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Fortuna erforscht

Die Schweizer, Dänen und Malteser sind die glücklichsten Völker der Welt. Aber auch die Österreicher sind offenbar ganz zufrieden mit ihrem Leben.

Was ist Glück? Wer diese Frage gestellt bekommt, hat statt einer spontanen Antwort meist wohl eher Ratlosigkeit zu bieten und zählt höchstens einige Faktoren auf, die möglicherweise glücklich machen. Aber zum Glück gibt es ja die Brockhaus-Enzyklopädie. Denn die bietet eine ausführliche Erklärung des Begriffs: Es handle sich dabei um die "komplexe Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen, des Eintretens positiver Ereignisse, Einssein des Menschen mit sich und dem von ihm Erlebten. G. beinhaltet sowohl günstige Fügung der Geschehnisse, des Schicksals (G. haben) als auch den Zustand des Wohlbefindens, der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben (glücklich sein) ..."

Das Glück einer Stadt

Um eben diese günstige Fügung des Schicksals ging es Ende des Vorjahres in der katalanischen Stadt Sort, zu Deutsch "Glück", die ihrem Namen vor einigen Monaten alle Ehre machte: In der spanischen Weihnachtslotterie "El Gordo" (der Dicke) wurden insgesamt 1,8 Milliarden Euro ausgespielt. Der Hauptgewinn in Höhe von je zwei Millionen Euro entfiel auf die Nummer 54600. Rund 40 Millionen Spanier nehmen jährlich an dieser - gemessen an der Gewinnsumme - weltweit größten Lotterie teil, aber alle 195 Lose mit der Gewinnnummer wurden in Sort verkauft.

Ob jedoch das Glück der Glückspilze aus Sort von Dauer sein wird, ist zu bezweifeln, ergab doch eine Studie, dass die Zufriedenheit von Lotto-Gewinnern spätestens ein Jahr nach dem Geldsegen wieder auf demselben Niveau ist wie vorher.

Glücklichmacher Geld?

Geld allein macht also nicht glücklich (nicht einmal, wenn man rechtzeitig drauf schaut, dass man es hat, wenn man es braucht, wie die Werbung gern suggeriert). Diese Tatsache ist den Österreichern auch durchaus bewusst, wie eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Market ergab: Auf die Frage, was alles besonders wichtig sei zum Glücklichsein, gaben nur 31 Prozent der Befragten an, dass es ihnen im Leben auf Besitz und Vermögen ankomme. Wichtiger ist den Österreichern dagegen offenbar Gesundheit und Freundschaft mit jeweils mehr als 80 Prozent Zustimmung; Friede, Liebe und Humor trägt laut Umfrage bei jeweils mehr als 70 Prozent zum Glück bei. Allerdings verfügen offenbar viele Österreicher über diese angestrebten immateriellen Güter nicht, gibt doch nur ein Viertel an, besonders glücklich zu sein.

Dass aber auch in der Glücksforschung alles eine Frage des Standpunktes ist, zeigt der internationale Vergleich. Denn der weist die Österreicher als recht glückliches Volk aus. Seit den 1960er Jahren ist Glück ein Thema für die breite Forschung, und seit Mitte der 70er Jahre wurden in insgesamt 112 Ländern mehrmals zigtausend Menschen gebeten, auf einer Skala von null für "gar nicht" bis zehn für "sehr" zu beurteilen, wie glücklich sie sind. Ergebnis: Das weltweite Glück liegt bei 6,5. Die Österreicher befinden sich mit einer Durchschnittsbewertung von 7,0 sehr weit oben. Die glücklichsten Völker sind die Schweizer, Dänen und Malteser mit jeweils 8,0. Am unteren Ende der Skala stehen Moldawien mit 3,5 und Simbabwe mit 3,3. Allerdings gab auch in den glücklichsten Ländern jeweils etwa ein Prozent der Befragten an, extrem unglücklich zu sein.

Wovon hängt aber das Glück einer Nation ab? Der niederländische Glücksforscher Ruut Veenhoven (siehe Interview rechts) sammelt in einer Glücksdatenbank, der "World Database of Happiness" hunderte wissenschaftliche Studien zum Thema. Er erklärt: "Die Differenz liegt hauptsächlich an der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch am Grad der Demokratie, an der Politik und dem Klima der Toleranz in einem Land." Diese Faktoren zusammengenommen, könnten bereits 75 Prozent der unterschiedlichen Glücksniveaus in den einzelnen Ländern erklärt werden.

Demokratie und Reichtum

In reichen, demokratischen Ländern leben die Menschen im Durchschnitt also glücklicher als in armen Diktaturen. Aber in den objektiv reichen Ländern selbst gibt es im Glücksempfinden kaum Unterschiede zwischen den relativ reichen und den relativ armen Bewohnern. Das individuelle Finanzeinkommen und die Ausbildung, erläutert Veenhoven, erklärten dementsprechend nur fünf Prozent der Unterschiede im Glücksempfinden einzelner Personen, Sozialkontakte und freiwilliges Engagement 15 Prozent, die Persönlichkeitsstruktur der Befragten mache 25 Prozent aus und mehr oder weniger zufällige glückliche oder unglückliche Ereignisse machten weitere zehn Prozent aus. Was bedeutet, dass 45 Prozent der Unterschiede im Glücksempfinden der Menschen bisher ungeklärt sind.

Verheiratet, älter, religiös

Allgemein leben verheiratete Menschen glücklicher als Singles. Andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass religiöse Menschen glücklicher sind als nicht gläubige, dass ältere tendenziell glücklicher sind als jüngere - mit Ausnahem der Kinder, aber bereits vor der Pubertät nimmt das persönliche Glücksempfinden ab. Und obwohl laut Market-Umfrage für 61 Prozent der befragten Österreicher Kinder wichtig sind, erhöhen sie laut Studien das Glück nicht merklich. Veenhoven hat dafür eine mögliche Erklärung parat: "Das liegt wohl daran, dass die Freuden der Elternschaft durch andere Aspekte ausgeglichen werden, etwa durch neue Probleme in der Partnerschaft." Und die wirken auf "den Zustand des Wohlbefindens", wie ihn der Brockhaus nennt, bekanntlich eher störend.

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