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Gesund durch möglichst viele Ärzte?

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Die bloße Anzahl der Mediziner und Krankenhausbetten hängt mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung eines Landes statistisch kaum zusammen. Wesentlicher ist ein gesundes Gesamtsystem - also eine lebenswerte soziale und ökologische Umwelt.

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Die bloße Anzahl der Mediziner und Krankenhausbetten hängt mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung eines Landes statistisch kaum zusammen. Wesentlicher ist ein gesundes Gesamtsystem - also eine lebenswerte soziale und ökologische Umwelt.

Herr und Frau Österreicher verstanden die Welt nicht mehr: Da wollen die Ärzte weniger arbeiten und dafür mehr Geld? Das strapazierte selbst die traditionell dehnbare alpenrepublikanische Logik. Nach über einem Jahrzehnt hat die Politik die Arbeitszeitrichtlinie der EU in nationales Recht gegossen: Die Drohkulisse empfindlicher Geldstrafen und wenig populärer Überweisungen nach Brüssel hat Wirkung gezeigt. Höchstens 48 Stunden pro Woche sollen die Mediziner in den Spitälern künftig arbeiten, nicht wie früher 60 oder mehr. Die Ärzte forderten postwendend mehr Geld wegen der zukünftig fehlenden Überstundenabgeltungen. Gleichzeitig müssen mehr Mediziner in den Spitälern eingestellt werden -eine schwierige Aufgabe, da Ärztemangel herrscht.

"Ich will nicht von einem Arzt behandelt werden, der eine Nacht gar nicht geschlafen hat", sagt eine Ambulanz-Patientin in einem oberösterreichischen Regional-Krankenhaus. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Mehr Ärzte und weniger Arbeits-Stunden pro Arzt, das klingt eindeutig nach besserer Gesundheitsversorgung. Zusammen mit einem gesunden Lebensstil, mit Bonus-Punkten für den Rauch-Stopp bei privaten Versicherungen, mit der Gratis-Zahnspange für unsere Kinder und ein paar Bio-Bananen in der Woche scheint damit alles Menschenmögliche für ein langes und gesundes Leben getan zu sein. Unsere Politiker werden schließlich nicht müde zu betonen, Österreich habe das "beste Gesundheitssystem der Welt".

Ärzte-und Bettenkaiser Österreich

Den Reality-Check trat eine kürzlich erschienene, wirtschaftswissenschaftliche Studie an der Linzer Johannes Kepler Universität an: Sie analysierte die Gesundheits-Daten der EU-Länder, um Zusammenhänge zwischen den Gesundheitssystemen und dem Gesundheitszustand der Bevölkerung aufzudecken. Und tatsächlich schienen Österreichs Politiker Recht zu behalten: Kein Land der Europäischen Union hat so viele Ärzte pro 100.000 Einwohner wie Österreich, nämlich rund 482. Zum Vergleich: Deutschland hat eine entsprechende Quote von rund 382, Dänemark von 348 und Finnland von 272. Auch bei den Krankenhausbetten liegen die Österreicher weit vorne. Rund 765 Betten pro 100.000 Einwohner werden nur noch durch Deutschland getoppt (822). Vergleichbare Länder wie Schweden oder Irland haben deutlich unter 300 Betten pro 100.000. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) geben nur vier Länder mehr Geld für ihr Gesundheitswesen aus als Österreich (10,8 Prozent).

Nur leider ist das alles gar nicht so wichtig. Die Anzahl der Ärzte in einem Land zeigt keinen statistischen Zusammenhang mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung, außer dem psychischen Wohlbefinden. Und laut Statistik scheinen Krankenhausbetten sogar gesundheitsschädlich zu sein: Mehr Betten in einem Staat gehen mit niedrigerer Lebenserwartung, weniger gesunden Lebensjahren und höherer gesundheitlicher Ungleichheit einher. Die Gesundheitsausgaben stehen zwar europaweit in Zusammenhang mit der Lebenserwartung. Für die Anzahl der gesunden Lebensjahre oder die subjektive Gesundheit scheinen sie jedoch nicht von Bedeutung zu sein.

Ärzte, Betten und Ausgaben - da ist Österreich Europa-Spitze. Doch was kommt dabei heraus? Punkto Lebenserwartung sind wir vorne dabei: Österreichs Frauen leben mit rund 84 Jahren am fünftlängsten in Europa. Bei der Anzahl der gesunden Lebensjahre liegt das Land immerhin noch im vorderen Drittel, der subjektive Gesundheitszustand unserer Landsleute ist europäisches Mittelfeld. Verständlich, dass Gesundheitsexperten hierzulande zuweilen die Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation stellen.

Tatsächlich ist es gar nicht so leicht, Variablen des Gesundheitssystems mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung in Verbindung zu bringen, weil diese von vielen Faktoren abhängig ist. Und so scheiden sich zuweilen auch die Geister an der Frage, was nun ein gutes Gesundheitssystem ausmacht. Einige Gesundheitsökonomen sind starke Verfechter von staatlichen Gesundheitssystemen, in denen eine planwirtschaftliche Steuerung der Gesundheitsversorgung erfolgt - wie etwa in Großbritannien. Der Vorteil: Man erspart sich den Wildwuchs an Krankenversicherungsträgern, der ja in Österreich legendär ist. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Hohe Versorgungsdichte als Stärke

"Die Empirie zeigt, dass von den Ergebnissen im Gesundheitszustand oder dem Zugang zum Gesundheitswesen her ein Sozialversicherungssystem wie in Österreich und Deutschland zu besseren Ergebnissen führt. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich ein Versicherungssystem zwar nicht aus der Politik, aber aus der Tagesbudget- Politik heraushalten kann", sagt der Gesundheitsökonom Harald Stummer. Er forscht und lehrt an der Privatuniversität Schloss Seeburg sowie an der Tiroler UMIT-Privatuniversität zu wirtschaftlichen Fragen im Gesundheitsbereich. Eine der Stärken des österreichischen Gesundheitssystems ist sicherlich die hohe Versorgungsdichte. Schwächen sieht Stummer im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung, im unterentwickelten ambulanten Bereich sowie in den zersplitterten Entscheidungsstrukturen. Nüchtern betrachtet sei unser System kein internationales Vorbild, aber "im Großen und Ganzen einigermaßen gut funktionierend, wenn auch für die Ergebnisse hinsichtlich Gesundheitszustand und Versorgung sehr teuer. Mit diesem Mitteleinsatz wären bessere Ergebnisse möglich." Die Analyse der EU-Daten zeigt aber auch, dass das Gesundheitssystem allein noch keine gesunde Bevölkerung macht. "Auch gesellschaftliche Faktoren haben einen Einfluss auf die Gesundheit einer Bevölkerung", erklären die Autoren der Linzer Studie. Besonders die Frage der sozialen Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen weisen hohe Zusammenhänge mit dem Gesundheitszustand auf. Je höher der Deprivationsindex, eine Kennzahl für Armut und soziale Benachteiligung, desto niedriger die Lebenserwartung in einem Land. Gesellschaften, in denen starke Spannungen zwischen Arm und Reich wahrgenommen werden, weisen insgesamt einen schlechteren Gesundheitszustand und ein reduziertes psychisches Wohlbefinden auf: ein Befund, der bereits in der jüngeren Vergangenheit durch die Arbeiten des britischen Gesundheitsforschers Richard Wilkinson breitere öffentliche Diskussion erfahren hat. Wilkinsons umfangreiches Datenmaterial zeigt, dass nahezu alles, was das Leben in einer Gesellschaft lebenswerter macht, nicht etwa mit Reichtum, sondern mit sozialer Gleichheit zusammenhängt. Anders gesagt: Je ungleicher eine Gesellschaft, desto schlimmer ist es um Lebenserwartung, psychische Gesundheit, Kriminalität, Analphabetismus usw. bestellt.

Mangelnde Gesundheit ist damit ein soziales Problem und nicht nur Sache der Gesundheitspolitik. Wilkinson vermutet, dass Gesellschaften, in denen Reich und Arm weit auseinanderliegen, generell Probleme mit der Stabilität sozialer Beziehungen haben. Der Grund dafür: Eine Kultur der Ungleichheit steht für Misstrauen, exzessiven Wettbewerb, Feindseligkeit und Aggressivität -Faktoren, die Stress fördern und gesundheitlich problematisch sind. In einer Vielzahl an Studien wurde gezeigt, dass mangelnde soziale Unterstützung durch andere Menschen negative Gesundheitsfolgen hat.

Von all dem ist kaum die Rede in den zahllosen Gesundheitsdiskussionen, denn da geht es meist um Ressourcen und Kosten. Doch jenseits von Krankenhausbetten und Ärzten braucht eine gesunde Gesellschaft nicht nur ein funktionierendes Gesundheitssystem, sondern vor allem ein "gesundes Gesamtsystem" - also eine lebenswerte soziale und ökologische Umwelt.

Der Autor ist Medizin- und Wirtschaftspsychologe sowie Gründer des Wissenschaftsblogs "Moments of Truth".

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