In Serbien werden die Kriegsverbrecher Radovan Karad`zi´c und Ratko Mladi´c als Helden besungen, die orthodoxe Kirche hat einen Antisemiten heilig gesprochen.

In der letzten Zeit mehrten sich in Serbien Vorfälle, die nicht nur antisemitisch, sondern sogar faschistoid genannt werden können. Besonders traurig daran, dass sie meist aus den Sphären der Kultur kommen oder inspiriert werden.

Das serbische Institut für Literatur und Kunst hatte bei der unesco für sein Projekt "Mündliche Überlieferung serbischer epischer Lieder" finanzielle Hilfe beantragt und bekommen. Das Institut untersteht dem Wissenschaftsministerium und steht der Serbischen Akademie für Wissenschaft und Kunst nahe. Das Außenministerium in Belgrad musste diese Idee zurückziehen. In der vorbereiteten Auswahl neuer Lieder, die zu dem alten Instrument Gusle gesungen werden, befanden sich Texte über Radovan Karad`zi´c und Ratko Mladi´c, die als Kriegsverbrecher angeklagt sind und sich irgendwo in Serbien, Montenegro oder Bosnien verbergen.

Karad`zi´c-Folklore ...

Der Chef des Projekts, Dr. Nenad Ljubinkovi´c, und ein Dutzend seiner Mitarbeiter wurden entlassen, verstehen jedoch die Welt nicht mehr. Sie haben keine Anthologie zusammenstellen, sondern nur feststellen wollen, was heute auf Festen und Veranstaltungen als naive Volkskunst lebt. Und es ist eine Tatsache, dass wo immer auf dem Lande Serben Taufen, Hochzeiten oder den Familienheiligen feiern, über diese beiden Männer als Helden gesungen wird.

An der Universität in Novi Sad wurde am 10. November 2005 eine Gedenkveranstaltung aus Anlass des Jahrestages der "Kristallnacht" abgehalten, das Motto war "Bedrohung durch den Faschismus". Sie wurde von einem Verein, der sich "Nationale Marschkolonne" nennt, gesprengt, der Vorsitzende, Professor Milenko Petrovi´c, geohrfeigt. Die Teilnehmer wurden als "retardierte Kommunisten" beschimpft, man rief "Serbien den Serben!" Die Polizei verhaftete nur die Rädelsführer, klärte jedoch den Hintergrund nicht auf.

In Belgrad sind in den Schaufenstern von Buchhandlungen selbst im Stadtzentrum Bücher wie Hitlers "Mein Kampf", das antisemitische Machwerk "Die Protokolle der Weisen von Zion" und ähnliche Titel, zum Beispiel, "Das jüdische Komplott", "Jüdische Ritualmorde" zu sehen. Auf unsere verwunderte Nachfrage sagte die verwunderte Verkäuferin, es gebe eine starke Nachfrage.

Diese Entwicklung steht auch mit der serbisch-orthodoxen Kirche in Verbindung. Erzbischof Nikolaj Velimirovi´c (1880- 1956) wurde 2003 heilig gesprochen. Der wortgewaltige, vielschreibende Erzpriester und christliche Fundamentalist, dessen Werke auch den heutigen Religionsunterricht in Serbien bestimmen, verdient ausführlich zitiert zu werden:

"Alle modernen europäischen Übel kommen von den Juden, die Christus gekreuzigt haben: Demokratie, Streiks, Sozialismus, Atheismus, Toleranz für alle mögliche Religionen, Kapitalismus und Kommunismus. Das alles sind Erfindungen der Juden, beziehungsweise ihres Vaters - des Teufels ..."

In einer 1935 veröffentlichten Broschüre schrieb Erzbischof Nikolaj: "Man muss den heutigen deutschen Führer verehren, der als einfacher Handwerker und Mann aus dem Volk eingesehen hat, dass Nationalismus ohne einen Glauben eine Anomalie ist, ein kalter, unsicherer Mechanismus. Und so ist er im 20. Jahrhundert auf die Idee unseres heiligen Sawa gekommen, er hat als Laie bei seinem Volk das wichtigste Unternehmen begonnen, das einem Heiligen, einem Genie und einem Helden zusteht ..."

Um den Vergleich zu verstehen, muss man wissen, dass der Schutzheilige der Serben, Sawa, (eigentlich Prinz Rastko Nemanji´c, 1175-1236) die seit langem am höchsten verehrte historische Figur der Serben ist.

... und ein heiliger Faschist

In Serbien und Montenegro leben nur noch etwa 3.000 Juden. Die serbisch-orthodoxe Kirche, vor allem ihr greiser Patriarch Pavle, haben antisemitische Schmierereien und Exzesse zwar stets verbal scharf verurteilt, aber als Randphänomen beiseite geschoben. Die Heiligsprechung ausgerechnet von Velimirovi´c spricht eine andere Sprache. Es geht dabei keineswegs nur um die wenigen Juden, sondern um einen gefährlichen Hang zum Isolationismus und Antieuropäismus.

Offiziell strengt sich die Regierung Serbiens an, der eu und anderen euro-atlantischen Integrationen möglichst schnell näher zu kommen und fühlt sich als Teil des Kontinents. Gegen die nationalistische Grundstimmung, die sich als Patriotismus tarnt und von vielen Schriftstellern und Wissenschaftlern und ihren Institutionen geschürt wird, wird jedoch kaum etwas getan, weil es die demokratischen politischen Parteien Stimmen kosten könnte.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Wien und Belgrad.

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