Digital In Arbeit

Globalisierungs-Nachhut als Krisenretter

Ausgerechnet jene Staaten, die bisher am wenigsten in die Globalisierung eingebunden waren, sollen nun als Konjunkturmotor wirken. Eine Illusion?

Es gibt schon ein wundersames Auf und Ab in der Einschätzung der globalen Wirtschaftskrise, folgt man den Börsen-Analysten, die sich nun schon seit Monaten munter durch die Welt der Kurse und Portfolios raten. Auffällig wird das, wenn es innerhalb eines Monats zu publizistischen Verwirrspielen wie unlängst in der Financial Times Deutschland kommt. Am 29. Mai schwärmte dort ein Analyst über die Schwellenländer (Staaten an der Schwelle zum Industriestaat), und hier vor allem über Brasilien, Russland, Indien und China (auch BRIC-Staaten genannt). Unter dem Titel „Die Rückkehr der Risikobereitschaft“ ward da wortreich erklärt, warum „Milliarden in die Schwellenländer fließen“. Drei Wochen später analysierte derselbe Experte unter dem Titel „Die Rückkehr der Unsicherheit“, warum es um diese „unsicheren“ Märkte so schlecht bestellt sei.

Zugpferde China und Indien

Doch keine Sorge: Fast zeitgleich vertraute ein anderer Analyst dem Economist an, dass Brasilien als einer der ersten Staaten die Krise überstanden hätte. Kleinster gemeinsamer Nenner also: Es bestehen analystische Hoffnungen, die Schwellenländer könnten die Welt aus der Krise ziehen. Die Wirtschaftsgazetten freuen sich jedenfalls schon darauf: Von zum Sprung ansetzenden „Crouching Tigers“ berichtet der Economist, von den „neuen Kraftzentren der globalen Wirtschaft“ die Welt.

Betrachtet man die wirtschaftlichen Rohdaten, zeigt sich zunächst ein sehr unterschiedliches Bild der BRIC-Staaten. Indien und China verzeichnen ein trotz aller Einschränkungen erkleckliches Wachstum von 5,5 beziehungsweise 7,2 Prozent (China), während Brasiliens BIP 2009 um 0,8 Prozent schrumpft, Russlands BIP gar um 5 Prozent. Die Erklärung dafür ist einfach: Die Software- und Pharmaindustrie Indiens sind von der Krise derzeit noch wenig betroffen. China kurbelt als „Werkbank der Weltwirtschaft“, wie es die Experten des Investmenthauses Goldman Sachs ausdrücken, überall da mit, wo Konjunkturprogramme auf Infrastruktur und Bauindustrie setzen – und das tun sie weltweit. Da sich Investoren, deren Geld nicht schon in den geplatzten Blasen der Finanzwirtschaft verpuffte, renditebringende Anlagen suchen, sind auch Investments in diesen beiden Ländern sehr gefragt.

Russland ist dagegen in seiner Exportwirtschaft zu 65 Prozent von Rohöl und Erdgas abhängig, was sich besonders dann schmerzlich zeigt, wenn – wie Dienstag geschehen – die Preise fossiler Energieträger fallen. Wie das Amen im marktwirtschaftlichen Gebet kam es nach dem Fall der Ölpreise unter 40 Dollar pro Barrell sofort zu Spekulationen gegen den russischen Rubel.

Während auch die Experten des IWF Russland eine länger anhaltende Rezession vorhersagen, sollten die Preise für Öl und Gas nicht anziehen, hat sich Südamerikas Wunderland Brasilien sehr schnell von dem massiven Einbruch der Weltfinanzmärkte erholt.

Brasilien gilt aufgrund seiner Rohstoffreserven und seiner massiven Investitionen in grüne Technologien als Hoffnungsmarkt. Der Hauptgrund für die Erholung dürfte allerdings Brasiliens geringe Abhängigkeit vom Außenhandel sein, der nur 15 Prozent seines BIP beträgt. Russlands Abhängigkeit von der globalisierten Weltwirtschaft ist dagegen doppelt so hoch.

Geringe Vernetzung als Schutz

Generell lässt sich ableiten, dass es gerade die weniger intensive Vernetzung mit der Globalisierung war, die die Hoffnungsträger des Westens vor den desaströsen Effekten des globalen Einbruchs beschützte. Diesen Schluss erlaubt eine Analyse des von der Managementberatungsagentur AT Kearney für Foreign Policy erstellten „Globalization-Index“. Dieser misst die wirtschaftliche und politische Vernetzung der 62 wichtigsten Staaten der Erde. Auf den letzten Rängen dabei: Russland (Rang 47), Brasilien (50), China (51) und Indien (61).

Addiert man das BIP-Wachstum der zehn bestvernetzten Staaten (darunter auch Österreich als 9.) für 2009, erhält man einen Wert von minus 45,1. Auf der anderen Seite erzielen die zehn am wenigsten vernetzten Nationen insgesamt ein Plus von 4,6 Prozent, die vier BRIC-Staaten sogar ein Wachstum von 6,9 Prozent. Kann die globalisierte Wirtschaft also nur von Staaten gerettet werden, die an eben dieser Globalisierung kaum teilgenommen haben? Stellt sich damit nicht die Globalisierung, wie sie betrieben wurde, selbst in Frage?

Abseits solcher Zahlenspiele entpuppt sich auch der reale Zustand der BRIC-Volkswirtschaften als wenig überzeugend. Namhafte Ökonomen wie Joachim Starbatty ziehen etwa die offiziellen Daten Chinas in Zweifel und meinen, „dass die Staatsbetriebe und Banken Chinas längst rote Zahlen schreiben“. Dafür spricht, dass Chinas BIP von 2644 Mrd. Dollar zu rund 40 Prozent aus dem Exporthandel gespeist wird.

Auch Indiens Erfolge relativieren sich: Denn es kann seine Wachstumsrate nur halten, wenn es zusätzlich zur Hightech-Wirtschaft eine schlagkräftige Industrie aufbaut und damit Millionen Arbeitsplätze schafft. Nach Berechnungen der Weltbank müsste die Regierung dafür aber 12 Prozent des BIP jährlich in neue Infrastruktur pumpen, um zu China aufzuschließen. Derzeit sind es drei Prozent. Das ernüchternde Urteil der Weltbank: aus Investorensicht sei Indien eine „Wüste“.

FURCHE-Navigator Vorschau