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Freibrief zum Töten?

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Die Debatte über die Kosovo-Frauen angebotene "Pille danach" lenkt von der Wurzel des Übels ab.

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Die Debatte über die Kosovo-Frauen angebotene "Pille danach" lenkt von der Wurzel des Übels ab.

Wir haben uns anscheinend an den Krieg auf dem Balkan gewöhnt. Wir wundern uns nicht mehr, daß die NATO-Strategie sich bisher darin erschöpft, immer mehr Bomben auf ein Land zu werfen, das für den Wiederaufbau seiner Infrastruktur ohne Hilfe von außen Jahrzehnte brauchen wird. Wir nehmen zur Kenntnis, daß sich damit bisher keineswegs verhindern ließ, daß unzählige albanische Frauen und Männer im Kosovo Opfer von Massakern, Vergewaltigungen und Vertreibungen wurden. Wir schütteln zwar über diese Ereignisse den Kopf, wir versuchen durch Spenden Anteilnahme zu bekunden, aber wir finden uns ohnmächtig mit dem grausamen Geschehen ab.

Und wir geraten auf Themen, die zwar mit dem Krieg zu tun haben, aber auf einer distanzierten, akademischen Ebene abgehandelt werden können: Ist es vertretbar, wenn eine UN-Hilfsorganisation an vergewaltigte Frauen und Mädchen die "Pille danach" verteilt? Wäre statt des Bombardements auf große Teile Serbiens nicht nur Slobodan Milosevi'c ins Visier zu nehmen, um mit einem "grenzüberschreitenden Tyrannenmord" an ihm dem Frieden näherzukommen?

In beiden Fällen geht es vordergründig um die Frage einer "Lizenz zum Töten" unter bestimmten außergewöhnlichen Umständen. In etlichen Ländern, deren Gesetze die Todesstrafe vorsehen oder aber die Abtreibung, vielleicht sogar die Euthanasie straffrei stellen, mag diese Frage völlig absurd erscheinen, doch in christlich geprägten Kreisen ist sie durchaus zu stellen: Kennt das Gebot "Du sollst nicht töten!", das im Grunde "Du sollst nicht morden!" lautet, Ausnahmen?

Mit der Antwort sollte man es sich nicht zu leicht machen, und insgeheim wird fast jeder froh sein, mit dieser Frage in der Praxis nicht konfrontiert zu sein. Wer kann sich schon wirklich in die Rolle einer vergewaltigten Kosovo-Albanerin einfühlen? Und wer kann wissen, wie er handeln würde, böte sich ihm wie am 20. Juli 1944 dem Grafen Stauffenberg die Gelegenheit, durch ein Attentat auf den Diktator vielen anderen Menschen unsägliches weiteres Leid zu ersparen?

Das Führen eines Krieges, der zwangsläufig eine Vielzahl von Opfern fordert, bereitet oft seltsamerweise weniger Skrupel als der Gedanke an die Tötung eines einzelnen Menschen - und Ungeborene sind ebenso Menschen wie Diktatoren. Man kann dafür sein, daß gegen jemanden ein Krieg geführt wird, aber zugleich größte Scheu davor haben, und zwar nicht aus Angst, sondern aus Gewissensnot, selbst gegen den Hauptfeind mit der Waffe vorzugehen oder ihm persönlich ein Killerkommando auf den Hals zu hetzen. Letzteres ist übrigens gar nicht so leicht - sonst würde es sicher öfter praktiziert - und fällt nur innerhalb einer Nation wirklich unter den Begriff "Tyrannenmord". Versuche der Amerikaner, einen Gadaffi, Castro oder Milosevi'c auszuschalten, sind etwas anderes. Schon Schillers "Wilhelm Tell" führt uns vor, daß nicht jede Tötung eines Machthabers als "Tyrannenmord" gelten kann. Und das Liquidieren eines gegnerischen Politikers als "grenzüberschreitenden Tyrannenmord" zu bezeichnen - sollen die Amerikaner nicht auch beim Tod des frei gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende ihre Hand im Spiel gehabt haben? -, ist mehr als fragwürdig.

Natürlich sind die Ermordung eines Politikers und die Tötung eines Ungeborenen zwei verschiedene Dinge. Gemeinsam ist beiden Taten, daß sie eine Norm verletzen, eben das Gebot "Du sollst nicht töten!" Für die Verletzung einer so gravierenden Norm - denn Töten ist irreversibel, das Opfer kann nicht wieder lebendig gemacht werden - kann es nie von vornherein einen Freibrief geben. Doch es ist denkbar, daß im nachhinein die Rechtfertigung des Täters so einleuchtend ausfällt, daß er weder nach Moral noch nach Gesetz zu verurteilen ist.

Völlig absurd ist es, jene Albanerinnen, die nun zur "Pille danach" gegriffen haben, zu verurteilen. Immer wieder hat man argumentiert: Wer zum Sex ja sagt, muß auch zum möglicherweise gezeugten Kind ja sagen. Diese Frauen haben aber nicht ja gesagt, sie wurden dazu im Rahmen einer perversen Art der Kriegsführung brutal genötigt. Sie sind in einer Art für ihr Leben traumatisiert, wie sie sich kaum ein Mensch vorstellen kann. Moralpredigten, die sich da nicht an die Betreiber des Krieges, an die Vergewaltiger und Mörder, sondern an die geplagten Frauen richten, sind, wie Kardinal Christoph Schönborn richtig feststellte, wirklich "entbehrlich".

Über eines sollte Einigkeit bestehen: Die allgemeine Norm des Tötungsverbotes ist wichtig und richtig. Der Grundsatz "Hände weg vom menschlichen Leben!" sollte in einer zivilisierten Gesellschaft außer Streit stehen. Eine "Lizenz zum Töten", ob durch Todesstrafe, "Tyrannenmord", Euthanasie oder Abtreibung, ist unmenschlich und unchristlich. Man sollte nicht, wie es heute leider oft geschieht, für extreme Ausnahmefälle von vornherein die Norm relativieren, man sollte aber auch nicht, auch nicht moralisch, alle verurteilen, die es in Ausnahmefällen und existentieller Not vor ihrem Gewissen verantworten konnten, sich über die Norm hinwegzusetzen.

Verständnis für die Kosovo-Frauen ändert nichts an der Norm des Tötungsverbotes. Im Gegenteil: Wer sich in einer anderen Situation als jener des Kampfes ums nackte Überleben, wie sie ein Krieg oder ein Genozid mit sich bringen kann, des Tötens schuldig gemacht hat, steht umso schlechter da. Eine Gesellschaft, die in Friedenszeiten eine "Lizenz zum Töten" als Lösung ansieht, liegt schief.

Das wirklich große Problem ist aber nicht der Gebrauch der "Pille danach" in solchen Extremsituationen oder das kluge Disputieren über "grenzüberschreitenden Tyrannenmord". Das wahre Übel ist der Krieg an sich. Ist er einmal im Gange, so gelingt kaum mehr ein möglicherweise "entwaffnendes" Zugehen auf den Gegner, vielmehr drängt der Krieg meist zum Äußersten, zum Einsatz aller zu Gebote stehenden Mittel. Er stellt die Welt und ihre moralischen Werte auf den Kopf und gehört daher von beiden Seiten möglichst rasch beendet.

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