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Herzfehler sind behebbar

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Bei der Tagung derÖsterreichischen Kinder-und Jugendärzte standen Herzprobleme bei Neugeborenen und falsche Ernährungsgewohnheiten im Mittelpunkt.

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Bei der Tagung derÖsterreichischen Kinder-und Jugendärzte standen Herzprobleme bei Neugeborenen und falsche Ernährungsgewohnheiten im Mittelpunkt.

Etwa jedes 100. Kind kommt herzkrank zur Welt, in Österreich sind jährlich rund 800 Kinder betroffen. Jedes zehnte Kind muß sofort nach der Geburt operiert werden. Herzfehler sind die häufigsten Organmißbildungen eines Neugeborenen. Das Thema Herzfehler wurde bei der Jahrestagung der österreichischen Kinder- und Jugendärzte in Linz dementsprechend ausführlich diskutiert.

"Für die Eltern ist die Diagnose Herzfehler eine Katastrophe, der sie verzweifelt und machtlos gegenüberstehen", erzählt Universitätsprofessorin Ulrike Salzer-Muhar von der Abteilung für Pädiatrische Kardiologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien. Die Überlebenschancen sind heute aber gut, beruhigt die Kinderärztin: 90 Prozent aller Kinder mit angeborenen Herzfehlern überleben. Der Trend geht heute in Richtung einer möglichst frühen Korrektur dieser Herzfehler. Das erfordert zwar manchmal bei den winzigen Patienten Eingriffe am offenen Herzen, aber, so Salzer-Muhar, "wir wissen, daß eine Frühkorrektur die Eltern-Kind-Beziehung deutlich verbessert."

Eine neue Technik bei Herzoperationen hilft die Überlebenschancen zu steigern: die interventionelle Herzkatheterisierung. Dabei wird ein winziges Röhrchen durch die Blutgefäße ins Herz geschoben. Auf diesem Weg lassen sich nicht nur Untersuchungen, sondern mittlerweile auch zahlreiche Operationen am Kinderherzen durchführen. Wenn die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind, können verengte Herzklappen mit einem Ballon gedehnt, abnorme Gefäße mit kleinen Spiralen verschlossen oder Löcher in der Wand zwischen Herz-Vorhöfen geschlossen werden. "Damit kann dem Kind die Operation am offenen Herzen und die große Narbe auf der Brust erspart werden. Der Spitalsaufenthalt verkürzt sich auf wenige Tage und nicht zuletzt sind auch die Kosten deutlich niedriger" erklärt die Kinderärztin die Vorteile der Methode.

Sehr wichtig für Salzer-Muhar ist die psycho-soziale Betreuung von Eltern und Kindern nach der Operation, denn: "Untersuchungen haben gezeigt, daß Kinder mit angeborenem Herzfehler, selbst wenn sie nach einer Operation ein völlig normales Leben führen und allenfalls in ihren sportlichen Möglichkeiten ein wenig eingeschränkt sind, unter mangelndem Selbstvertrauen, Minderwertigkeitsgefühlen und Problemen mit dem Selbstkonzept leiden. Diese Schwierigkeiten betreffen fast ausschließlich Buben, was auf Konflikte mit dem gesellschaftliche geprägten männlichen Rollenbild schließen läßt."

Ein zweiter wesentlicher Punkt der Tagung beschäftigte sich mit den Ernährungsgewohnheiten. "Wir befinden uns in einer Gesellschaft der Extreme." Karl Zwiauer, Vorsitzender der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Krankenhaus St. Pölten warnt vor der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität: "Die Models werden immer dünner, müde Stubenhocker sehen im Fernsehen das abenteuerliche Leben von Free-Climbern, Fallschirmspringern und Weltumseglern. Kein Wunder, daß die Extreme auch in unsere Lebens- und Eßgewohnheiten hineinspielen." Fettleibigkeit und Magersucht, so der Arzt Zwiauer, werden für immer mehr Menschen zum bedrohlichen Problem. Eine Studie aus den USA hat gezeigt, daß sich über 50 Prozent der normalgewichtigen Mädchen und jeder vierte Bub selbst als zu dick empfinden. Zwiauer sieht den Grund im kulturellen Druck. "Dieses fehlgeleitete Selbstbild kann geradewegs in die Krankheit führen. Denn die Teenager beginnen schon früh mit radikalen Diäten." Magersucht ist eine häufige Folge. "Das heißt", warnt Zwiauer, "in den wohlhabenden Ländern verhungern jedes Jahr hunderte Mädchen buchstäblich vor gedecktem Tisch. Auf der anderen Seite, nehmen die extrem übergewichtigen Kinder - mit 130, 140 Kilogramm - sicherlich an der Zahl zu."

Zwiauer appelliert an Eltern, sich selbst vernünftig zu ernähren und ihren Kindern dadurch mit gutem Beispiel voranzugehen. Verbote helfen hier wenig, sie sind kontraproduktiv und steigern nur den Appetit auf das verbotene Nahrungsmittel.

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