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"Gebt den Kleinsten eine Stimme“

Familie • Welche politischen Reformen und gesellschaftlichen Diskussionen sind nötig, damit Österreich kinder- und elternfreundlicher wird?

Ich wünsche mir von der neuen Bundesregierung, dass sie die Lage der Menschen, die derzeit für Kinder sorgen, tatsächlich langfristig ernst nimmt und mit der gleichen Sorgfalt diskutiert wie jene von Pensionistinnen und Pensionisten. Dieser so einfach klingende Wunsch ist schwer zu erfüllen, weil Kinder nicht wählen gehen können: Ein knappes Fünftel unserer Bevölkerung hat keinen Einfluss auf die Stimmverteilung im Parlament. Kein Wunder, dass ihre Bedürfnisse kaum abgebildet und umgesetzt werden. Ich wünsche mir daher als erstes ein "Kinderwahlrecht“ - ob als zusätzliche Stimme für Eltern oder in welcher Form auch immer. Schließlich kommt ja auch niemand Ernstzunehmender auf die Idee, dass alte Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr wählen gehen dürfen, nur weil sie vergesslich geworden sind.

Im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes wünsche ich mir auch, dass Familienleistungen (wie Familienbeihilfe und Kinderbetreuungsgeld) genauso wie Parteienförderung und Pensionen jährlich an die Inflation angepasst werden. 1991 konnte man sich um die ausgezahlte Familienbeihilfe monatlich noch 66 Kilogramm Brot kaufen, heute bekommt man nur mehr 38 Kilo dafür. Der Ausgleichszulagenrichtsatz für Paare wurde im gleichen Zeitraum um 105 Prozent angehoben, die Familienbeihilfe nur um zwölf Prozent. Auch das Kinderbetreuungsgeld wurde seit seiner Einführung vor elf Jahren nicht erhöht. Das bedeutet für die Variante "30+6 Monate“ einen Wertverlust von 26 Prozent oder jährlich 3400 Euro.

Punkto Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünsche ich mir, dass wir stolz sind auf diese innovative Maßnahme des Kinderbetreuungsgeldes und keine der Varianten streichen - schon gar nicht die Langvariante, die immer noch am meisten genutzt wird. Ich träume davon, dass Mütter und Väter aller Generationen die Lebensphase mit Kindern gemeinsam gut gestalten und sich nicht gegenseitig unlautere Motive unterstellen (Stichwort "Rabenmutter“ gegen "Oberglucke“). Dass mit der Geburt eines Kindes die Arbeit mehr wird, ist unausweichlich, dass das schlechte Gewissen auch sprunghaft in die Höhe schnellt, ist ein Phänomen unserer Zeit.

Weiters wünsche ich mir ein Vernetzungsprogramm für die familienpolitisch aktiven Menschen in unserem Land. Nächstes Jahr ist wieder ein (von der UNO ausgerufenes) Internationales Jahr der Familie, doch erstmals seit 20 Jahren sind keinerlei Vernetzungsaktivitäten von Seiten des Ministeriums geplant. Als Querschnittmaterie benötigt Familienpolitik jedoch den Austausch ganz besonders. 1994 und 2004 waren die entsprechenden Vernetzungsprogramme äußerst hilf- und erfolgreich. Sie brachten die Elternbildung genauso zur Blüte wie die Entwicklung des Kinderbetreuungsgeldes und die Gründung des Österreichischen Institutes für Familienforschung.

Schlussendlich wünsche ich mir, dass die Lebensphase von null bis drei Jahren unter dem Schlagwort "Frühe Hilfen“ besondere gesellschaftliche und finanzielle Aufmerksamkeit erhält - etwa in Form niederschwelliger psychosozialer, medizinischer und therapeutischer Angebote für Familien. Wenn alle Kinder von klein auf gut unterstützt werden, dann spart das in späteren Lebensphasen nicht nur Geld, sondern bringt auch mehr Freude und Vergnügen in den Bildungssektor sowie in die Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt.

Irene Kernthaler-Moser

hat von 2002 bis 2005 das Pilotprojekt "Kinderkram und Elternwirtschaft“ geleitet. Seit 2005 ist die Unternehmensberaterin und Fotografin Vizepräsidentin des Kath. Familienverbandes Österreich.

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