Die Präimplantationsdiagnostik ist nur die aktuell umstrittenste Technik auf dem stetig wachsenden Feld der assistierten Fortpflanzung. Entstehen die Kinder der Zukunft nicht mehr bevorzugt im Bett, sondern im Labor?

Es sind keine Massen, die in den Backsteinbau gegenüber der Wiener Votivkirche strömen. Etwa ein Paar pro Woche kommt am Institut für Medizinische Genetik der Medizinischen Universität Wien vorbei, um sich genetisch beraten zu lassen. Doch die Fragen wiegen schwer: Wie hoch ist das Risiko, dass das Kind, von dem wir träumen, an einer Erbkrankheit leiden wird? Gibt es neue Therapien? Und würden Sie uns unter den gegebenen Umständen raten, das Risiko einer Schwangerschaft einzugehen? Keine kleine Herausforderung für das Team um Markus Hengstschläger. Wäre sein Institut irgendwo in Deutschland beheimatet, der Humangenetiker könnte bestimmten Paaren dazu raten, den Weg einer künstlichen Befruchtung einzuschlagen und die in vitro gezeugten Embryonen genetisch untersuchen zu lassen. Diese Präimplantationsdiagnostik (PID) ist nunmehr in Deutschland straffrei - zumindest für jene Paare, deren Kind "mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer schwerwiegenden Erbkrankheit“ leiden wird oder die auf Grund ihrer genetischen Disposition mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Tot- oder Fehlgeburt zu erwarten haben. Die Behandlung selbst darf nur in lizenzierten Zentren vorgenommen werden - nach einer genetischen Beratung und Zustimmung einer Ethikkommission.

Doch Markus Hengstschläger, nebstbei auch stellvertretender Vorsitzender der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, arbeitet in Österreich, neben Irland dem letzten Land innerhalb der EU, in dem die PID dezidiert verboten ist. "Ich kann den Paaren aus zweierlei Gründen nicht helfen“, sagt er im FURCHE-Gespräch. "Erstens dürfen wir keine PID durchführen, und zweitens bekommen Paare kein Geld für eine In-vitro-Fertilisation, wenn sie auf natürlichem Wege Kinder bekommen könnten.“ Der IVF-Fonds, der bei bis zu vier Behandlungszyklen 70 Prozent der Kosten übernimmt, unterstützt derzeit nur Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, nicht aber jene mit einer "genetischen Indikation“.

Der Humangenetiker ist nicht der Einzige, der angesichts dieser Sachlage auf eine Änderung des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes drängt. Erst kürzlich haben Expertinnen und Experten in Rahmen einer Enquete der Bioethikkommission zahlreiche Problemfelder auf dem stetig wachsenden Feld der Reproduktionsmedizin ausgemacht.

Die PID, die von Seiten der katholischen Kirche heftig kritisiert und von Behindertenvertretern als Schritt Richtung "Designer-Baby“ und eugenischer Selektion betrachtet wird, ist dabei nur das aktuellste und ideologisch am stärksten aufgeladene Thema.

Ende des Eizellspende-Verbots?

So wird auch über die Zugänglichkeit künstlicher Befruchtung für alleinstehende Frauen und gleichgeschlechtliche Paare diskutiert: Der Oberste Gerichtshof hat einen Antrag an den Verfassungsgerichtshof gestellt, jene Passage aus dem Fortpflanzungsmedizingesetz zu streichen, die medizinisch unterstützte Fortpflanzung nur "Personen verschiedenen Geschlechts“ erlaubt. Dies sei diskriminierend und deshalb verfassungswidrig.

Nicht zuletzt ist auch die mögliche Zulassung der Eizellspende im Gespräch. Im Spätherbst wird sich entscheiden, ob Österreich vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufgrund seines diesbezüglichen Verbots tatsächlich verurteilt wird. Es sei diskriminierend (so das Ersturteil, gegen das Österreich berufen hat), dass Paare zwar mit einer Fremdsamenspende behelfen dürfen (zumindest bei einer Insemination in die Gebärmutter, nicht jedoch bei einer Befruchtung im Reagenzglas!), dass aber eine Eizellspende insgesamt verboten ist.

Kritiker warnen indes vor den Folgen einer Freigabe. Gesundheitliche Risiken wie das hormonelle Überstimulationssyndrom oder die riskante Operation zur Eizell-Entnahme würden in der Auseinandersetzung ausgeblendet, meint etwa die Generalsekretärin von aktion leben österreich, Martina Kronthaler. Auch sei bislang keine Strategie präsentiert worden, wie eine drohende Kommerzialisierung des weiblichen Körpers verhindert werden könnte.

Das drängendste Problem sehen Reproduktionsmediziner freilich im prinzipiellen Mangel an Transparenz und Qualitätssicherung. Laut Analyse aller Geburten von 2000 bis 2009 an der Universitätsfrauenklinik Salzburg waren immerhin 48,5 Prozent aller Babys nach assistierter Fortpflanzung Mehrlingskinder. Als Konsequenz liegt Österreich mit einer Frühgeburtlichkeit von 11,1 Prozent europaweit im Spitzenfeld. "Neonatolog/innen beklagen überfüllte Intensivstationen“, heißt es in jenem Positionspapier, das eine Arbeitsgruppe im Obersten Sanitätsrat unter der Leitung der Salzburger Gynäkologin Barbara Maier (siehe Interview) erarbeitet hat. "Wir brauchen Fakten, um fair diskutieren zu können.“

Andrang auf IVF-Zentren

Dass die Zahl künstlicher Befruchtungen in Österreich steigt, ist jedenfalls eindeutig: Laut IVF-Register haben sich im Jahr 2001 noch 3283 Paare in einem heimischen IVF-Zentrum behandeln lassen; im Vorjahr waren es bereits 5007 Paare. Dabei sind jene Fälle, die ihre Behandlung zur Gänze selbst bezahlen mussten, weil sie etwa das Höchstalter von 40 Jahren (für Frauen) bzw. 50 Jahren (für Männer) überschritten haben, gar nicht mitgerechnet.

Auch die Gründe für künstliche Befruchtungen sind dokumentiert: So liegt das Fortpflanzungsproblem bei immerhin 55,7 Prozent der Paare allein aufseiten des Mannes. In drei Viertel aller Fälle wird deshalb bereits die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) angewendet (siehe Glossar).

Doch wohin soll die reproduktionsmedizinische Reise überhaupt gehen - 33 Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys, Louise Brown, am 25. Juli 1978? Könnte die Fortpflanzung der Zukunft so aussehen, wie sie sich der "Vater der Pille“, Carl Djerassi, imaginiert - dass nämlich junge Frauen ihre Eizellen einfrieren, sich dann sterilisieren und die Eizellen zum geeigneten Zeitpunkt mit dem Samen ihrer Wahl befruchten lassen? Kurzum: Könnte die Befruchtung im Bett irgendwann den romantischen Ausnahmefall darstellen - und jene im Labor die Regel? Markus Hengstschläger schüttelt den Kopf: "Dass die IVF einmal zu einer Lifestyle-Geschichte wird, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt er. Die nötige Hormonstimulierung sei "kein Honiglecken“. Und die Werbung manch selbst ernannter Gurus, die ihren Kunden dank künstlicher Befruchtung Kinder mit der Intelligenz, Augen- oder Haarfarbe ihrer Wahl versprechen, sei eher Scharlatanerie. "Die haben bei der Augenfarbe eine Trefferquote von 65 Prozent. Doch die hat man auch auf natürlichem Weg. So viele Möglichkeiten gibt es schließlich nicht.“

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