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Gesellschaft

Formel zur Gerechtigkeit

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Europäische Forum Alpbach beginnt seinen Reigen an Vorträgen und Gesprächen. "Gerechtigkeit - Verantwortung für die Zukunft lautet das Generalthema. Dieses trifft den Kern der Zeit - und hoffentlich auf zahlreiche Zuhörer.

Gerechtigkeit herzustellen, scheitert nicht nur, wie der Mathematiker Rudolf Taschner erst jüngst vorrechnete, am Mangel an objektivierbarer Definition von Gerechtigkeit. Nein, dem stets großen, heute äußerst drängend vorgetragenen Projekt Gerechtigkeit fehlt es, so meinen wir, an einer wesentlichen Geschäftsgrundlage, nämlich Vertrauen in Personen, Institutionen und Regelwerke. Das Europäische Forum Alpbach hat mit dem Generalthema "Gerechtigkeit - Verantwortung für die Zukunft“ den Nerv der Zeit getroffen und Anspruch auf Aufmerksamkeit vor allem durch Entscheidungsträger in der Politik, deren Theoriedefizit ohnedies oftmals wortreich beklagt wird.

Erhard Busek, Präsident des Europäischen Forums, schrieb dazu vor wenigen Wochen in dieser Zeitung: "Die Ordnungen der Politik, der Wirtschaft und unseres sozialen Zusammenlebens sind begleitet von dem Gefühl, dass uns nicht hinreichend Gerechtigkeit widerfährt.“ Wie wahr.

Falscher Grundkonsens Vorteilsmehrung

Geld hat es gerne dunkel, lautet eine Volksweisheit, die damit alles und jeden unter Generalverdacht stellt und den Boden des Zusammenlebens mit Skepsis und Misstrauen düngt. Beschämend niedrige Stundenlöhne einerseits, unverschämt hohe Honorare und Provisionen andererseits bekräftigen die österreichische Lebenserfahrung, das Preis-Leistungs-Verhältnis sei kaum wo in - gerechter - Balance. Befeuert durch Neid und die Erfahrung, Leistungsgerechtigkeit sei ohnehin Schimäre, treiben Raffgier und Gratis-Mentalität hierzulande besonders große Blüten. Mit legaler Steuerflucht, illegaler Steuerhinterziehung und mit Subventionsbetrug nehmen sich kleinere und größere Männleins, wovon sie annehmen, dass es ihnen schon deswegen zustünde, weil Vorteilsmehrung ja Ziel jeglichen Strebens sei. Andersrum ausgedrückt: Um auf diesem Felde aufzuräumen, um hier Gerechtigkeit herzustellen, wären lediglich die bereits gewonnenen Erkenntnisse auch der neueren Moralphilosophie und anderer Wissenschaftsdisziplinen heranzuziehen. Das setzte allerdings voraus, sie zu kennen, was wiederum zum Vorwurf des Theoriedefizits der Politik zurückführt. Dem Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis entspricht jener von Philosophie und Politik. Wobei die Theorie auf das Welt- und das Menschenbild, auf Werte, auf Verfahren und Regeln abstellt, nicht auf bloß strategisches Kalkül des Machterhalts. Weil die Politik aber zu sehr den Eindruck vermittelt, lediglich Letzteres zum Gegenstand ihrer Anstrengung zu machen, nimmt das Vertrauen in sie stets ab. Obwohl Abhilfe möglich wäre.

Es würde - als erstes - reichen, das Projekt der Transparenz-Datenbank voranzutreiben. Aber genau das wird ja von jenen politischen Eliten ständig in Streit und Zweifel gezogen, also verhindert, an denen sich dann die Allgemeinheit das schlechte Beispiel nimmt, anstatt gelebten Vorbildern von Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit nachzueifern.

Zuversicht als Voraussetzung

Der Mangel an Vertrauen, an Transparenz und an Konsequenzen aus den Kontrollberichten untergraben den gesellschaftlichen Konsens und soziale Übereinkunft über einzuhaltende Konvention und zu beachtende Normen. Für diese besteht, einmal mehr sei es an dieser Stelle beklagt, kaum mehr eine wahrnehmbare gesamte Verantwortung. Ganz im Gegenteil: Verantwortlichkeiten scheinen sich aufzulösen. Auch das ist eine Belastung der Zukunft.

Vielerorts ist zu vernehmen, die Wirtschaftslage sei bestimmt von Ausgaben und von Investitionen, diese wiederum von der Stimmung der Marktteilnehmer. Und die sei eben schlecht, wenig zuversichtlich. Genau: Investitionen erfolgen stets in die Zukunft, und stimmt der Blick dorthin nicht zuversichtlich, unterbleiben sie. Gegenwart gestalten heißt Zukunft denken, wofür es Vertrauen in Berechenbarkeit der Abläufe, in Verlässlichkeit und Korrektheit von Personen und in Vernünftigkeit von Regeln braucht. Gerechtigkeit ergäbe sich dann nahezu von selbst.

* claus.reitan@furche.at

Das Europäische Forum Alpbach beginnt seinen Reigen an Vorträgen und Gesprächen. "Gerechtigkeit - Verantwortung für die Zukunft lautet das Generalthema. Dieses trifft den Kern der Zeit - und hoffentlich auf zahlreiche Zuhörer.

Gerechtigkeit herzustellen, scheitert nicht nur, wie der Mathematiker Rudolf Taschner erst jüngst vorrechnete, am Mangel an objektivierbarer Definition von Gerechtigkeit. Nein, dem stets großen, heute äußerst drängend vorgetragenen Projekt Gerechtigkeit fehlt es, so meinen wir, an einer wesentlichen Geschäftsgrundlage, nämlich Vertrauen in Personen, Institutionen und Regelwerke. Das Europäische Forum Alpbach hat mit dem Generalthema "Gerechtigkeit - Verantwortung für die Zukunft“ den Nerv der Zeit getroffen und Anspruch auf Aufmerksamkeit vor allem durch Entscheidungsträger in der Politik, deren Theoriedefizit ohnedies oftmals wortreich beklagt wird.

Erhard Busek, Präsident des Europäischen Forums, schrieb dazu vor wenigen Wochen in dieser Zeitung: "Die Ordnungen der Politik, der Wirtschaft und unseres sozialen Zusammenlebens sind begleitet von dem Gefühl, dass uns nicht hinreichend Gerechtigkeit widerfährt.“ Wie wahr.

Falscher Grundkonsens Vorteilsmehrung

Geld hat es gerne dunkel, lautet eine Volksweisheit, die damit alles und jeden unter Generalverdacht stellt und den Boden des Zusammenlebens mit Skepsis und Misstrauen düngt. Beschämend niedrige Stundenlöhne einerseits, unverschämt hohe Honorare und Provisionen andererseits bekräftigen die österreichische Lebenserfahrung, das Preis-Leistungs-Verhältnis sei kaum wo in - gerechter - Balance. Befeuert durch Neid und die Erfahrung, Leistungsgerechtigkeit sei ohnehin Schimäre, treiben Raffgier und Gratis-Mentalität hierzulande besonders große Blüten. Mit legaler Steuerflucht, illegaler Steuerhinterziehung und mit Subventionsbetrug nehmen sich kleinere und größere Männleins, wovon sie annehmen, dass es ihnen schon deswegen zustünde, weil Vorteilsmehrung ja Ziel jeglichen Strebens sei. Andersrum ausgedrückt: Um auf diesem Felde aufzuräumen, um hier Gerechtigkeit herzustellen, wären lediglich die bereits gewonnenen Erkenntnisse auch der neueren Moralphilosophie und anderer Wissenschaftsdisziplinen heranzuziehen. Das setzte allerdings voraus, sie zu kennen, was wiederum zum Vorwurf des Theoriedefizits der Politik zurückführt. Dem Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis entspricht jener von Philosophie und Politik. Wobei die Theorie auf das Welt- und das Menschenbild, auf Werte, auf Verfahren und Regeln abstellt, nicht auf bloß strategisches Kalkül des Machterhalts. Weil die Politik aber zu sehr den Eindruck vermittelt, lediglich Letzteres zum Gegenstand ihrer Anstrengung zu machen, nimmt das Vertrauen in sie stets ab. Obwohl Abhilfe möglich wäre.

Es würde - als erstes - reichen, das Projekt der Transparenz-Datenbank voranzutreiben. Aber genau das wird ja von jenen politischen Eliten ständig in Streit und Zweifel gezogen, also verhindert, an denen sich dann die Allgemeinheit das schlechte Beispiel nimmt, anstatt gelebten Vorbildern von Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit nachzueifern.

Zuversicht als Voraussetzung

Der Mangel an Vertrauen, an Transparenz und an Konsequenzen aus den Kontrollberichten untergraben den gesellschaftlichen Konsens und soziale Übereinkunft über einzuhaltende Konvention und zu beachtende Normen. Für diese besteht, einmal mehr sei es an dieser Stelle beklagt, kaum mehr eine wahrnehmbare gesamte Verantwortung. Ganz im Gegenteil: Verantwortlichkeiten scheinen sich aufzulösen. Auch das ist eine Belastung der Zukunft.

Vielerorts ist zu vernehmen, die Wirtschaftslage sei bestimmt von Ausgaben und von Investitionen, diese wiederum von der Stimmung der Marktteilnehmer. Und die sei eben schlecht, wenig zuversichtlich. Genau: Investitionen erfolgen stets in die Zukunft, und stimmt der Blick dorthin nicht zuversichtlich, unterbleiben sie. Gegenwart gestalten heißt Zukunft denken, wofür es Vertrauen in Berechenbarkeit der Abläufe, in Verlässlichkeit und Korrektheit von Personen und in Vernünftigkeit von Regeln braucht. Gerechtigkeit ergäbe sich dann nahezu von selbst.

* claus.reitan@furche.at