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Ich bin dann mal schwach

Screenshot Taxi Driver - <strong>„You talkin’ ­to me?“</strong><br />
In seinem Meisterwerk „Taxi Driver“ gelang Martin Scorsese die fast schon chirurgisch-präzise Sezierung „fragiler Männlichkeit“. Der jungeRobert De Niro verkörpert darin einen New Yorker Taxifahrer, dessen kompensatorische Größenfantasien in einem Amoklauf enden. - © Getty Images / Silver Screen Collection
Gesellschaft

Gefährliche Verdrängung

1945 1960 1980 2000 2020

Taucht die „toxische Männlichkeit“ in einer Debatte auf, brennt die Hütte. Was aber, wenn der Begriff gar kein Angriff auf Männer ist – sondern ihnen sogar nützt? Eine Analyse.

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Taucht die „toxische Männlichkeit“ in einer Debatte auf, brennt die Hütte. Was aber, wenn der Begriff gar kein Angriff auf Männer ist – sondern ihnen sogar nützt? Eine Analyse.

Es gibt da diesen Begriff, wenn der in einer Debatte fällt, dann ist Feuer am Dach. Genau genommen ist er einer von vielen, der die Wogen auf Facebook, Twitter oder in Foren-Kommentaren hochgehen lässt. Doch nur bei wenigen dieser „Code Red“-Begriffe, dieser emotionalen Trigger-Keywords, brennt die digitale Hütte verlässlich so lichterloh, wie bei diesem einen mit dem ganz und gar ungeheuerlichen Anklang, ja mit einer pauschalen Unterstellung, verpackt in ein Hashtag-taugliches Schlagwort: „toxische Männlichkeit“. Dass die Wogen hochgehen, ist nicht überraschend. Beinhaltet die Phrase von der toxischen Maskulinität doch scheinbar gleich mehrere Anwürfe: Männer sind gefährlich. Männer sind ­Problembären, ein bisschen wie giftige Tiere. Und viele lesen da vor allem heraus: Männer sind böse.

Was aber, wenn der Begriff gar kein persönlicher Angriff, sondern einfach plakativ formuliertes Ergebnis einer Analyse ist? Was, wenn es Männern gar nicht schadet, sondern vielleicht sogar nützt, dass es ihn gibt? Was, wenn die Idee, die hinter dem Ausdruck steckt, nicht nur jungen Feministinnen, die ihn in Netz-Debatten besonders gerne verwenden, sondern auch den Männern selbst Erleichterung bringen kann?

„Umgang mit Gefühlen abtrainiert“

„Die Abwehrreaktionen gegen den Begriff der toxischen Männlichkeit beruhen oft auf einem Missverständnis“, sagt Björn Süfke im Gespräch mit der FURCHE. Süfke ist Psychotherapeut für Männer und Autor mehrerer Sachbücher zum Thema. Männer müssten sich durch den Begriff keineswegs angegriffen fühlen – ganz im Gegenteil: „Der Begriff heißt toxische Männlichkeit, nicht toxischer Mann.“ Es gehe also nicht um „den Mann“ an sich, sondern um ein Konzept von Männlichkeit, um eine Konstruktion des „Mann-Seins“, die das Potenzial habe, nicht nur anderen, sondern auch den Männern selbst zu schaden.

Wer sich mit der „toxischen Männlichkeit“ auseinandersetzen will, muss also zunächst einmal ein gutes Stück zurückgehen. Zu Fragen über Geschlechterunterschiede, Rollenbilder und Sozialisation. Und zu Konstanten in diesen Bereichen. Dazu gehört, dass Frauen im Schnitt mehr und häufiger über ihre Emotionen sprechen und sich aktiver mit ihnen auseinandersetzen. Während Männer eher dazu neigen, gerade so genannte „schwache“ Emotionen wie Angst, Trauer oder Hilflosigkeit zu verdrängen – und innere Abwehrmechanismen dagegen zu entwickeln.