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Frau sein, aber wie?

An Bundespräsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner scheiden sich die (weiblichen) Geister. Ist bei Wahlen Frauensolidarität einzufordern? Wie ist es grundsätzlich um weibliche Vorbilder bestellt? Ein Stimmungsbericht.

Ohne Frauen geht nichts mehr. Überall wo Frauen kandidieren, siegen sie. Auf Frauen setzen lohnt sich!" Ob Alice Schwarzer beim Schreiben dieser Zeilen wusste, dass sie dereinst als Wahlempfehlung für eine österreichische Politikerin aus dem bürgerlichen Lager herangezogen würden? Wohl kaum. Nichts desto trotz prangen die Sätze leuchtend orange auf der Rückseite jener Biografie, die - rechtzeitig vor dem Intensivwahlkampf um den Einzug in die Hofburg - erschienen ist: "Dr. Benita Ferrero-Waldner: Die Kandidatin. Frauen bewegen Österreich" (Molden Verlag).

Selten noch hat eine Politikerin eine derartige Polarisierung unter der weiblichen Wählerschaft ausgelöst wie die derzeitige VP-Außenministerin: Während die einen das Szenario einer Ersten Frau im Staat als Glücksfall und positives Signal für Österreichs Frauen empfinden, bemängeln die anderen Ferrero-Waldners mangelndes frauenpolitisches Engagement und orten "Scheinheiligkeit".

Tough oder Zuckerpuppe?

"Frausein allein ist kein Programm", bekräftigt die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal im Furche-Gespräch. "Frauen, die politisch tätig sind, sind in unterschiedlichen Parteien tätig - weil sie eben unterschiedliche Interessen vertreten. Wenn also jemand von mir Frauensolidarität für die Kandidatin zur Bundespräsidentschaft verlangt, dann kann ich sie nicht leisten."

Auch andere Frauen tun sich mit der Gefolgschaft schwer - nicht zuletzt wegen des von Ferrero-Waldner gepflegten Kleidungsstils: "Sie gibt sich als toughe, berufstätige Frau und kleidet sich wie eine Zuckerpuppe. Was will sie sein?", fragt sich die Außenpolitik-Chefin der Presse, Anneliese Rohrer.

Tatsächlich haben es Frauen - in der Politik wie auch in Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur - wesentlich schwerer als ihre männlichen Kollegen: Sie sind den taxierenden Blicken der Männer ausgesetzt und werden von Frauen oft skeptisch oder auch eifersüchtig beäugt. Ein Dilemma, dem viele erfolgreiche Frauen dadurch entgehen wollen, dass sie ihr Frausein äußerlich so gut es geht "kaschieren" - mit dem Resultat, im Gegenzug als "Mannweib" diffamiert zu werden. "Wie alles bei Frauen ist auch die Machtfrage sexualisiert und der Wert oder Unwert einer Frau als Objekt davon betroffen", schreibt Alice Schwarzer im Vorwort der jüngst erschienenen 4. Auflage von "Alice Schwarzer porträtiert Vorbilder und Idole". "Mächtige Männer sind männlich, mächtige Frauen sind unweiblich. Mächtige Männer gelten als erotisch, mächtige Frauen als abtörnend. Männer können sich ihrer Macht brüsten, Frauen müssen sich für Macht entschuldigen." Die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts müssten sich folglich entscheiden, glaubt die Gründerin der deutschen Frauenzeitschrift EMMA: "Wollen sie Macht haben - oder wollen sie begehrt/geliebt werden?"

Viele erfolgreiche Frauen, die anderen Geschlechtsgenossinnen mittlerweile ein Vorbild oder zumindest "Role Model" sind, kennen dieses Dilemma - und haben damit auf ihre eigene Art umzugehen gelernt: "Man darf nicht als Barbie oder Tussi auftauchen, weil man die Männer auf Abstand halten muss. Das erleichtert das Arbeiten ungemein", bekennt die Wiener Mikrobiologin und Wittgenstein-Preisträgerin Renée Schroeder mit leiser Ironie. "Wenn eine Frau ganz oben angelangt ist, kann sie ihr Frausein so sehr ausleben, wie sie will. Aber auf dem Weg dorthin muss sie sich schützen." Auch Gertrude Tumpel-Gugerell, die fünf Jahre lang als Vize-Gouverneurin in der Österreichischen Nationalbank tätig war und im Vorjahr in den Vorstand der Europäischen Zentralbank berufen wurde, hat sich einen "Schutzmechanismus" angeeignet: "Ich habe irgendwann in meinen ersten Berufsjahren begonnen, Kostüme zu tragen", erzählt sie im Furche-Gespräch. "Man möchte wahrgenommen und respektiert werden - und nicht zu sehr die weibliche Seite zeigen."

Keine Zeit für Äußerliches

Einen unkomplizierten Zugang zu Bekleidungsfragen hat hingegen Johanna Dohnal gewählt: "Ich habe darauf nie einen Gedanken verschwendet, weil ich die Zeit mit wichtigeren Dingen verbracht habe", stellt sie klar. Die Häme, die - von Frauen und Männern - hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes ausgegossen wurde, ist freilich Legende.

Nicht nur die Kleiderfrage ist - wie Alice Schwarzer weiß - "als Teil der Gesamtinszenierung eine hoch politische Frage für alle Karrierefrauen". Auch ihr Verhältnis gegenüber weiblichen Kolleginnen ist entscheidend.

Gibt es zumindest hier die viel beschworene Frauensolidarität? Fehlanzeige, meint Anneliese Rohrer: "Ich würde sie sogar mit minus bezeichnen: Oft entmutigen Frauen, die selbst im Beruf geblieben sind, solche, die wieder in den Beruf einsteigen wollen, total." Sie selbst habe früher einmal eine junge Kollegin gefördert - und diesen Einsatz schmerzlich gebüßt: "Die gute Dame ist mir dermaßen in den Rücken gefallen, dass ich die Stichwunden nicht mehr gezählt habe." Durchaus hilfreich seien laut Rohrer hingegen Mentoring- und Networking-Programme, wie sie auch von Frauenministerin Maria Rauch-Kallat und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) forciert werden. Eine Einschätzung, die von Renée Schroeder und Gertrude Tumpel-Gugerell geteilt wird: "Es ist wichtig, dass man jungen Frauen zeigt: Es ist spannend, Karriere zu machen." Die Gesellschaft könne es sich auch auf Dauer nicht leisten, Frauen immer besser auszubilden und gleichzeitig zu akzeptieren, "dass sie irgendwann im Zuge der Laufbahn stecken bleiben", so Tumpel-Gugerell. Ob sie sich in diesem Sinne als Vorbild für die jüngere Frauengeneration verstehen würde? "Nicht als Vorbild, sondern als Ermutigung, sich im Beruf zu engagieren", schwächt die Spitzenökonomin ab.

Auch eine andere Pionierin will sich nicht als "Vorbild" verstanden wissen: "Man tut eben das, was man gut kann", meint Michaela Kronthaler, habilitierte Kirchenhistorikerin und wahrscheinliche Nachfolgerin von Maximilian Liebmann am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität Graz. Grundsätzlich könne von einem Mangel an weiblichen Vorbildern - geschichtlich betrachtet - keine Rede sein. "Das ist vielmehr ein Problem der Wahrnehmung und Bewusstmachung", erklärt sie gegenüber der Furche. Um Frauen der Vergessenheit zu entreißen, hat Kronthaler das Projekt "FrauenWEGE" für Graz03 ins Leben gerufen: "Ziel ist es, die Leistungen von religiös bewegten Frauen und auch ihre Lebensgeschichten, die gekennzeichnet waren von Höhen und Tiefen, Kontinuitäten und Brüchen, bewusst zu machen", erzählt die Kirchenhistorikerin. Dass ihre eigene Geschichte so erfolgreich verlaufen ist, hat sie selbst auch der Förderung durch die nun nach Graz zurückgekehrte Alttestamentlerin Irmtraud Fischer zu verdanken. "Sie war für mich sicher ein Vorbild", sagt Kronthaler heute.

Noch vor wenigen Jahrzehnten mussten Wissenschafterinnen nach solch ermutigenden "Role Models" lange suchen. "Für viele Naturwissenschafterinnen war das Idol früher Marie Curie", erinnert sich die Mikrobiologin Renée Schroeder. "Das war besonders schlimm, denn die hat ja nur gelitten."

BUCHTIPP:

ALICE SCHWARZER PORTRÄTIERT VORBILDER UND IDOLE

Von Alice Schwarzer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 4. Auflage. 245 Seiten, TB, e 10,20.

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