Abschied nimmt. Genau an dieser heiklen Stelle gelingt Natmeßnigs Kameramann eines von vielen kleinen Wundern: Nichts wirkt inszeniert oder voyeuristisch. Ein leiser Bruch eines großen Tabus - passend zum ganzen Film und wohltuend anders als die vielen Horrorschocker von Fällen aktiver Euthanasie, die uns von Zeit zu Zeit aufrütteln, um den Umgang mit dem Tod nur noch schwieriger zu machen.

Natmeßnigs Film zeigt wenig Spektakuläres, vielmehr ganz durchschnittliche Männer und Frauen, für die es Zeit zu gehen ist. "Es geht ja allen einmal so", sagt Margareta Reisinger statt eines hochtrabenden "memento mori". Sie hat Recht. Im Hospiz darf endlich "darüber" gesprochen und - noch schwieriger - gemeinsam geschwiegen werden. Auch versteckt werden muss nichts mehr: Gesichter, die auf ihren Kissen schmäler und spitzer werden, schwerer werdender Atem, immer mehr Müdigkeit, langsames Verlöschen. Doch dazwischen immer wieder kleine Inseln des Lebens: eine zarte Gesichtsmassage für Herrn Linhart, der nach vielen Wochen ambulanter Betreuung aus der Einsamkeit seiner Wohnung zum Sterben ins Hospiz zurück darf. Oder eine neue Frisur für Margareta Reisinger, bevor ihre Tochter samt Enkelkindern zu Besuch kommt.

Das Hospiz wird hier zu einer Art Gegenwelt unserer Gesellschaft: In dieser letzten Lebensgemeinschaft zwischen Gesunden und Kranken gibt es Menschen, die ihren Humor niemals verlieren; Menschen, die keine Angst vor Berührungen haben; Menschen, die reden und schweigen können. Hier wird die Autonomie von Kranken respektiert bis zuletzt, ist bei aller Fürsorge in jedem Handgriff und bei jedem Satz Respekt vor dem Willen der Patienten zu spüren. Deutlich zu erahnen ist der hohe Anspruch an die berufliche Ausbildung, aber auch an die Belastbarkeit der Ärztinnen und des Krankenpflegepersonals. Das Konzept der Palliative Care, das die Lebensqualität sterbender Menschen und ihrer Angehörigen verbessern will, rückt den ganzen Menschen in den Mittelpunkt: Nicht nur seinen körperlichen, sondern auch seinen sozialen, psychischen und spirituellen Schmerzen soll hier durch ein interdisziplinäres Team begegnet werden. Das ist aufwändig und kostet Kraft, Zeit und Geld. Doch es lohnt sich, wie Anita Natmeßnigs Film zeigt. Nicht dass Abschiednehmen deshalb einfach wäre. Aber palliativmedizinisches Können einerseits und Menschlichkeit andererseits füllen die Grundidee des Hospizgedankens mit Leben: "Du bist wichtig, weil Du bist, wer Du bist."

Sterben mit Erfahrung

Irgendwann im Film fällt der Satz: "Auch die Schwalbe muss ja die Alm verlassen." Irgendwann ist es eben Zeit zu gehen. Und wer den Eindruck hat, dass es an der Zeit ist, der eigenen mangelnden Erfahrung im Umgang mit Tod und Sterben auf realistische und doch behutsame Weise zu begegnen - und wer außer einigen Hauptamtlichen im Gesundheitsbereich hat diese Erfahrung heute noch? -, für den ist es höchste Zeit, zu gehen. Nämlich in diesen bewegenden Film.

ZEIT ZU GEHEN

A 2006. Regie: Anita Natmeßnig. Mit Robert Linhart, Josef Moser, Margareta Reisinger, Josefine Steindl u. a. Verleih: Polyfilm. 95 Min. Ab 17. 11. im Kino.

Nähere Informationen unter

www.zeitzugehen.at

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