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Freizügigkeit mit Folgen

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Nacktfotos von Mitschülerinnen gelten bei Burschen als Statussymbole. Die sammeln diese mittlerweile wie Panini-Sticker. Die Mädchen suchen nach Anerkennung ihrer Weiblichkeit und tappen damit in die Sexfalle.

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Nacktfotos von Mitschülerinnen gelten bei Burschen als Statussymbole. Die sammeln diese mittlerweile wie Panini-Sticker. Die Mädchen suchen nach Anerkennung ihrer Weiblichkeit und tappen damit in die Sexfalle.

Zuerst zur Erinnerung: Die Zeit der so genannten beginnenden Geschlechtsreife ist schwierig durchzustehen - für die Kids, die Eltern, die Lehrerschaft. Die üblicherweise propagierten oder befohlenen, ja sogar erzwungenen Verhaltensmodelle schwanken auf einer Bandbreite von Verbot und Strafe bis zu völliger Grenzenlosigkeit. Genau darum geht es aber: Grenzen erkennen und schützen, körperliche, seelische, mentale -vor allem aber immer soziale.

Neuerdings wird registriert, dass zwölf- bis 14-jährige Mädchen über Aufforderung intimste Fotos von sich via SMS an vermeintliche Anbeter schicken - offenbar unwissend, dass Burschen diese "Eroberungen" sammeln und im Internet verbreiten. In Graz, so war jüngst zu lesen, wird dieser "Trend" seit einem Jahr festgestellt. Ich war vor mehr als zehn Jahren im Unterricht in Linz mit Fällen dieses Vertrauensmissbrauchs konfrontiert, im Weinviertel gab es vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall, der zu einer Gruppenvergewaltigung durch Mitschüler geführt hatte.

Grenzen werden ausgetestet

Dass vor allem heranwachsende Männer einander in Konkurrenzspielen aufwiegeln, wer sich denn mehr und am meisten traue, ist ein bekanntes Phänomen, und leider enden solche Mutproben oft tödlich. Es werden Grenzen ausgetestet - die der eigenen körperlichen Belastbarkeit ebenso wie die des Strafgesetzes -, man braucht nur an die Verleitungen zum Diebstahl im Supermarkt zu denken, wo dann verzweifelte Eltern in Beratung oder Therapie kommen: "Was haben wir denn falsch gemacht? Mein Kind ist doch kein Dieb!" Meist eh nicht -aber auch nicht der Held oder die Heldin, dem Gruppendruck zur Klärung der Hackordnung in der Peergroup zu widerstehen.

In diese Kategorie fallen auch Fahrzeugdiebstähle -Papas oder Mamas Auto mitgemeint - oder Prügelattacken "nur zum Spaß", Angstmache und Erpressung - und alles mit Handy dokumentiert und publiziert. Der Apparat macht's möglich.

Denn analog zum Gruppenzwang suchen Jugendliche nach Bestätigung, nach Anerkennungsenergie und auch nach Identität. Mädchen suchen nach Anerkennung ihrer Weiblichkeit und tappen damit in die Sexfalle -denn Frauen werden immer noch primär über körperliche Dienstbarkeit definiert, und sei es auch nur hinsichtlich der Versorgungsleistungen im Haushalt, der Verfügbarkeit im Beruf oder der Beziehungsarbeit - außer sie haben ein alternatives Vorbild von Eigenständigkeit. Das fehlt aber meist - denn selbst, wenn die Mutter ein solches vorlebt, gilt in diesem Alter die Gruppe der Gleichaltrigen mehr (außer es hat eine bereits einen Vaterkomplex gebildet). Das Verhältnis zur Mutter ist immer ambi-oder gar multivalent: Einerseits will man anders sein als sie, andererseits will man doch auch ihre Akzeptanz und Unterstützung; man kommt im Aushandeln der Grenzen von Nähe und Distanz immer wieder in Konflikt, und zusätzlich setzt das Vernunftdenken aus, wenn man verliebt ist und irgendwen total idealisiert.

Auf der Suche nach Bestätigung

Bei Burschen dominiert nach wie vor das Vorbild des "starken" Mannes - daheim, sofern es da ein Alltagsmodell zum Kritisieren gibt, wie auch in den audiovisuellen Medien. Als stark gilt, wer nachweislich und sichtbar Erfolg hat, wer sein Revier und seinen Besitz erweitert, wer schneller, unbedachter, lauter und gröber agiert - und wer den Corpsgeist wahrt. Während Mädchen vielfach noch immer nach der Bestätigung durch einen Mann suchen und dafür zur Anpassung bereit sind, suchen junge Männer die Bestätigung durch ihre Geschlechtsgenossen, und manche halten diese Haltung ihr Leben lang durch. "Dem Weibe nachzufolgen" gilt als Schwäche - dabei liegt die Stärke eben darin, sich nach wohldurchdachtem eigenen Wollen dorthin zu wenden, wohin das Herz strebt. Dass sich auch daraus Konflikte ergeben, gehört zum Ablöseprozess, und der findet nicht nur vertikal sondern auch horizontal statt. Eines nach dem anderen.

Genau das wäre im Schulunterricht zu thematisieren. Eltern haben meist nicht das Fachwissen, wie man solche Gespräche gewaltverzichtend und salutogen (die Gesundheit fördernd) für alle Beteiligten führt - Lehrerinnen und Lehrer aber auch nicht. Ich habe in den Jahren, in denen ich "Didaktik der Gewaltprävention" am Zentrum für die schulische Ausbildung der Universität Wien unterrichtet habe, nicht nur die Sprachstrukturen vermittelt, sondern auch gezeigt, wie man in jedem Lehrgegenstand Gelegenheit finden kann, die Machtspiele von Aggression und Sexualität "so nebenbei" zu thematisieren - nicht herausgelöst aus dem Regelunterricht in Projekten, das können Pädagogen meist ohnedies, sondern im eigenen Verhalten authentisch vorgelebt, quasi als psychologische Begleitmusik.

Psychologische Begleitmusik

Die von mir in diesem Gefolge entwickelte Methode PROvokativpädagogik -nicht zu verwechseln mit der neuerdings so genannten Provokationspädagogik, die mit meinem Konzept und meiner Technik nicht mehr gemein hat, als man aus meinen pädagogischen Fachbüchern (mehr Information über www.perner.info) herauslesen kann - besteht genau darin, wie ein Pianist mit der rechten Hand die Hauptmelodie, also die Wissensvermittlung, zu spielen, mit der linken hingegen den Takt - im Doppelsinn des Wortes - zu verbreiten. Damit meine ich, dass die Lehrkraft ja ihr eigenes Instrument darstellt und daher die gelassene, fördernde Einstellung leben muss, auch bei heiklen Themen die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu ethischen Bewertungen zur Entfaltung zu bringen.

Gerade in der Sexualität, wo gegensätzliche Wünsche und Ängste, Sichtweisen und Positionen aufeinander treffen, gilt es, diese Bandbreite aufzuzeigen und in Frage zu stellen - und nicht, wie üblich, die eine gegenüber der anderen zu verteufeln oder zu propagieren. Ich habe das in meinem Buch "Kultur des Teilens" den "zweiten Sündenfall" genannt: der erste (horizontale) wohlbekannte besteht aus meiner Sicht im Herausfallen aus der Einheit mit und in Gott, in der es noch keine Sexualität gab, in die zwei-geteilte Welt; den zweiten (vertikalen) sehe ich in dem Dominanzstreben Kains, der in Konkurrenz verfällt und überlegen sein will gegenüber seinem Bruder Abel, und als dritten Sündenfall betrachte ich die Beseitigung des störenden Anderen, den Mord am Bruder, als Versuch, Einheit, nun allerdings ohne das ergänzende Andere, wieder herzustellen.

Genau dieses Streben nach mehr sein als andere gefährdet die soziale Gesundheit im Zusammenleben und ganz besonders die sexuelle Gesundheit von Nahebeziehungen. Gesundheitsförderung in der Schule sollte daher aus meiner Sicht nicht nur - wie derzeit - gesunde Ernährung und gesunde Bewegung betreffen, sondern vor allem die Reflexion des eigenen Verhaltens. Aber dazu braucht es eine spezielle Aus- bzw. Fort- und Weiterbildung -denn durch Moral-Appelle lernt man nur zu appellieren. Ich habe dies bereits im Juli 2010 der Unterrichtsministerin in einer besonders effizienten Form angeboten - leider wurde die Notwendigkeit von den zuständigen Fachbeamtinnen nicht erkannt.

Die Autorin ist Psychoanalytikerin, u. a. auch ausgebildete Pädagogin, war zuletzt Univ. Prof. für Prävention und Gesundheitskommunikation an der Donau Universität Krems

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