Gesellschaft

„Es geht um Macht“

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Aktives Innehalten, Verantwortung übernehmen, die Reflexion der eigenen Moral – Forscher sagen, damit lässt sich am besten gegen Mobbing vorgehen. Eine Psychologin erklärt, warum.

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Aktives Innehalten, Verantwortung übernehmen, die Reflexion der eigenen Moral – Forscher sagen, damit lässt sich am besten gegen Mobbing vorgehen. Eine Psychologin erklärt, warum.

Soziale Ausgrenzung oder Mobbing – ein Phänomen, das in den Schulen kaum mehr unter Kontrolle zu bekommen ist. Laut Psychologin Mechthild Schäfer ist das deshalb so, weil es nicht alleine der Täter ist, der Mobbing befeuert. Auch seine „Assistenten“ und „Verstärker“ spielen eine entscheidende Rolle. Mit der FURCHE sprach die Wissenschaftlerin von der LMU München über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Causa und welche Präventionsmaßnahmen es wirklich bräuchte.

DIE FURCHE: Was heißt „Mobbing“ aus Sicht einer Wissenschaftlerin?

Mechthild Schäfer: Bei Mobbing geht es nicht um unterschiedliche Meinungen zwischen gleich starken Parteien. Es geht um Macht, Dominanz oder darum, cool zu sein. Oft gibt es nicht mal eine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer, sondern eine Person wird durch Instrumentalisierung zum Opfer. Die Attacken gehen alle in eine Richtung. In der Klasse wissen dann alle Bescheid und müssen sich positionieren. Sie können sich abgrenzen, mitmachen oder nichts tun. Die stille Akzeptanz ist dabei für Betroffene am schlimmsten.

DIE FURCHE: Welche verschiedenen Rollen gibt es im Mobbing-Kontext?

Schäfer: Eine Klasse kann grob in eine Pro-Mobbing-Gruppe und eine Anti-Mobbing-Gruppe eingeteilt werden. Nach Studien sind knapp 40 Prozent der Schüler aggressionsaffin. Dazu gehören der Täter, der den Plan hat, die Assistenten, das sind die Handwerker, die jeden Blödsinn mitmachen und die Verstärker, die nicht direkt beteiligt sind. Die sogenannten Verteidiger bilden 25 bis 30 Prozent der Klasse. Sie sprechen sich offen gegen das Mobbing aus. Dann gibt es noch 30 Prozent Außenstehende. Sie finden Mobbing doof, aber sie handeln nur indirekt als Beistand, indem sie zum Beispiel das Opfer trösten oder Lehrer zu Hilfe holen. Für die Mobbing-Prävention ist die Gruppe der Verteidiger entscheidend: Die muss eine Mehrheit gegen Ausgrenzung bilden.

DIE FURCHE: Warum fällt es den Außenstehenden schwer, sich auf die Seite des Opfers zu stellen?

Schäfer: Sie sind physiologisch blockiert. Die Außenstehenden fühlen genau das, was das Opfer fühlt, und das ist unangenehm. Sie frieren nicht ein, weil sie selbst Angst haben, Opfer zu werden. Vielmehr empfinden sie das Mitleid so intensiv, dass Handeln nicht mehr möglich ist. Das Blöde daran ist, dass es in gewissem Sinne erlerntes Verhalten ist. Bei einem total überfordernden Erlebnis dreht man den Kopf weg und die physiologischen Beschwerden werden automatisch weniger. Das ist zum Beispiel auch bei Unfällen so.

DIE FURCHE: Wie kann man passives Gruppenverhalten vermeiden?

Schäfer: Wenn Mobbing passiert, müssen Außenstehende aktiviert werden. Es geht darum, eine starke Situation zu schaffen. Als Autoritätsperson gilt es zu vermitteln: „So, und ab jetzt ist alles anders. Jetzt setzen wiruns zusammen und schauen was passiert ist.“ Wichtig dabei ist, nicht aggressiv zu werden. Auch ganz leise werden ist möglich. Es geht darum, 100-prozentige Aufmerksamkeit zu bekommen und klarzumachen, dass die Zeitrechnung ab jetzt anders ist. Erst dann schalten die Kinder ihren Verstand an und sind nicht mehr im automatisierten Verhalten. Durch dieses aktive Innehalten bekommt die Klasse die Verantwortung und dann muss jeder über seine Moral nachdenken. Passives Verhalten geht dann nicht mehr. Wichtig ist, dass diese Intervention eingebettet ist und kein Einzelakt bleibt.

DIE FURCHE: Ist das also die Lösung gegen Mobbing?

Schäfer: Eine starke Situation zu schaffen, ist ein guter Ansatz für eine mögliche Intervention. Es geht darum, eine strukturelleLösung zu finden. Die Metaanalyse der Evaluationsstudien von Projekten ergibt, dass die beste Prävention jene ist, die aus der Klasse selbst kommt. Lehrer neigen oft dazu zu sagen, was zu tun ist. Wirksamer wäre es, die Schüler selbst draufkommen zu lassen. Schülern muss man nicht erklären, was Mobbing ist, das wissen diese besser als Lehrer. Sie brauchen gute Moderatoren oder einen guten Klassencoach, der das richtige Gefühl gegen Mobbing stärkt. Denn die Mehrheit ist ja gegen Mobbing. Dann erkennen die Kinder, dass eigentlich alle der gleichen Meinung sind. Es muss den Schülern, die nach Dominanz streben, klar gemacht werden, dass sie keine Power haben.

DIE FURCHE: Was kann man als Elternteil gegen Mobbing tun?

Schäfer: Den Eltern kommt eine bescheidene Rolle zu. Sie sind auf das Handeln der Schule angewiesen. Die Schule zu wechseln, ist katastrophal, denn das wäre administratives Mobbing. Das unschuldige Opfer würde bestraft und der Eindruck entstünde, dass an ihm etwas falsch ist. In der Klasse würde ohnehin sofort ein neues Opfer gewählt. Wenn es einen Klon des Opfers in der Klasse gäbe, würde nur einer der beiden gemobbt werden. Es liegt also nicht am Kind. Eltern müssen sich auf die Schule verlassen können. Lehrer haben einen pädagogischen Auftrag, der über Wissensvermittlung hinausgeht und den sie ernst nehmen müssen. Auch wenn ein Lehrer im Klassenzimmer streng gegen Mobbing vorgeht, passiert es, dass das Opfer am Schulhof wieder gemobbt wird, wenn ein anderer Kollege das nicht so ernst nimmt. Mobbing muss man daher strukturell angehen.

DIE FURCHE: Wie stellen Sie sich eine strukturelle Lösung vor?

Schäfer: Meiner Erfahrung nach bringt ein nicht abgestimmtes Handeln überhaupt nichts. Wenn ein gegen Mobbing engagierter Lehrer nach zwei Jahren die Schule verlässt, dann passiert wieder dasselbe, wenn keiner hinschaut. Wo Prävention abgebrochen wird, geht die Mobbing-Rate sofort wieder hoch. Wenn sich also nicht die ganze Schule hinter das Mobbing-Programm stellt, dann soll man es besser bleiben lassen. Zum Glück entsteht aber auch bei engagierten Einzelpersonen immer mehr Bewusstsein dafür, dass es strukturelle Maßnahmen braucht.