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Grenze her, Brücken weg

Sloweniens Schengen-Reife sind alte Brücken und Wege zur früheren Brudernation Kroatien zum Opfer gefallen.

Noch nie schien eine Aktion mehr im Gegensatz zum europäischen Traum zu stehen, wie das Abreißen der Brücken zu den Nachbarn," kommentierte das britische Wirtschaftsmagazin The Economist die Vorbereitungen Sloweniens auf den Schengen-Beitritt. Denn bevor die 670 Kilometer lange slowenische Südgrenze am 21. Dezember zur neuen Außengrenze der EU wird, hat man einige diese Grenze überbrückende Stege abgerissen.

Europäischer Anti-Traum

Die Grenze zwischen Slowenien und Kroatien gab es im ehemaligen Jugoslawien nicht. Die Menschen an den Grenzflüssen Kolpa und Sotla erleichterten sich das Zusammenleben mit meist ohne offizielle Genehmigung erbauten Stegen oder Brücken. Auch die Selbständigkeit der beiden Nachbarstaaten nach dem Zerfall Jugoslawiens verursachte keine großen Veränderungen. So besuchen kroatische Kinder immer noch die Schulen auf der slowenischen Seite.

Mit dem Schengen-Beitritt Sloweniens ist es mit dieser durchlässigen Grenze vorbei. Sloweniens Grenze zu Kroatien wird ab jetzt von knapp 3000 Polizisten überwacht. Die Grenze wird "geschlossen". Um illegale Grenzübertritte zu verhindern, wurden 115 Grenzstraßen und Grenzwege geschlossen, unbegeh- bzw. unbefahrbar gemacht - mit Schranken, Hindernissen oder durch den Abriss von Stegen. 60 offizielle Grenzübergänge, davon 27 für den kleinen Grenzverkehr, bleiben übrig.

Für die an der Grenze lebende Bevölkerung ist es trotzdem unbegreiflich, dass sie zum Nachbarn künftig nicht mehr wie immer schon über den alten Steg gehen darf, sondern den einige Kilometer entfernten Grenzübergang benutzen muss: "Das Leben ist nicht mehr dasselbe wie früher. Nun ist es viel härter", sagt der Bewohner eines Dorfes am Sotla-Fluss.

Die Opposition in Laibach protestierte gegen dieses harte Vorgehen bei der Grenzziehung und verlangte, nur vorläufige Baumaßnahmen zu setzen. Schließlich soll auch Kroatien einmal EU-Mitglied werden.

Schlüssel für neue Schranken

Die Regierung weist den Vorwurf, bei den Maßnahmen übertrieben zu haben, vehement zurück. Slowenien ist dazu verpflichtet, die Schengen-Standards einzuhalten. Dabei wurde alles unternommen, um den Menschen im Grenzgebiet das Schengen-Regime so leicht wie möglich zu machen. So werden die Betroffenen berechtigt, die Schranken mit Schlüsseln selbst zu öffnen. Und abgerissen wurden nur jene Stege, wo der Grenzübergang nicht erlaubt ist oder wo es niemanden mehr gebe, der diese Wege benützt.

Während die südliche Grenze Sloweniens "zusperrt", öffnen sich die anderen Grenzen des Landes. Beim EU-Beitritt 2004 diente Nova Gorica (Neu-Görz), das nach dem Zweiten Weltkrieg an der jugoslawischen Seite neben dem Italien zugesprochenen Goriza (Görz) gebaut wurde, als Symbol des vereinten Europas. Der Zaun, der die beiden Städte teilte, wurde niedergerissen. Doch erst Schengen-Slowenien macht dieses Miteinander spürbar, denn bisher ist es im slowenischen Nova Gorica nicht erlaubt, auf die andere Straßenseite nach Italien zu wechseln.

Die Autorin ist Ljubljana- Korrespondentin der APA.

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