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„Evolution hat ihren Zauber verloren“

Die UNO hat 2010 zum Jahr der Artenvielfalt erklärt. Georg Grabherr ist Vizedekan an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Uni Wien. Der Vegetations- und Landschaftsökologe ist einer der renommierten Artenschützer des Landes.

Die Furche: 2010 ist das Jahr der Biodiversität. Greift das Umweltschutzbewusstsein so wenig, dass man Jahre des expliziten Besinnens darauf braucht?

Georg Grabherr: Dem Artenschutz hat dieses Bewusstsein eigentlich viel gebracht. Vor allem bei größeren Tieren, bei sogenannten Flagships, also Tiger oder Pandabär, da ist sehr viel passiert. Manche dieser Arten gäbe es schon längst nicht mehr. Auch bei Pflanzen gibt es Erfolge. Nehmen Sie etwa das Bodenseevergissmeinnicht. In den achtziger Jahren gab es noch 100 Individuen, mittlerweile gibt es hunderttausend, das sind die Erfolge.

Die Furche: Trotzdem liegen Umweltverträglichkeit und wirtschaftliche Interessen nach wie vor häufig im Streit miteinander.

Grabherr: Gerade jetzt erleben wir eine solche Diskussion: Am Tiroler Lech wollen die ÖBB einen Teil der Quellbäche ableiten, um daraus Energie zu gewinnen unter dem Motto Energieautarkie. Aber der Lech ist unser letzter Wildfluss, der einzige, der von der Quelle bis zur Staatsgrenze ohne Verbauung fließt. Hier wird ein ökologisches Argument gegen den Naturschutz ausgespielt, ohne die Gesamtheit zu sehen. Warum sollte es nicht möglich sein, einen Erinnerungsfluss zu haben? Das sollte doch zu schaffen sein.

Die Furche: Ist Österreich im Bewusstsein für Artenschutz ein Nachzügler?

Grabherr: Ja und nein. Es ist Nachzügler, wenn man es mit Briten und Amerikanern vergleicht. Dort gehört das Interesse für die Natur zur Identität. Wenn Sie etwa Sonntagvormittag BBC schauen, sehen Sie eine Sendung mit dem Titel „Birdwatch“. Da passiert nichts anderes, als dass jemand eine Kamera aufstellt und ein Ornithologe bespricht begeistert, was da alles vorbeifliegt. So etwas könnte man sich bei uns gar nicht vorstellen. Österreich hat zwar ein hohes Umweltbewusstsein, was aber denen Naturschutz anbelangt, ist das Bewusstsein begrenzt. Wir haben insgesamt 60.000 Pflanzen und Tiere. Das ist sehr viel. Aber es ist nur deshalb viel, weil sich in den Bergen die Natur einer intensiven Nutzung verschließt. Gehen sie ins Weinviertel, dort haben Sie noch zwei Prozent unerschlossene Natur, im Ötztal sind es teilweise über 70 Prozent naturnahes Land.

Die Furche: Gab es da mit der Biowelle ein Umdenken?

Grabherr: Wir sind in einer sogenannten Nimby-Situation. So nennt man die Kalifornien das Prinzip „Not in my backyard.“ Sobald irgendwo ein Bagger auffährt, regt man sich auf, solange das nicht der Fall ist, kümmert man sich nicht darum.

Die Furche: Da ersetzt Eigennutz den Sinn für die Komplexität der Zusammenhänge?

Grabherr: Es gibt zwei Dinge, die den Umgang mit der Natur schwierig machen. Wir haben es mit Arten zu tun, die differenzierte Lebensgemeinschaften bilden. In Österreich zählt man ungefähr 800 Pflanzengesellschaften in Wiesen und Wäldern. Es gibt beispielsweise eine Orchideenart, die zum gedeihen einen Bodenpilz braucht und zur Fortpflanzung Hummeln. Greife ich also irgendwo in dieses komplizierte Geflecht ein, riskiere ich die Entwicklung der Pflanze. Der Amateur muss sich sehr anstrengen, bis er die Zusammenhänge kennt und versteht. Das macht dasVerständnis schwierig.

Die Furche: Anders geht es nicht?

Grabherr: Natürlich geht es auch einfacher. Wenn ich etwa eine Wiese nicht sechsmal im Jahr, sondern nur zweimal mähe, kann ich die Vielfalt von drei auf 30 bis 40 Arten steigern. Einfache Maßnahmen sind oft sehr effizient. Überspitzt gesagt, bringt auch der faule Bauer etwas, der nicht so scharf arbeitet, wie die anderen (lacht). So ist der beste Partner des Naturschutzes ein sogenannter „fauler Hund“ oder eine zerstrittene Verwandtschaft, die das Land nicht bestellt, weil sie darüber streitet, wem der Grund gehört. Das ist eine Erfahrung aus 40 Jahren Praxis. Es ist wirklich so: Die Leute haben gar keine Ahnung, welchen Aufwand es bedeutet, so ein kleines Vogerl oder ein kleines Pflänzchen zu beschützen. Da muss immer man dahinter sein und darf nie aufhören.

Die Furche: Sie sagen, das Schlimmste, was der Natur passieren könne, seien Biologen.

Grabherr: Das Geheimnis der Vererbung und der Evolution hat durch die Molekularbiologie seinen Zauber verloren, weil es auf eine kringelige DNS reduziert wird. Gleichzeitig gilt heute nur noch die Molekularbiologie als gute Forschung. Die Beschäftigung mit den Organismen und ihren Lebensbedingungen hat dagegen an Beachtung und Respekt verloren.

* Das Gespräch führte Oliver Tanzer

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