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Feigenblatt und Intellekt

Sigmund Freuds biblisches Menschenbild.

Nach dem lebenslangen Umweg über die Naturwissenschaften, Medizin und Psychotherapie war mein Interesse zu jenen kulturellen Problemen zurückgekehrt, die dereinst den kaum zum Denken erwachten Jüngling gefesselt hatten". Das schrieb der fast 80-jährige Sigmund Freud in seiner Selbstdarstellung von 1935. Freuds 'Umwege" waren die Bewegungen eines lebendigen Geistes und seiner nie versiegenden Lust an neuer Erkenntnis. Dadurch ist er bis heute Missverständnissen ausgesetzt. Das eine Missverständnis geht dahin, er habe den Menschen als bloßes Triebwesen betrachtet und der sexuellen Triebabfuhr das Wort geredet. Das andere Missverständnis bezieht sich auf sein Diktum, die Religion sei eine universelle Zwangsneurose. Zwar hält Freud daran bis zuletzt fest, kann aber zugleich Religion als Mittel zum notwendigen Triebverzicht anerkennen.

Freuds Annahmen über die Entstehung von Religion hängen eng mit seiner Kulturtheorie zusammen. Als Triebtheoretiker geht er davon aus, 'daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen". Zu diesem biologischen Argument kommt das soziale hinzu, nämlich dass der Mensch nicht in der Vereinzelung existieren kann. Da nun Argumente gegen Bedürfnisse und Leidenschaften nichts ausrichten, muss der Prozess der Kulturentwicklung Verbote auferlegen, denn kulturelle Einrichtungen können 'nur durch ein gewisses Maß von Zwang" aufrechterhalten werden.

Bedrohter Selbstwert

Im Zusammenhang mit notwendiger Versagung und Entbehrung wird Religion zum Thema: Das Leben sei schwer zu ertragen, Verzicht, Leiden, die unbezwungene Natur und das Schicksal bedrohen das Selbstwertgefühl des Menschen. Daraus folgt für Freud die Suche nach einem Ausgleich - in der Religion: 'Göttliche Aufgabe wird es nun, die Mängel und Schäden der Kultur auszugleichen, die Leiden in acht zu nehmen, die die Menschen im Zusammenleben einander zufügen, über die Ausführung der Kulturvorschriften zu wachen, die die Menschen so schlecht befolgen. [...] So wird ein Schatz aus Vorstellungen geschaffen, geboren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts." Für Freud ist die Religion deshalb eine Illusion und psychisch besonders wirksam, weil sie die Erfüllung der ältesten Wünsche der Menschheit verspricht: 'Das Geheimnis ihrer Stärke", heißt es fast wörtlich wie bei Ludwig Feuerbach, 'ist die Stärke ihrer Wünsche."

Aber die Einschätzung der Religion durch Freud bleibt ambivalent: Auf der einen Seite werde die 'dunkle Macht des Schicksals" personifiziert, auf einen Gott übertragen und mit libidinösen Affekten verbunden, weshalb Gott eine mythologische Repräsentanz der Elternerfahrungen darstelle. Auf der anderen Seite würdigt Freud schon in seinem Aufsatz 'Zwangshandlungen und Religionsübungen" von 1907, in dem er sich zum ersten Mal mit Religion beschäftigt, deren Anteil an der menschlichen Kulturentwicklung. Denn sie fordert den Verzicht auf 'gewisse Triebregungen", besonders auf 'eigensüchtige sozialschädliche Triebe".

Verbotene Vernunft

Freuds Hauptargument gegen die Religion ist daher nicht, dass sie Verbote gegen das Ausleben der Bedürfnisse aufstellt, sondern dass sie dies übertreibt und den dadurch verursachten berechtigten Widerstand mit Denkverboten beantwortet, was zu pathologischen Verdrängungen führt. Damit schlage die Religion dem Menschen das einzige Mittel aus der Hand, das einen Umgang mit der Realität möglich macht und das Selbstwertgefühl stärkt: die Vernunft. Die Religion verlange, dass ihre widersprüchlichen Lehren ohne Kritik hinzunehmen seien, wodurch sie die Denkfähigkeit hemme. Und von Menschen, die sich dem unterwerfen, könne man nicht erwarten, dass sie 'das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz" erreichen.

Entscheidend für Freuds Sicht der Religion wird die Auseinandersetzung mit der Gestalt des Moses in seinen späten Jahren. Sein Alterswerk 'Der Mann Moses und die monotheistische Religion", 1934 begonnen, erschien zur Gänze und unter seinem Namen erst in seinem Todesjahr 1939. Auf der Grundlage der Darwin'schen Urhordentheorie entwirft Freud einen grandiosen Mythos: Mit dem Mord am despotischen Urvater etablieren dessen Söhne einen Gesellschaftsvertrag auf der Basis der Erinnerung an die Befreiungstat und der dadurch entstandenen Gefühlsbindungen untereinander.

Bereits nach Darwins Theorie musste für den ermordeten, aber doch auch verehrten Vater ein Ersatz, etwa ein Totemtier, gefunden werden, um auch die alten Affekte der Verehrung wieder freizusetzen. Strukturparallel dazu erklärt Freud den Ursprung des Monotheismus; er greift auf den Pharao Echnaton zurück, der den Kult des Sonnengottes Aton zur alleinigen Staatsreligion erhoben hatte. Nach dem Tod Echnatons kehrte Ägypten wieder zum Polytheismus zurück, aber Moses blieb, so Freud, dem Monotheismus treu. Er habe sich an die Spitze eines hebräischen Stammes gestellt und diesem seinen 'einen Gott" als neue Religion gegeben. Eine vergeistigte Religion mit großem Maß an Triebverzicht sei aber für die 'wilden Semiten" ein zu hoher Anspruch gewesen. Daher hätten sie Moses ermordet und den Mord verdrängt, um von der bilder-und ritenlosen Religion abzufallen, an die sie jedoch durch die Propheten immer wieder erinnert wurden.

Erinnerter Mord

Diese rekonstruierte Geschichte bringt Freud in Verbindung mit seiner psychologischen Theorie: In dem Mord an Moses hat sich im Sinne der Wiederkehr des Verdrängten der Urmord wiederholt, die Tötung einer hervorragenden Vatergestalt mit der Verehrung des einen Gottes als Ersatz. So gesehen stört es Freud nicht, dass seine geschichtliche Rekonstruktion wenig gesicherte Tatsachen aufweist. In der Bibel ist von einem Mord an Moses keine Rede.

Freud geht es nicht darum, wie es wirklich gewesen ist, sondern wie und ob Ereignisse erinnert werden. Trotz des neurotischen Charakters der Religion hat der Monotheismus für Freud einen entscheidenden Fortschritt in der Geistigkeit gebracht, der darin besteht, 'daß man gegen die direkte Sinneswahrnehmung zu Gunsten der sogenannten höheren intellektuellen Prozesse entscheidet, also der Erinnerungen, Überlegungen, Schlußvorgänge".

Freud versteht sich als Empiriker, besteht aber zugleich auf dem Primat der Geistigkeit. Damit setzt er eine anthropologische Prämisse, eine nicht mehr hinterfragbare Denkvoraussetzung. Prämissen sagen nichts darüber aus, warum und wie etwas geworden ist, fragen also nicht mehr nach Ursachen, sondern sagen, dass es so ist. Freuds Theorien können daher auch anders gelesen werden, nämlich als Ursprungsmythen, die im Gewande einer Begründung nicht mehr erzählen, als dass es so ist, wie es ist. Mythen lassen sich als Prämissen in narrativer Gestalt verstehen. In dieser Perspektive zeigen Freuds Anthropologie und Seelentheorie ein hohes Maß an Plausibilität, und vielleicht liegt ihre nachhaltige Wirkung auch darin begründet. Mythen formulieren die conditio humana als Erinnerungen an menschliche Grundkonflikte - so auch die Erzählung vom Sündenfall in der Genesis.

Biblische Spannung

Menschen sind mit Bewusstsein ausgestattet (Freuds Geistigkeit) und erkennen sich als geschlechtliche Wesen (Freuds Triebe). Im Mythos steht für das eine der Baum der Erkenntnis, für das andere die Scham, weshalb sich das Menschenpaar die sprichwörtlichen Feigenblätter umhängt. Durch diesen Mythos werden Menschen zur Vorsicht gemahnt, nicht jedes Bedürfnis gleich zu befriedigen, sondern das zu bemühen, was Freud Triebverzicht, Gewissen und Intellekt nennt. Der Mensch steht in der Spannung von Erkennen und Scham. 1935 schreibt Freud: 'Frühzeitige Vertiefung in die biblische Geschichte, kaum daß ich die Kunst des Lesens erlernt hatte, hat, wie ich viel später erkannte, die Richtung meines Interesses nachhaltig bestimmt."

Freuds Werk lässt sich nicht unabhängig von seinem Judentum verstehen, aber auch auf dieses nicht reduzieren. Er übt die jüdische Selbstkritik aus der biblisch-prophetischen Tradition; sein Werk ist durchzogen vom Aufrechterhalten der Hoffnung in auswegloser Lage; die für das Judentum konstitutive Kategorie des Erinnerns, biblisch auf die Rettung des Volkes aus dem Sklavenhaus Ägypten bezogen, prägt nicht nur Freuds Moses-Mythos, sondern ebenso die Praxis der Psychoanalyse, die ihn zum Vater vieler späterer Schulen machte. Denn wie sich die Juden jährlich am Pessach-Fest an den Weg aus der Schmach der Versklavung in die Freiheit erinnern, so muss sich auch die menschliche Seele an ihre früh erlittene Schmach erinnern, um von versklavenden Verdrängungen frei zu werden. Hinter der Theorie Freuds, der immer ein 'gottloser Jude" geblieben ist, steht eine vom biblischen Menschenbild geprägte Anthropologie.

Die Autorin ist Vorstand des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

BUCHTIPP:

GRUNDLAGEN DER RELIGIONSPSYCHOLOGIE. Modelle und Methoden

Von Susanne Heine. Verlag Vandenhoeck&Ruprecht, UTB 2528, Göttingen 2005, 442 S., e 21,-

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