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Getrennt marschieren - vereint heilen

1945 1960 1980 2000 2020

Das Gespräch zwischen "geistlicher" und "weltlicher" Seelsorge steht erst am Anfang. Dies wird auch in einem Sammelband deutlich, der zum 65. Geurtstag des Psychotherapeuten Richard Picker erschienen ist.

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Das Gespräch zwischen "geistlicher" und "weltlicher" Seelsorge steht erst am Anfang. Dies wird auch in einem Sammelband deutlich, der zum 65. Geurtstag des Psychotherapeuten Richard Picker erschienen ist.

Mit der Entwicklung von Psychoanalyse und Psychotherapie wurde zu Anfang des Jahrhunderts von Sigmund Freud ein bislang unbekanntes Tor zur tieferen Selbsterkenntnis des Menschen aufgestoßen. Dies geschah damals auf dem Hintergrund eines naturwissenschaftlich positivistischen Weltbildes, in dem Religion keinen Platz hatte. Für Freud war Religion eine "Zwangsneurose". Das heißt: Die Beschäftigung mit der religiösen Frage gehörte nicht zum Bild eines seelisch gesunden Menschen. Heute, fast 100 Jahre danach, hat sich diesbezüglich viel geändert. Das merkt man auch den Beiträgen namhafter Weggefährten des Wiener Psychotherapeuten Richard Picker an.

In der Richard Picker zum 65.Geburtstag gewidmeten Festschrift "Psychotherapie und Religion" gehen sie den Gemeinsamkeiten und Gegensätzen dieser ursprünglich konkurrierenden "Heilsangebote" auf den Grund.

Allen voran Kardinal Franz König. Er erinnert die Psychotherapie daran, daß Religion ein "Positiv-Phänomen" ist. Psychotherapeuten müßten sich im klaren darüber sein, daß die vorzugsweise Beschäftigung mit krankhaften Formen des religiösen Lebens bei ihnen Abwehrreaktionen hervorrufen können. Aber gerade der Ausdruck "krankhaft" weise ja gerade auf die andere Seite des Normalen und Gesunden hin. Daher stelle sich heute die Frage, ob es nicht für die Psychotherapie unumgänglich werde, sich der Gottesfrage zu stellen, um das Rätsel des menschlichen Daseins entschlüsseln zu können. König verweist auf Freuds Schüler Carl Gustav Jung, der betont hat, daß unter allen seinen Patienten jenseits der Lebensmitte (die er mit 35 Jahren ansetzt), sich kein einziger befand, der nicht unter der Sinnlosigkeit seines Lebens gelitten hat. Keiner sei wirklich geheilt worden, der nicht zu einer gesunden "religiösen Einstellung" gefunden hätte, bekennt Jung. Und er gibt zu bedenken, daß sich dort, wo die Religion bekämpft wird, sich letztlich ein quälendes Vakuum einstellt, das allenfalls mit Religionssurrogaten aufgefüllt wird. Parallel dazu verweist König auf den im vergangenen Jahr verstorbenen Gründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor Frankl. Dieser gesteht innerhalb der "unbewußten Geistigkeit des Menschen" auch der "unbewußten Religiosität" einen Platz zu. Damit verbindet sich eine oft "latent bleibende Beziehung zum Transzendentalen". Auf diesem Hintergrund läßt sich, so König, auch die von Augustinus in seinen "Bekenntnissen" niedergelegte Gottsuche verstehen: "Mein Herz sprach immer bereits mit dir". Königs Resümee: die Religion kann von der Psychotherapie die vertiefte Kenntnis von inneren Lebensvorgängen lernen. Die Psychotherapie von der Religion hingegen die Grenzen des menschlichen Könnens und Heilens. Breiten Raum nimmt in diesem Buch ein Interview ein, das der Herausgeber und Gestalttherapeut Heinz Laubreuter mit Richard Picker geführt hat. Der ehemalige Priester Picker beschreibt darin seine persönliche geistige Entwicklung als einen Weg von der Seelsorge zur "Menschensorge". Und anhand von zahlreichen biographischen Beispielen belegt er, daß niemand Angst zu haben brauche, daß ihm durch die Psychotherapie der Glaube genommen wird. So wie der Glaube der Psychotherapie standhalten muß, muß in einem zweiten Durchgang auch die Psychotherapie dem Glauben standhalten. Der christliche Weg ist nach Picker ein der Psychotherapie völlig kohärentes Denken. Denn "Gott ist nicht oben, nicht unten, nicht links und rechts, sondern mitten im Weg drinnen, den die Menschen gehen". Picker läßt keinen Zweifel daran, daß er trotz aller Krisenerscheinungen, auch als Therapeut ein leidenschaftlicher Christ geblieben ist. Das wesentlichste Bindeglied zwischen Psychotherapie und Religion sieht Picker im "Folgen der Wahrheit des Phänomens oder der konkreten Wahrheit, wie sie sich eben zeigt". Genau deshalb seien alle konstruktivistischen Lebensentwürfe als Lebenshaltung im Grunde nicht lebbar.

Der Sammelband "Psychotherapie und Religion" bietet eine Fülle an unterschiedlichen Denkanstößen zu diesem Thema. Zwar wird deutlich, daß das Gespäch zwischen "geistlicher" und "weltlicher" Seelsorge erst an seinem Anfang steht. Aber gerade der Anfang ist wiederum ein Geheimnis, das beide zutiefst verbindet.

Die Autoren verzichten weitgehend auf Fachsprache und machen das Buch dadurch auch für den an diesen Grenzfragen interessierten Laien zu einem reichahltigen Fundus. Weitere Beiträge stammen von Erhard Busek, Augustinus Wucherer-Huldenfeld, Bert Hellinger, Gernot Sonneck, Erwin Bartosch, Alfred Pritz, Wolf Aull, Harald Picker, Wolgang Esö, Almut Radisisch-Raine und Heinz Laubreuter.

Psychotherapie und Religion Hg. von Heinz Laubreuter. Tyrolia Verlag, Innsbruck 1998. 160 Seiten, brosch., öS 248,

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