Hoffnung bei Altersblindheit

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An der Wiener Rudolfstiftung gelang es, Menschen mit degenerierter Netzhaut durch Transplantation körpereigener Netzhautzellen ihre Sehkraft zurückzugeben.

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An der Wiener Rudolfstiftung gelang es, Menschen mit degenerierter Netzhaut durch Transplantation körpereigener Netzhautzellen ihre Sehkraft zurückzugeben.

Herr H. ist auf einem Auge blind. Er erkrankte an altersbedingter Degeneration des zentralen Teiles der Netzhaut, die mit dem Verlust des Sehvermögens auf diesem Auge endete. Die Hoffnung, dass die Funktion des damals noch gesunden Auges erhalten bliebe, bewahrheitete sich jedoch nicht. Herr H. sah sich dem Schicksal gegenüber, im zentralen Blickfeld einen schwarzen Fleck zu sehen, und mit einem geringen Rest an Sehkraft leben zu müssen.

Eine neue Operationsmethode, die in Wien weltweit erstmals angewandt wurde, bewahrte ihn jedoch vor der beinahe totalen Erblindung, sodass er heute sowohl über volle Sehschärfe in der Ferne verfügt als auch wieder lesen kann.

Universitätsprofessorin Susanne Binder, Leiterin der Augenabteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung, präsentierte die sensationellen Ergebnisse dieser neuen Operationsmethode zur Behandlung der fortschreitenden altersbedingten Netzhautdegeneration, der sogenannten Makuladegeneration, bei der körpereigene Netzhautzellen auf die von der Erkrankung betroffene zentrale Netzhaut transplantiert werden. "Die Ergebnisse belegen den Erfolg der Operationsmethode", teilt Binder mit. "Bei vier von acht Patienten konnte eine deutliche Verbesserung des Sehens erreicht werden, zwei Patienten sehen etwas besser und bei zwei Patienten blieb die Sehschärfe unverändert. Bei allen Patienten war aber der bei dieser Krankheit auftretende 'schwarze Fleck' im Sehfeld deutlich kleiner."

Die altersbedingte Makuladegeneration betrifft rund zehn Prozent der über 55-jährigen und bereits 30 Prozent der über 75-jährigen leiden unter dieser Erkrankung, bei der die zentrale Netzhaut, die Makula, einer Art "Zersetzungsprozess" ausgesetzt ist. Die Makula - oder der "Gelbe Fleck" - ist für die Sehschärfe und das Lesen verantwortlich. Von ihr wird die wahrgenommene Information über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet.

Die Degeneration dieser Struktur im Auge bedeutet für die Betroffenen, dass sich eine laufend größer werdender "schwarzen Fleck" im Zentrum des Sichtfeldes ausbreitet. Zu Beginn dieser Erkrankung sieht der Patient verzerrte Linien oder einen verwaschenen grauen Fleck. Im Endstadium führt die Makuladegeneration zwar nicht zur totalen Erblindung aber zum Verlust der zentralen Sehschärfe und Lesefähigkeit. Dem Patienten bleibt nur noch ein orientierender Sehrest.

"Schwarzer Fleck" Grundsätzlich unterscheidet die Wissenschaft zwei Formen der Makuladegeneration - die "trockene" und die "feuchte". Bei der "trockenen Form" kommt es zu einem langsamen Absterben der zentralen Netzhautzellen und einem Verschwinden der darunter gelegenen Schichten. Gegen diese Form der Erkrankung gibt es bislang noch keine Therapie.

Die "feuchte" Form entsteht, wenn neue Blutgefäße unter der Netzhaut gebildet werden oder aus der Umgebung einwachsen. Aufgrund der damit einhergehenden Narbenbildung (Fibrose) nimmt das zentrale Sehen rasch ab. Liegen diese degenerativen Veränderungen nicht genau im Zentrum der Netzhaut, so war es bisher bereits möglich, diese mittels Laserbehandlung abzutragen. Von dieser Methode profitierten jedoch nur rund zehn Prozent der Patienten, da die Laseranwendung im Zentrum der Netzhaut wieder Narben hinterlassen würde und somit ein entsprechender Sehverlust hervorgerufen werden würde. Für Patienten, deren zentraler Anteil der Netzhaut von der Degeneration betroffen sind besteht nun durch die Methode der Transplantation körpereigener Netzhautzellen wieder Hoffnung zumindest einen Teil ihres Sehvermögens zurück zu erhalten.

Keine Abstoßung Bei der Operation wird der Glaskörper, der das Augeninnere ausfüllt, entfernt, um Zugang zur Makula zu bekommen. Nach Entfernung des Glaskörpers werden zwei winzige Netzhautöffnungen gesetzt. Die Netzhaut wird anschließend unterspült und die vernarbte Schicht gelockert und entfernt. Von der Seite der Netzhaut, die nahe der Nase liegt, werden nun die Zellen mit einer winzigen Spritze aufgesaugt und unter die zentrale Netzhaut transplantiert.

Der Eingriff selbst dauert ungefähr eine Stunde, bisher habe es in keinem einzigen Fall Komplikationen gegeben, freut sich Binder. Eine Woche nach der Operation zeigen die transplantierten Zellen bereits gute Aktivität an ihrem neuen Ort.

Experimente mit der Transplantation von Netzhautzellen, die eine essentielle Rolle für das Überleben und Funktionieren der Stäbchen und Zapfen, die unser Sehen gewährleisten darstellen, werden seit Beginn der neunziger Jahre unternommen. Da jedoch hauptsächlich Zellen von Fremdspendern transplantiert wurden, kam es im Laufe der Zeit zu massiven Abstoßungsreaktionen und zu keinen funktionellen Verbesserungen des Sehens.

"Es war klar, dass, möchte man die experimentell gewonnenen Erfahrungen in der Humanmedizin anwenden, mit der Transplantation körpereigener Zellen weitergemacht werden muss", erklärt Binder. Wie die Resultate an der Rudolfstiftung zeigen, kommt es mit dieser Technik weder zu Komplikationen während der Operation noch zu Abstoßungsreaktionen auf die transplantierten Zellen.

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