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Es gibt genug Nahrung für alle Menschen

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Eigentlich müsste niemand mehr hungern, wird doch für alle genug erzeugt. Was fehlt, ist die angemessene Verteilung der Güter.

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Eigentlich müsste niemand mehr hungern, wird doch für alle genug erzeugt. Was fehlt, ist die angemessene Verteilung der Güter.

Wer vom Recht auf Nahrung spricht, muss - das gilt vor allem für die christlichen Religionen - akzeptieren, dass es auch die Pflicht zu ihrer Beschaffung zu geben hat. Im Programmzeichen der FAO (der Internationalen Organisation für Landwirtschaft und Ernährung der UNO) steht das Wort "Fiat panis = Brot gib uns"!

Die Industriestaaten sind gefordert, die Menschen in Hungergebieten besser auszubilden, so dass sie für die eigene Ernährung aufkommen können. Die Versorgungsideologie des Importes aus Agrarländern ist langfristig falsch und verhängnisvoll. Es ist das Recht der Kleinbauern in vielen armen Ländern, dass sie gerechte Preise für ihre Produkte erhalten und sie nicht mit Hungerlöhnen abgespeist werden.

Die Pflicht der Industrieländer ist daher, Sorge zu tragen, dass nicht sinnlos die Wälder abgeholzt werden und damit den Bewohnern die Lebensgrundlage geraubt wird. Die Regierungen haben ebenso die Verantwortung dafür, dass in diesen Ländern für mehr Ökologie gesorgt wird.

Ethisch gesehen müssen alle Versorgungsideologien und Planungsmanipulationen abgelehnt, aber dafür die Menschen zur Eigenverantwortung aufgerufen werden. Verschiedenen FAO- und OECD-Berichten sind unter anderem folgende erschütternde Fakten zu entnehmen: * Im Jahre 2000 wird weltweit die Rekordsumme von 24 Billionen US-Dollar konsumiert, sechsmal soviel wie 1950.

* 20 Prozent der Weltbevölkerung tätigt 86 Prozent des privaten Konsums; die 20 Prozent ärmsten müssen sich 1,1 Prozent teilen.

Das reichste Fünftel verbraucht * 45 Prozent von allem Fleisch und Fisch; das ärmste fünf Prozent; * 58 Prozent aller Energie; das ärmste vier Prozent; * 84 Prozent allen Papiers; das ärmste ein Prozent.

Setzen sich die gegenwärtigen Trends fort, so wird der Konsum in den Industrieländern während der nächsten 50 Jahre um das Vier- bis Fünffache steigen. Ein Viertel der Fischbestände ist restlos ausgebeutet, 44 Prozent sind bis zu ihren biologischen Grenzen abgefischt.

Die Wirtschaft wächst jedoch weiter, und genau das ist das Problem. Der Wassermangel wird also zu einem wichtigen Thema. In vielen Teilen der Erde wächst die Bevölkerung einfach schneller als der lokale Wasservorrat. Hauptproblem ist nicht der Nahrungsmittelmangel, sondern die Bekämpfung der Armut. Hunderte Millionen Menschen sind weltweit zu arm, um sich überhaupt mit Nahrungsmittel eindecken zu können. Rein statistisch gesehen, stand mit 2.720 Kilokalorien (kcal) pro Kopf und Tag zu Anfang dieses Jahrzehnts ausreichend Nahrung für die Ernährung der Menschen in der Welt zur Verfügung.

Zuwachs auch in Afrika Die Nahrungsmittelproduktion ist rascher gewachsen als die Bevölkerung. Die Prognosen für das Jahr 2010 scheinen diesen Trend zu bestätigen. Dabei könnte auch für Afrika südlich der Sahara nach zwei Jahrzehnten Stagnation ein Zuwachs möglich sein. In der Überwindung von chronischem Hunger sieht die FAO die größte Herausforderung für die Landwirtschaft im 21. Jahrhundert.

Bestünde nach Ansicht von Experten die Lösung einfach darin, mehr Nahrungsmittel zu erzeugen, wäre das Problem relativ rasch gelöst. Statistisch gesehen wird nämlich weltweit genügend Nahrung produziert, um alle Menschen ernähren zu können. Pro Kopf stehen immerhin täglich 2.700 kcal an Nahrungsenergie zur Verfügung. Leider ist in der Praxis der Zugang zur Nahrung unausgewogen, sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der Regionen. In vielen armen Entwicklungsländern stehen pro Tag und Kopf weniger als 2.100 kcal zur Verfügung, während das Vorhandensein von Nahrungsenergie in den reichsten Ländern oft 3.200 kcal übersteigt.

14 Prozent leiden an Unterernährung Für rund 830 Millionen Menschen ist eine gesicherte Ernährung auch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch eine unerfüllte Sehnsucht. Damit sind 14 Prozent der Weltbevölkerung und fast ein Fünftel der in Entwicklungsländern lebenden Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen, davon etwa 180 Millionen Kinder. Jedes Jahr sterben über sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren an den direkten oder mittelbaren Folgen von Fehlernährung.

Weltweit leiden etwa 100 Millionen Kinder an Vitamin-A-Mangel, mehr als zwei Milliarden Menschen, insbesondere Kinder und Frauen, an Eisenmangel. Vordringlich sind daher: * die Bekämpfung der Armut; * die Verbesserung der Produktivität in der Agrarproduktion in den betreffenden Ländern; * die Verbesserung der Absatzwege und ein fairer Handel, den die WTO in der Verhandlungsrunde 2001 anstrebt.

"Ernährungssicherheit ist der Zustand, in dem alle Menschen zu jeder Zeit unmittelbaren und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, gesundheitlich unbedenklicher und gehaltvoller Nahrung haben, damit sie ihre Ernährungsbedürfnisse mit Nahrungsmitteln ihrer Wahl für ein aktives und gesundes Leben befriedigen können", hat die FAO für ihre Arbeit als politisches Ziel festgelegt. Dieses Recht hat die UNO schon vor über 50 Jahren in der Erklärung der Menschenrechte anerkannt, es wurde bis heute nicht erfüllt.

Der Autor ist Gruppenleiter im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

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