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Hilfe, ich bin so normal

Immer wieder hört man von manchen Pädagogen oder im Alltagsdiskurs, dass Kinder und Jugendliche zunehmend verhaltensauffälliger werden. Klare Beweise für diese These gibt es aber nicht. Ein Erklärungsversuch lenkt den Blick auf die Welt der Erwachsenen. Dort scheinen immer mehr mit unserer Gesellschaft unzufrieden zu sein.

* Eine Analyse von Regine Bogensberger

Es ist eine Beobachtung, der kaum jemand widerspricht. Vor allem Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die alte Dame in der Straßenbahn würden zustimmend nicken: Unsere Kinder und Jugendlichen werden immer verhaltensauffälliger. Doch stimmt das überhaupt? Stichhaltige Daten kommen etwa aus Deutschland. Für Österreich liegen keine groß angelegten Studien vor, nur einzelne Ergebnisse aus Befragungen, etwa von Lehrern. In Deutschland wurde 2007 die „Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS des Robert Koch Instituts durchgeführt. Laut dieser Studie findet man bei 11,5 Prozent der Mädchen und 17,8 Prozent der Buben Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten oder emotionale Probleme. Diese Studie liefert Basisdaten, erst weitere Untersuchungen werden zeigen, ob tatsächlich Verhaltensauffälligkeiten zunehmen.

Um Hinweise für eine zeitliche Entwicklung zu bekommen, muss zunächst zwischen zwei Gruppen von Verhaltensauffälligkeiten unterschieden werden, wie die pädagogische Psychologin Barbara Gasteiger-Klicpera erklärt: zwischen externalisierenden und internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten. Die erste Gruppe bezeichnet Symptome, die nach außen an die Umwelt gerichtet sind, wie antisoziales Verhalten, Aggression oder Hyperaktivität. Die zweite Gruppe, nach innen gerichtetes Verhalten, umfasst Depression, Angst oder Suizidgedanken.

Keine Zunahme der Jugendgewalt

Vergleichszahlen für externalisierendes Verhalten erbringt etwa das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen, das regelmäßig groß angelegte Studien zu antisozialem, aggressivem und delinquentem Verhalten von Kinder und Jugendlichen durchführt. Das Ergebnis der Untersuchung von über 40.000 Jugendlichen mit Durchschnittsalter 15 Jahren aus dem Jahr 2009: Die Jugendgewalt ist gleichbleibend bis rückläufig, je nach Ausprägung der Gewalt. Zurückgeführt wird dies auf präventive Projekte in Schulen und Jugendgruppen. Bezogen auf Depression und Selbstmorde bei Jugendlichen verweist Gasteiger-Klicpera auf eine US-amerikanische Studie, die steigende Zahlen feststellte. Die Studie stammt allerdings aus dem Jahr 1995. Wie auch Gasteiger-Klicpera betont, gibt es für diese Gruppe wenige Längsschnittstudien. Solange keine weiteren vergleichenden Studien vorliegen, muss davon ausgegangen werden, dass Beobachtungen mitunter auch auf einer gestiegenen Sensibilität gegenüber abweichendem sozialem Verhalten beruhen, wie Experten festhalten.

Ernst zu nehmen sind subjektive Erfahrungsbefunde, etwa von Lehrerinnen und Lehrer, allemal. So meldeten acht von zehn Lehrern aller Schultypen den Bedarf von mehr Schulpsychologen an. Das ist das Ergebnis einer österreichweiten Umfrage unter Pädagogen, die von der Fachhochschule FH Campus 2008 durchgeführt wurde. Die gestiegene Sensibilität wird von Experten positiv gesehen, wenn das Lehrpersonal ausreichend durch Sozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Beratungslehrer (Seite 24) unterstützt würde, die mit der Klasse, dem Kind und den Eltern arbeiten. Lehrer klagen oft, dass sie zunehmend Erziehungsaufgaben übernehmen müssten, wie auch die oben zitierte Studie der Fachhochschule FH Campus belegt. In dem Zusammenhang wird meist auf die veränderten Familienstrukturen verwiesen: brüchige Familien, hoher Medienkonsum, allein gelassene Kids vor Gewaltspielen am Computer. Während Eltern oft einwenden, dass die Schule sich eben an diese Veränderungen in der Gesellschaft anpassen müsste, seufzen Lehrer, dass sie schon seit Jahren um mehr Unterstützung bitten.

Doch der Fokus auf die Kinder und Jugendlichen ist verkürzt. Und das wird zurzeit deutlich, wenn man einige Neuerscheinungen der letzten Zeit ernst nimmt. Da verdichtet sich die These, dass unsere Kinder ein entsprechendes Vorbild haben – die Erwachsenengesellschaft, die nicht mehr oder minder verhaltensauffällig ist als deren Nachkommen. Dieser These stimmt auch der Kinder- und Jugendpsychiater Ernst Berger zu (Seite 23). Es wächst der Eindruck, dass es immer mehr Menschen gibt, die mit dieser Gesellschaft nicht mehr zufrieden sind. Warum sollten das die Kinder nicht zu spüren bekommen und reagieren?

So beklagt Sven Hillenkamp in seinem Buch „Das Ende der Liebe“ (Klett Cotta 2009, besprochen in der FURCHE 42/09), dass Menschen in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeit und Freiheit zunehmend beziehungsunfähig würden, da der Bessere gegenüber dem Guten doch so naheliegend sei. Das „Projekt Ich“ hinterfragt Klaus Werle in seinem Buch „Die Perfektionierer“ (siehe Kasten). Viele in unserer Gesellschaft würden laut dem deutschen Autor ständig damit beschäftigt sein, aus sich und ihrem Nachwuchs mehr rauszuholen, bessere Startbedingungen zu verschaffen, sich zu perfektionieren, um konkurrenzfähiger zu sein. Werle appelliert für ein Umdenken: Wenn alle perfekt sein wollen, dann sind erst recht wieder alle gleich, dabei will jeder besonders und gar nicht normal sein. Wäre es da nicht besser, die individuellen Stärken herauszufinden, anstatt all seine Schwächen auszubügeln, fragt Werle stets pointiert. Auch dieses Buch ist durchzogen von einer grundlegenden Gesellschaftskritik, nicht ohne Folgen für Kinder und Jugendliche, die diesen Druck zu spüren bekommen.

Zuletzt hat es auch der deutsche Psychiater Manfred Lütz auf die „Normalen“ abgesehen. In seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ (siehe Kasten) entlarvt Lütz auf heiter-ironische Art die angeblich Normalen als die Behandlungsbedürftigen, während so mancher, der als psychisch krank eingestuft wird, die Welt mit seiner Außergewöhnlichkeit nur bunter machen würde. Er argumentiert daher gegen die Macht der Diagnose. Lütz regt also zum Nachdenken an, ob nicht unser Normalitätsbegriff zu eng gefasst sei, und wir es uns zu leicht machen, indem wir Menschen mit angeblich auffälligem Verhalten etikettieren und abschieben. Wie wichtig für manche dieser „Außergewöhnlichen“ psychiatrische oder psychologische Hilfe ist, streitet der Psychiater keineswegs ab und resümiert: „Nicht ‚krank‘ ist also der Gegensatz von ‚normal‘, sondern vielmehr ‚außergewöhnlich‘. Und von den Außergewöhnlichen sind einige behandelbar krank und andere dauerhaft hilfsbedürftig, die übrigen Außergewöhnlichen aber sind die farbigen Grenzgänger unserer Gesellschaft.“

Der Gegensatz von normal ist nicht krank

Die These vom problematischen Vorbild der Erwachsenen wird von Gasteiger-Klicpera nicht geteilt. Sie wendet ein, dass der Selbstverwirklichungsdrang der Erwachsenen Gutes bei jungen Menschen bewirke: „Es gibt doch nichts Schöneres, als Dinge im Leben zu tun, die sinnvoll für einen sind. Das heißt nicht, dass man dies auf Kosten anderer macht.“ Sie habe bei vielen Jugendlichen das Gefühl, dass diese ihre eigenen Wege gehen, eigenverantwortlich handeln und eine kritische und eigene Sicht von den Dingen hätten.

Das ist die positive Seite der Medaille, die andere darf nicht übersehen werden: Sie ist geprägt von Leistungsdruck, Schnelllebigkeit, dem Drang zur Perfektion, von brüchigeren Beziehungen. So argumentiert auch die Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch „Wie Kinder wieder wachsen“ (Seite 24): Doch sie bleibt bei dieser schwierigen Ausgangslage für unsere Kinder nicht stehen: Damit Kinder wieder wachsen, also gesund heranwachsen können, müssten Eltern, die Gesellschaft und Politik erkennen, welche Entwicklungsbedingungen und welche Fürsorge unsere Kinder bräuchten, um zu empathischen, reflexiven Menschen heranzureifen. Kurz zusammengefasst meint sie, dass wir in keiner schlechten Welt leben würden, wir müssten uns ihr nur neu anpassen.

Irre! Wir behandeln die Falschen.

Unser Problem sind die Normalen. Von Manfred Lütz. Gütersloher Verlagshaus 2009, 190 S., geb., Euro 18,50

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