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Gefängnis mit offenen Zellen

1945 1960 1980 2000 2020

Wie ich mir das Europa der Zukunft vorstelle: 1. Als ein Horrorszenario, 2. wie einen Wunschtraum, 3. In der Erwartung, dass die Realität in einer gewissen Mitte liegen werde.

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Wie ich mir das Europa der Zukunft vorstelle: 1. Als ein Horrorszenario, 2. wie einen Wunschtraum, 3. In der Erwartung, dass die Realität in einer gewissen Mitte liegen werde.

Zu Punkt 1: Das Bild vom Horrorszenario ist berechtigt, wenn das grauenvolle Gebäude in Brüssel, in dem der EU-Rat, die Kommissionsmitglieder und unzählige Mitarbeiter unterschiedlicher Rangordnungen sitzen, so bleibt, wie es ist! Denn der massive, düstere Bau demonstriert eine "Festung Europa" wie sie kein politischer Analytiker oder kritischer Essayist besser beschreiben könnte.

Das Innere des Gebäudes ist die Kopie eines Gefängnisses mit dem "kleinen" Unterschied, dass die Zellentüren offfen sind; so linear und unendlich lang sind die Korridore; so stumpfsinnig eng und gesichtslos die Büros, je nach hierarchischer Einteilung in verdoppelte und verdreifachte Quadratmeter gestaffelt, dass die Menschen, die hier die besten Stunden des, und ihres, Tages verbringen, notwendigerweise "angepasst" und lebensfremd werden müssen. Sie atmen in einem Machtzentrum, das Nichts mit seiner belgischen Umgebung, aber Alles mit einer Welt, die von hier aus nicht sichtbar ist, zu tun haben soll. Nicht auszudenken ist die Vorstellung, dass der Ist-Stand des Horrors um zwölf bis 15 neue Mitglieder erweitert werden sollte.

Die heutige EU ist vergleichbar einem Vatikanstaat innerhalb Roms, der nichts mit Italien zu tun hat, aber über Hunderte Millionen Gläubige und ihre kirchlichen Institutionen in aller Welt mit geistiger und geistlicher Macht herrscht. Der EU in Brüssel allerdings fehlt jegliche Spiritualität.

Meine "Traum-EU" Zu Punkt 2: Mein Wunschtraum wäre, dass die unvermeidliche Bürokratie auf ein Zehntel der heutigen Dimension verringert, in freundliche, miteinander auf einem Grüngelände verbundene mittelhohe Häuser untergebracht wird - mit ständiger Aussicht auf Bäume, Rasen, Sträucher, wo spazierengehende Menschen "an der Hundeleine" ebenso sichtbar sind wie das Singen der Vögel zu hören ist. Eine solche Aussicht würde ständig in Erinnerung rufen, dass die Arbeit - meiner Traum-EU - nicht nur mit Gedrucktem, mit Gesetzen, Regeln, Eingaben, Klagen und abzulehnenden Projekten, sondern in erster Linie mit Menschen und Leben an sich zu tun hat. Die dort Arbeitenden wären sich von morgens bis abends ihrer Aufgabe bewusst, die da lautet: Für ein besseres Leben einer immer grösser werdenden Zahl von Menschen in einem erweiterten Europa zu wirken und dieses Europa gleichzeitig in angemessener Weise in einen weltwirtschaftlichen Raum einzubringen.

In dieser EU würde es keine Beamte auf Lebenszeit geben. Jeder Staat würde drei von seinem Parlament gewählte, mehr oder weniger parteiunabhängige Experten - für bestimmte Themen oder aktuelle Aufgaben können es auch mehr sein - als seine Repräsentanten entsenden. Sie würden untereinander in einem dreijährigen Rhythmus rotieren, beziehungsweise mit neuen Personen ausgewechselt werden, sodass Kompetenz bewahrt, aber Frische gegenüber den Aufgaben gewährleistet bleibt, und nicht das sachliche und individuelle Engagement in Routine erstickt.

Lokales hochhalten Diese meine EU würde weder den Verlockungen der Lobby mächtiger Wirtschafts- und Bankkonsortien verfallen, noch dem Druck einer aussereuropäischen Weltmacht nachgeben. Sie würde ohne megapolitische Allüren und Ambitionen im Geiste gleichberechtigter Zusammenarbeit mit jedem Staat für sich und allen Staaten gemeinsam rationale Lösungen suchen, die nicht nationale und lokale Traditionen vernichten müssen, um zu einem Gesamtkonzept Europas beizutragen.

Wie im wirtschaftlichen Bereich würde diese EU auch auf soziale und kulturelle Entwicklungen in Richtung einer künftigen Gemeinsamkeit der verbesserten Rahmenbedingungen hinarbeiten, und im politischen Rahmen seine Verantwortung in Krisenregionen tragen, wobei man in diesem Zusammenhang Traditionen und national-individuelle Erfahrungen berücksichtigt. Es würde weder eine "Leitkultur" geben noch eine Religionsdominanz.

Das oberste Gebot für alle Ziele und Methoden auf dem Wege dazu würde lauten: Respekt voreinander haben und vor dem Leben an sich. Letzteres umfasst nicht zuletzt die Rücksicht auf eine Umwelt, in der auch viele Generationen nach uns noch buchstäblich atmen, essen, arbeiten, mit Lust lieben und in Würde sterben könnten. Amen.

Nicht Utopie bleiben Zu Punkt 3: Die "Mitte der Realität" würde ebenso Utopie bleiben, wenn nicht bereits jetzt - hic et nunc - alle Misstände der heutigen EU gnaden- und parteilos analysiert, kritisiert und eliminiert würden. Nur dann könnten die eigentlichen Ziele eine Vision sein, die glaubwürdig als Wegweiser gelten kann. So wie die Dinge jetzt sind, geht das Vertrauen der EU-Bürger von heute verloren, und die von Morgen werden es nicht mehr einbringen. Stattdessen werden Unzufriedenheit, Unaufrichtigkeit, soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Aggression gefördert - und damit auf sehr lange Zeit eine Stabilität Europas nicht nur gefährdet, sondern verhindert.

Die Autorin ist Herausgeberin der Zeitschrift "Balkan - Südosteuropäischer Dialog".

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