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Fernsehen, das "wärmende Herdfeuer" in der Familie

Kein Medium unserer Zeit wird so verteufelt, geliebt, bekämpft und beansprucht wie das Fernsehen. Medienforscher sind sich darin einig, daß Fernsehen heute die Funktion des ehemals funktionierenden Dorfplatzes übernommen hat. Es verkündet festliche Anlässe (Opernball), ist Erzähler, Tröster und Ablenker.

Es ist das aktuellste "Fenster zur Welt" und führt in vielen Familien jene Zeitstrukturierung durch, die früher durch religiöse oder volkstümliche Feste gegeben war. Nach wie vor gibt es aber mehr oder weniger starke Vorbehalte gegen den boomenden Fernsehkonsum. Warum?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Daher wird auch auf dem Gebiet Fernsehen viel und reichlich konsumiert. Ob das gut oder schlecht ist, soll hier nicht bewertet werden. Es ist ein Faktum, mit dem wir leben müssen. Untersuchungen der Abteilung für Medienforschung im ORF zufolge sehen Kinder zwischen 72 Minuten täglich fern, jüngere Menschen (Teenager) verwenden 84 Minuten am Tag, (ihre Aktivitäten finden in dieser Lebensphase mehr im außerhäuslichen Bereich statt). Erwachsene konsumieren etwas über zwei Stunden täglich. Ältere Menschen sehen am meisten fern, nämlich zwischen drei und 3 1/2 Stunden am Tag. "Das ist alles eine Frage des Zeitbudgets" meint Peter Vitouch, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Empirische Medienforschung und Professor für Psychologie am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.

"Wir stellen heute fest, daß durch den Computer der Fernsehkonsum in den österreichischen Haushalten im Schnitt um zehn Minuten zurückgegangen ist. Ich erinnere aber daran, daß bei der Einführung des Fernsehens prognostiziert wurde, daß ab nun niemand mehr Zeitung lesen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Zeitungen haben sich noch nie so gut verkauft wie in Zeiten des Kabelfernsehens."

Peter Diem, Leiter der Abteilung für Medienforschung im ORF, sagt dazu: "Wir stellen heute vor allem bei den Buben ein leichtes Absinken des Fernsehkonsums fest. In 44 Prozent aller Haushalte mit Kindern gibt es bereits einen Computer. Bald wird es die Hälfte aller Haushalte sein. Computer haben vor allem für Buben eine stärkere Anziehungskraft, weil sowohl Computerspiele als auch die Beschäftigung mit dem PC eine ganz andere Attraktivität haben als das Fernsehen."

Geschichtenerzähler Mädchen haben andere Gewohnheiten. Sie lassen sich gerne "Geschichten erzählen". So hat Fernsehen heute auch die Rolle der märchenerzählenden Großmutter übernommen, wobei auch der Mechanismus der Angstbewältigung eine Rolle spielt. Vitouch: "Großmütter hatten einen angst-inkompatiblen Reiz, sie haben es ermöglicht, Unheimliches und Ängstigendes in Sicherheit auszuhalten. Das schaut für Kinder heute sicher anders aus, wenn sie alleine vor dem Fernseher sitzen. Ich habe allerdings festgestellt, daß Menschen meist erfreulicherweise psychisch gut ausgestattet sind und ohnehin das tun, was ihnen auch guttut. Anders ausgedrückt: die Medien richten erheblich weniger Schaden an als die Menschen untereinander. Es wird ja auch niemand dazu gezwungen, sich Gewaltprogramme im Fernsehen anzuschauen ..."

Fernsehen wird heute, ähnlich wie es das Radio früher war, immer mehr zum Hintergrundmedium. Früher versammelte sich die Familie, um gemeinsam Radio zu hören. Heute dreht fast niemand mehr das Radio auf, um gezielt eine bestimmte Sendung anzuhören. Man läßt das Radio laufen, das bewußte Einschalten, das heißt, die Hinwendung der Aufmerksamkeit, erfolgt durch einen "Einschaltknopf im Kopf."

Diese Entwicklung hat mittlerweile auch auf das Fernsehen übergegriffen. In dem Maß, in dem das Fernsehen zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, und das sehr große Programmangebot auch eine gewisse Unübersichtlichkeit bedingt, wird auf dieses Medium nicht mehr so gezielt zurückgegriffen. Dazu kommt, daß es in vielen Haushalten bereits mehrere Fernsehgeräte gibt. Wir haben außerdem die Auswahl von 25 Sendern, die in 74 Prozent der österreichischen Haushalte zu empfangen sind.

Dazu Professor Vitouch: "Heute kommt es vor, daß man im bestehenden Familienkreis zusammensitzt, peripher fernsieht, der eine liest, der andere plaudert. Ein weiterer Aspekt für die heutige Nutzung des Fernsehens ist sicher auch die leichtere Konsumierbarkeit. Wenn man nach einem anstrengenden Arbeitstag und der Bewältigung des Verkehrs müde nach Hause kommt, ist Fernsehen sicher ein ideales Mittel zum Entspannen."

ORF-Vertreter Diem: "Wir haben festgestellt, daß vorabendliche Serien bei älteren Ehepaaren sogar streitmindernd wirken."

Apropos Serien: Der große Erfolg und Zuspruch dieser Programme ist darauf zurückzuführen, daß es hier zu sogenannten parasozialen Beziehungen zu den Personen der Serie kommt. Das Fernsehen kann mangelnde Kontakte und Defizite im sozialen Bereich ersetzen. Peter Vitouch erklärt das so: "Man kennt die Personen (der Fernsehhandlung) relativ gut. Sie verlangen nie, daß man sich wirklich auf sie einläßt, sie erzählen einem auch nie die eigenen Sorgen oder verlangen Dinge, bei denen man selbst etwas investieren müßte. Diese Personen sind jederzeit verfügbar (bei welchen anderen sozialen Kontakten hat man das schon?) Parasoziale Kontakte über das Fernsehen sind also verführerisch und haben auch eine gewisse Sogwirkung. So kann es durchaus auch vorkommen, daß Zuseher mit den Fernsehsprechern reden. Wir kennen Untersuchungen, die zeigen, daß Leute zu bestimmten Figuren des Fernsehens eine stärkere emotionale Bindung haben als zu manchen Familienangehörigen. Sie werden höher eingeschätzt, weil nur Positives von ihnen ausgeht. Das ist ja beim echten sozialen Kontakt nicht immer der Fall. Auch die Vorhersehbarkeit ist wichtig. Stereotype, klischeehafte Darstellungen haben den Vorteil, daß man weiß, was passieren wird."

Wenig Ansprüche Peter Diem dazu: "Fernsehen bietet Erholung und Entspannung, weil es keine großen Anforderungen stellt. Es ist im Alltag auch nicht möglich, Erwachsene abends noch sehr zu fordern. Sicher hat sich der Bildungsstand der Österreicher sehr verbessert. Er darf aber weiterhin als nicht allzu hoch angesetzt werden. Wir haben in Österreich bei sechs Millionen Erwachsenen nur elf Prozent Maturanten und nur fünf Prozent Akademiker. Darum interessieren bestimmte Programme mit höherem Anspruch nur eine kleinere Zahl von Zusehern. Man kann darüber philosophieren, ob unsere Kinder ohne Fernsehen mehr Bücher lesen würden und mehr wüßten, ich glaube aber, das Nicht-Fernsehen auch einen Ausschluß vom gemeinsamen Wissensstand bedeuten würde".

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