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"Gefühle von Schuldhaftigkeit“

Die Psychosomatikerin Katharina Kruppa über die möglichen körperlichen und psychischen Belastungen von Eltern und Kindern durch künstliche Befruchtung.

Vor 13 Jahren hat die Kinderärztin und Psychotherapeutin Katharina Kruppa die "Baby Care Ambulanz“ im Preyer‘schen Kinderspital in Wien-Favoriten gegründet. Jungfamilien werden hier bei Problemen ganzheitlich betreut. 2012 hat Kruppa zudem den Verein "Grow Together“ ins Leben gerufen, der sozial benachteiligte Eltern bzw. Mütter und ihre Babys unterstützt ( www.growtogether.at). Im FURCHE-Gespräch beschreibt die 49-Jährige, die selbst vierfache Mutter ist, wie sie die Situation von Familien nach technisch assistierter Fortpflanzung erlebt.

Die Furche: Frau Kruppa, haben Eltern und Kinder nach künstlicher Befruchtung mehr Probleme?

Katharina Kruppa: Ich habe schon den Eindruck, dass solche Paare häufiger zu uns in die Baby Care Ambulanz kommen. Wobei man argumentieren könnte, dass diese Paare sich sehr bewusst für ein Kind entschieden haben, deshalb auch sensibler für Probleme sind und sich eher Hilfe holen. Zugleich wissen wir aber, dass die Geschichte jedes Kindes nicht erst mit der Schwangerschaft oder Geburt beginnt, sondern mit der Geschichte der gesamten Familie zu tun hat - und die Geschichte einer künstlichen Befruchtung ist oft lang und belastend. Das kann sich dann nach der Geburt in verschiedensten Problemen äußern.

Die Furche: Zum Beispiel?

Kruppa: … in Schlafproblemen, Essproblemen, vermehrtem Weinen. Die Themen sind dieselben wie bei den meisten Babys, die zu uns gebracht werden. Es geht aber weniger um die Symptome als um die Geschichten, die sich dahinter zeigen - und die sind oft von Schuldhaftigkeit geprägt, vor allem dann, wenn es mit der Schwangerschaft nicht beim ersten Mal geklappt hat. Oft keimt der Gedanke: "Jetzt tu ich mir mit dem Kind so schwer, dabei ist es so mühsam empfangen!“ Allein das löst Schuldgefühle aus. Womöglich gab es auch Aborte, Kinder, die bei einer Mehrlings-Schwangerschaft abgegangen sind oder im Zuge eines Fetozids getötet werden mussten.

Die Furche: Wie oft sind Sie mit solchen "Reduktionen“ nach schlecht kontrollierten Hormon- bzw. Inseminationsbehandlungen konfrontiert?

Kruppa: Es sind Einzelfälle, aber die betroffenen Eltern leiden fürchterlich. Eine Frau hat einmal gesagt: "Wenn ich mein Kind weinen höre, dann höre ich eigentlich drei weinen!“ Die Eltern müssen um diese Kinder, die sie verloren haben, trauern dürfen. Natürlich gibt es auch sehr viele gesunde Kinder und wunderbare Eltern-Kind-Beziehungen nach künstlicher Befruchtung. Aber es gibt eben auch die andere Seite. Dazu gehören auch die gesundheitlichen Risiken.

Die Furche: Die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit spricht von einem um 30 bis 40 Prozent erhöhten Fehlbildungsrisiko nach künstlicher Befruchtung (s. u.), während Kinderwunschzentren relativieren …

Kruppa: Dieses erhöhte Risiko ist gut dokumentiert: Es geht nicht nur um risikoreichere Mehrlings-Schwangerschaften, sondern z. B. auch um das insgesamt höhere mütterliche Alter. Statt Eltern darauf vorzubereiten und sie zu begleiten, wird ihnen derzeit gesagt: Es gibt keinen Unterschied! Doch das stimmt nicht: Es ist ein Unterschied, wie ein Kind entstanden ist! Und dass die Schwangerschaft bei künstlicher Befruchtung oft durch Angst und Stress besonders belastet ist, sieht man schon bei einem Blick in die Internet-Foren, auf denen sich die Paare austauschen.

Die Furche: Inwiefern belastet eine vorangegangene Fremdsamen- oder Eizellspende die Eltern-Kind-Beziehung noch zusätzlich?

Kruppa: Hier wird das "Familiengeheimnis“ noch größer. Allein die Frage "Wem schaut er oder sie ähnlich?“, die von einem selbst oder der Umgebung gestellt wird, reißt ein riesiges Thema auf und wird als Belastung erlebt, die nur schwer auszusprechen ist. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer jener Kinder, die ihre Ursprungs-Geschichte nie erfahren.

Die Furche: Welche Änderungen wären im Sinne des Kindeswohls im Reproduktions-Bereich notwendig?

Kruppa: Zum einen müsste der Single-Embryo-Transfer in Österreich endlich Standard werden, um die Zahl der Mehrlings-Schwangerschaften zu reduzieren. Zweitens gibt es immer noch zu wenige Daten darüber, wieviele gesunde Kinder im Sinne der Baby-Take-Home-Rate nach künstlicher Befruchtung mit nach Hause genommen werden. Und drittens müsste es eine bessere Aufklärung und psychosoziale Begleitung der Paare geben, die diesen Weg beschreiten. Es wäre insgesamt wichtig, den Fokus vom "Recht auf ein Kind“ - das es ja nie geben kann - zu den "Rechten des Kindes“ zu lenken. Dazu gehört auch das Recht, um die eigene Herkunft zu wissen. Ich stelle mir bei meiner Arbeit in der Baby Care Ambulanz und im Verein "Grow Together“ auch eine grundsätzliche Frage: Warum geben wir so viel Geld für die Erfüllung des Kinderwunsches aus, während es zugleich so viele Kinder gibt, die zu wenig Unterstützung bekommen? Das ist keine Kritik an den einzelnen Paaren, die ausschließlich unterstützt werden müssen. Doch auf gesellschaftlicher Ebene muss man das ansprechen können - in aller Wahrhaftigkeit.

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