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"Gender-Kompetenz für alle"

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Wie man mit der Gender-Problematik in der Flüchtlingsfrage besser umgehen könnte, erklärt Psychotherapeut, Gender-Experte und Theologe Erich Lehner.

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Wie man mit der Gender-Problematik in der Flüchtlingsfrage besser umgehen könnte, erklärt Psychotherapeut, Gender-Experte und Theologe Erich Lehner.

Warum sich westliche Werte wie Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Demokratie und Menschenrechte nicht per Crashkurs verordnen lassen und wie es besser ginge. Erich Lehner im FURCHE-Gespräch.

Die Furche: Viele Menschen sehen nicht sosehr schutzbedürftige Familien kommen, sondern Horden junger, verdächtiger Männer. Wieso?

Erich Lehner: Da kommt vieles zusammen. Die Erfahrung: Ungebundene, junge Männer sind eine Gefahr, die muss man züchtigen, zähmen. Dann ist da noch die Vorstellung vom Araber, dem fremden Wesen, oder dem Afrikaner, der naturwüchsig und triebhaft wäre. Da kommen ganz alte, tiefe Vorurteile hoch. Solche Ängste gilt es zu entkräften. Auch, indem Meinungsbildner Stellung nehmen und durch Begegnung. Problematisch ist, wenn junge Leute länger beschäftigungslos sich selbst überlassen sind. Das ist auch für Frauen schlecht, aber die männliche Form der Depression hat als Kennzeichen die Reizbarkeit, während Frauen eher den Rückzug antreten.

Die Furche: Welche psychischen Folgen zieht denn eine Flucht nach sich?

Lehner: Kriegserfahrungen und Flucht traumatisieren immer und fördern die Gewaltbereitschaft. Das haben wir schon bei den Tschetschenen erlebt. Für viele Frauen kommt während der Flucht die sexuelle Gewalt dazu. Diese Frauen müssen im Sinne von Empowerment gestärkt und dann natürlich auch befähigt werden, in unserer Gesellschaft mit dem gemischtgeschlechtlichen Setting umzugehen.

Die Furche: Welchen Beitrag können öffentliche Angebote zur Werte-Bildung leisten?

Lehner: Diverse Ausbildungs-,Arbeits-und Betreuungsangeboten müssten eine Gender-Kompetenz seitens des Personals enthalten. Das würde ich sehr wohl einmahnen, auch weitergefasste demokratische Werte, Menschenrechte, etc.

Die Furche: Wie können wir als Aufnahmegesellschaft mit dem Spannungsfeld der patriarchalen Prägung von Flüchtlingen umgehen?

Lehner: Man muss den Leuten auf Augenhöhe begegnen. Ich möchte das Wort "Willkommenskultur" nicht mehr bemühen, weil es herunterspielt: Flüchtlinge sollen nicht verzärtelt werden, man muss ihnen fair begegnen, sie in ihrer Situation respektieren und mit ihnen in den Dialog treten. In der Praxis weise ich ständig auf deutsche Sprache und gewisse Werte hin - gerade gegenüber Leuten aus Afrika, dem arabischen Raum etc., die andere Familienwerte und Geschlechterrollen vertreten. Aber diese tragen sie nicht als unveränderbares Gen in sich. Mitgebrachte Muster müssen hinterfragt werden. Die Leute sind lernfähig. Das Gros will ja.

Die Furche: Ist es nicht bei Erwachsenen ganz schwer, sie "umzupolen", indem man sie in einen Wertekurs steckt und ihnen sagt: "In Österreich dürft ihr Frauen und Kinder nicht schlagen!"?

Lehner: Ich halte überhaupt nichts von diesen geplanten Acht-Stunden-Kursen. Integration ist ein lang andauernder Prozess. Die nötige Voraussetzung ist eine existenziellen Sicherheit.

Die Furche: Insofern sind die Verschärfungen beim Familiennachzug und die drohenden Kürzungen bei der Mindestsicherung kontraproduktiv.

Lehner: Die Vorstellung, dass meine Familie nicht nachkommen kann, dass ich noch weniger Geld zur Verfügung habe, sorgt genau für das Gegenteil - dann wird sich ein Flüchtling noch weniger darauf einlassen, sondern eher zu seinen alten Werten zurückkehren. Hier kann man steuern und die Motivationen prüfen, aber dafür soll es klare Regeln geben. Die Furche: Manche Österreicher haben das Gefühl, sie dürften keine Kritik an den Geschlechter- und Familienstrukturen von Asylwerbern äußern, weil sie dann ins rassistische Eck gestellt werden. Lehner: Man muss die Dinge differenziert benennen. Willkommenskultur ja, aber Übertretungen benennen, Hintergründe analysieren und transparent machen.

Die Furche: Zu den Ressentiments kommt noch der Sozialneid mancher niedrig qualifizierter und prekär lebender Österreicher.

Lehner: Auch sie sollten natürlich die nötigen Qualifizierungs- und Betreuungsmaßnahmen bekommen. Die skandinavischen Länder haben die Parole ausgegeben: "Kein Kind darf uns verloren gehen." Dafür wird dort sehr viel Aufwand betrieben. Es reicht auch nicht, zu sagen: "Du lernst Mechaniker". Auch in diese Ausbildung müsste Gender-Kompetenz einfließen.

Die Furche: Was stört Sie an der Köln-Debatte?

Lehner: Natürlich muss man die Frage nach der Herkunftskultur und Religion, den politischen und gesellschaftlichen Umständen stellen. Dass das Thema von den Rechten instrumentalisiert wird, die sonst ein eher lockeres Verhältnis zum Sexismus haben, irritiert. Sexismus ist als Teil einer Männlichkeits-Konstruktion immer latent vorhanden, auch bei uns, in den Discos, beim Oktoberfest -quer durch alle Schichten wird gegrapscht. Die dominante Männlichkeits-Kultur konstruiert sich immer in Konkurrenz zur Frau und zu anderen, abgewerteten Männlichkeits-Formen. Die partnerschaftliche Männlichkeit haben wir in Österreich auch noch nicht erreicht.

Die Furche: Die Taten von Köln waren sichtbar, aber in Familien kann man nicht reinschauen.

Lehner: Dort, wo Gewalt als Problem angesprochen und erkannt wird, machen das die Leute auch daheim meist nicht mehr. Wenn doch, muss es strikt geahndet werden. Über die Schulen, die Kinder kann man an die Leute gut rankommen. Ich bin aber absolut dagegen, auf die "testosterongesteuerten Muslime" zu zeigen - das ist eine Pauschalierung. Jede Religion muss reflektieren: Was tragen wir zur Gewalt bei? Im Moment steht eben der Islam in einem sehr problematischen politischen und gesellschaftlichen Kontext.

Das Gespräch führte Sylvia Einöder

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