Digital In Arbeit

Geistliche Beratung

Die Anforderungen im Berufsleben verändern sich. Vor allem auf Kooperation kommt es in der Informationsgesellschaft an. Dafür ist ein ganz anderes Verhalten nötig als in der Industriegesellschaft. Das birgt neue Chancen für die Kirche.

Kirche steht nicht allein, sie ist immer eingebettet in ihr Umfeld. Was und wie die Menschen arbeiten, das beeinflusst auch ihre Religiosität. In der Industriegesellschaft haben sie schon in der Schule blinden Gehorsam gelernt, weil sie am Fließband als Schräubchen einer großen Maschinerie funktionieren mussten - und sie haben meistens auch alles so geglaubt, wie der Pfarrer es ihnen sagte.

Doch dann konnte man plötzlich mit dem Auto seiner Familie und Nachbarschaft davonfahren, wenn die einem nicht passte. Und wenn einem der Pfarrer am Ort zu konservativ oder zu liberal war, fuhr man eben Sonntags drei Dörfer weiter. So hat sich der ökonomisch ermöglichte Individualismus auch in der Kirche ausgebreitet, mit allen inneren Spannungen, an denen wir oft verzweifeln. Die Institution leidet darunter - denn das Individuum ist der Feind der Institution. Allerdings ist das ein notwendiger Schritt: Nur wer seinen eigenen Glauben reflektiert, kann auch authentisch Christ sein.

Wohlstands-Muster

Nun ist aber die Zeit vorbei, als wir Maschinen effizienter machen konnten, um mehr Wohlstand zu haben, den wir für Renten, Krankenkassen oder Schulen ausgeben konnten. Selbst der Computer macht uns nicht mehr wesentlich produktiver. Der Wohlstand der Zukunft hängt von anderen Erfolgsmustern ab. Das, was wir künftig arbeiten, ist vor allem Informationsarbeit im Kopf: planen, organisieren, beraten, in der Informationsflut die Information suchen und finden, die man braucht, um ein Problem zu lösen. Früher, bei Stanzmaschinen, wussten wir, wie wir sie produktiver machen, aber bei Menschen, die mit Informationen arbeiten? Statuskämpfe, eine unfaire Streitkultur oder Mobbing kosten inzwischen weit mehr, als verbesserte Maschinen bringen. Die Wirtschaft der Informationsgesellschaft hängt vor allem vom Sozialverhalten ab. Nach der Zerstörung der früher einheitlichen Gruppenethik sind die Firmen jetzt in eine pluralistische Gesellschaft eingebunden, in der alles gleich gültig erscheint.

Um die Lösung ringen

Aber wenn es um die Frage geht, was das Zusammenleben erleichtert und Sozialkapital bildet, gibt es durchaus ein klares "richtig" und "falsch": Informationsarbeiter können nur dann langfristig, vertrauensvoll und produktiv zusammenarbeiten, wenn Wahrheit nicht manipuliert wird; wenn jemand nicht Kraft seines Status von vornherein Recht hat, sondern wenn das Wissen aller mobilisiert werden kann; wenn man fair um die bessere Lösung ringt und sich hinterher nicht wegen Meinungsverschiedenheiten mit Liebesentzug bestraft, sondern versöhnt und weiterhin zusammenarbeitet.

Und wenn man sich anschaut, welche Ethik sich da in der Wirtschaft unter Versuch und Irrtum leidvoll herausbildet, dann ist das die Ethik des Evangeliums. Davon sind wir heute in der Praxis aber in allen Gesellschaftsbereichen noch weit entfernt. Wird die Informationsgesellschaft also an mangelnder Kooperationsfähigkeit wirtschaftlich scheitern? Sie hat keine andere Wahl: Wahrscheinlich wird sich am Ende dieser gesellschaftlichen Reorganisation eine kooperative Ethik herausgebildet haben - aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus. Denn das sind keine frommen Wünsche oder Sonntagsreden, sondern ist knallharte Wirklichkeit: Firmen, die das nicht leben, werden so unproduktiv, dass sie vom Markt verschwinden. Solange sich das Verhalten nicht ändert, wird die Wirtschaft in Stagnation und wachsender Arbeitslosigkeit verharren. Doch keine Ethik kann im leeren Raum stehen. Und keine Religion lässt sich auf Ethik reduzieren. Der jeweilige Glaube ist die Begründung für eine Ethik. Und die hängt im Christentum vor allem mit dem Gottesbild zusammen: Dieser eine gute Gott will Gemeinschaft mit den einfachsten, ärmsten Menschen. Er zwingt nicht, weil Liebe nur echt ist, wenn sie selbstgewählt ist. Er kennt seine Leiden und wird in Jesus selber Mensch, um den Weg zu dieser Gemeinschaft vorzuleben.

Aug in Aug

Er heilt und beschenkt. Er reißt das geknickte Schilfrohr nicht ab, er drückt den glimmenden Docht nicht aus. Nicht überheblich tritt Jesus auf, sondern er lässt sich vom sträubenden Johannes taufen und wäscht seinen Jüngern die Füße. Das Kreuz ist so auch das Symbol für Gottes Konsequenz seiner Demut: Bis zur letzten Todessekunde begegnet Gott in der Person Jesus Christus den Menschen auf derselben Augenhöhe. Keine hochgefahrenen Energiefelder schützen ihn vor den Torturen des Kreuzwegs. Jesus lebt, wie wir anderen begegnen sollen: Er dominiert den Menschen nicht. Bei der Samariterin am Brunnen mit ihren fünf vergangenen Lebenspartnern fängt Jesus nicht hysterisch von der Todsünde zu kreischen an. Sondern er bietet ihr "lebendiges Wasser" an, um ihre Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit zu stillen.

Solange diejenigen die tollen Typen waren, die wussten, wie man ein Auto baut oder Halbleiter zusammenlötet, solange konnten religiöse Themen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Nun rückt ausgerechnet die Wirtschaft Themen in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung, die letztlich religiöse Themen sind: Wie soll ich mich verhalten? Wie werde ich gesund? Wie finde ich meine Ausgeglichenheit wieder (das nannte man früher Frieden)? Das gehört zum Erfahrungsschatz der Kirchen, und ihre Konzepte sind besser als die, die ebenfalls Vorstellungswelten anbieten, in denen es jedoch fast nur um den Einzelnen geht. Je mehr der Sozialstaat zusammenbricht, um so stärker werden die Gemeinden. Je weniger Krankenkassen die Krankheiten des Einzelnen noch bezahlen werden, um so mehr wird Glaube als heilend erlebt werden. Je mehr Wirtschaft und Gesellschaft in die Kooperationsfähigkeit der Menschen investieren, um so mehr werden sie nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten auch im Glauben betonen - auch mit Rückwirkungen, wie innerkirchlich und zwischenkirchlich miteinander umgegangen wird.

Verbeamtete Kirche?

Im Moment suchen manche kirchliche Stellen ihr Heil bei Unternehmensberatungen - McKinsey ist in aller Munde. Doch die großen Beratungsfabriken sind selbst Relikte der Industriegesellschaft. Sie sehen auf Kosten, verschlanken und kürzen. Die Unternehmensberatungen der Zukunft erhöhen vor allem die Informationsproduktivität, sorgen für bessere Zusammenarbeit, wahrhaftigere Kommunikation, eine bessere Nutzung des vorhandenen Sozialkapitals. Wo Kirche ein verbeamteter Wirtschaftsbetrieb ist, mag ja ein bisschen McKinsey nicht schaden. Nur: Jesus ist kein Produkt, das man vermarktet. Es geht um Menschen, die Gewissheit, Geborgenheit und Trost suchen. Wenn die Kirche anfängt, sich als Dienstleister zu verstehen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Leute sich wie Kunden verhalten - und nicht wie mitbesitzende, mitverantwortliche Gesellschafter. Kirche, das sind Gebetskreise und Einzelne, die künftig viel mehr als bisher über ihren Glauben ins Gespräch kommen werden. Das wusste der im Jahr 2001 verstorbene österreichische Professor Hans Millendorfer schon vor 20 Jahren: "Ihr seid nicht die Letzten von vorgestern, sondern ihr seid die Ersten von morgen."

Der Autor ist Volkswirt und freier Journalist.

BUCHTIPP:

DIE GESCHICHTE DER ZUKUNFT

Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen

Brendow Verlag, Moers 2003,

463 Seiten, e 18,90

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