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Gesellschaft

Hollands Glück auf Kufen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Niederländer sind begeisterte Schlittschuhläufer. Heuer ließen die Temperaturen zum ersten Mal seit Jahren Natureislaufen zu. Eine Nation der Gleiter lebte auf.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Niederländer sind begeisterte Schlittschuhläufer. Heuer ließen die Temperaturen zum ersten Mal seit Jahren Natureislaufen zu. Eine Nation der Gleiter lebte auf.

Schneeregen klatscht auf die Außenwand der Schlittschuhbahn, einem von weißem Kunststoff umhüllten Oval am Rand von Rotterdam. Gut besucht ist sie an diesem Freitagmorgen. Außen drehen Gelegenheitsläufer ihre Runden, innen die Erfahrenen: die dynamische Bückhaltung, ein Arm angewinkelt, den anderen entspannt auf dem Rücken. Cees van Zwieten gehört zu letzteren.

Wenn die Eismaschine die Bahn wieder auf Hochglanz bringt, sitzt er in einem kleinen Aufenthaltsraum vor der Heizung. Schlittschuh-Liebhaber kennen den 70-Jährigen, der eigentlich Pianist ist, als Verfasser des "Winter-Bulletin". Seit fast 20 Jahren veröffentlicht er spezielle Eisvorhersagen, in der Saison einmal wöchentlich, bei Chancen auf "Natureis", wie man hier sagt, täglich. Trotz des Schneeregens ist er guter Dinge. "Nächste Woche wird es frieren."

Für die leuchtenden Augen des Wettermanns gibt es Gründe. Da ist die Leidenschaft für das Gleiten auf Kufen, und dann die letzten drei Winter, in denen Van Zwieten und mit ihm Hunderttausende Gleichgesinnter ihr nur in der Halle frönen konnten. Der Klimawandel als Ursache? "Die Winter haben nicht mehr die Kraft der 60er-,70er- oder 80er-Jahre. Es gibt immer mehr Kunsteisbahnen und lange Schlittschuh-Touren auf Kunsteis."

Elf-Städte-Tour in Kärnten

Der legendärste dieser Wettbewerbe trägt den Namen Elfstedentocht - 200 Kilometer entlang von elf Städten in der nördlichen Provinz Friesland. Damit er stattfinden kann, braucht es eine durchgehende Eisdecke von mindestens 16 Zentimetern. Dies aber ist immer seltener der Fall, sodass seit mehr als 20 Jahren die "Alternatieve Elfstedentocht" auf dem idyllischen Kärntner Weißensee stattfindet. In den Niederlanden indes lösen schon ein paar Tage Frost "Elf-Steden-Fieber" aus - bei Eisläufern, in den Medien, überall taucht die Frage auf, ob "es" womöglich dieses Jahr passiert.

Um die Zukunft seines Lieblingssports sorgt Cees van Zwieten sich noch nicht. "Auch wenn es weniger Natureis gibt: Das Schlittschuhlaufen sitzt zu tief in der Kultur. Außerdem: Ein guter Winter kann noch immer einen Boom auslösen. Eher sehe ich die Niederlande im Meer versinken, als dass wir aufhören, Schlittschuh zu laufen."

Seine Eisvorhersage trifft vorerst zu. Am Wochenende beruhigt sich das Wetter. Die Temperatur sinkt. Selbst tagsüber steigt das Thermometer nicht mehr über null Grad. Medien rücken ihren Fokus auf die Eisentwicklung, ab Dienstag wetteifern drei Kandidaten darum, an welchem Ort der erste Marathon auf Natureis stattfinden kann. Das sicherste Indiz des Eisfiebers ist die beliebte Online-Verkaufsplattfom "marktplaats": Wo sonst täglich 850 Paar Schlittschuhe angeboten werden, sind es nun 6000.

Wie aber sieht es im Schlittschuh-Mekka Friesland aus, und wie ist es bestellt um die bedrohte Gleitkultur? Vor einiger Zeit schlug der niederländische Eislaufverband Alarm, als er in einem Jahr 15.000 Mitglieder verlor. Medien spekulierten, das Kufen-Virus könne mit dem Natureis verschwinden. Das mag dramatisch formuliert sein, doch ist seit der letzten Elfstedentocht eine ganze Generation aufgewachsen, für die Eislaufen in Hallen stattfindet.

Hallenpracht

In einer von ihnen in der friesischen Hauptstadt Leeuwarden dreht Klasina Seinstra an diesem Vormittag noch eine Runde über das Eis, sie sammelt die Plastik-Hütchen ein und wechselt einige Worte mit den anderen Trainern.

Die Kinder, denen sie bis eben Unterricht gab, gehen sich umziehen. Ein historischer Ort ist dies: In der Elfstedenhal versammeln sich traditionell Tausende Teilnehmer des Wettstreits, um nach dem Startschuss zwei Kilometer in Schuhen zum Eis zu laufen, wo sie die Kufen anschnallen. Beim letzten Mal, 1997, gewann Klasina Seinstra die Frauen-Konkurrenz.

Seit letztem Winter kommt sie fünfmal in der Woche an die Stätte ihres Triumphs, um Unterricht zu geben -vor allem an Grundschüler. "Wir gehen aktiv auf die Schulen zu. Den ganzen Winter über haben wir 6000 Kinder aus dem ganzen Norden Frieslands, die hier in Blöcken von fünf Stunden Schlittschuhlaufen lernen." Es geht darum, Kulturgut weiterzugeben, aber auch Talente für den Spitzensport zu sichten.

Dass Kinder heute weniger vertraut sind mit Eis, steht für Klasina Seinstra fest. Also legt sie in ihren Kursen Wert auf das kleine ABC des Gleitens. "Stabil stehen lernen, Haltung und Gleichgewicht." Selber machte Klasina Seinstra ihre ersten Schlittschuh-Schritte, als sie noch keine vier war -gemeinsam mit den älteren Schwestern auf dem zugefrorenen Graben gegenüber ihres Elternhauses. In diesem Winter hatte sie noch kein Natureis unter den Kufen.

Ihr bevorzugter Polder liegt zehn Kilometer vor der Stadt. Eine Abzweigung der stark befahrenen Landstraße Richtung Osten mündet in einen Feldweg, und dort entfaltet sich an diesem Nachmittag mit einem Mal ein Szenario, das an typische holländische Winter-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert erinnert: Eine wahre Prozession zieht mit Taschen und Rucksäcken durch reifbedeckte Wiesen zum Rand der Eisfläche. Dort legen sie die Schlittschuhe an und gleiten los, manche zögerlich wackelnd, andere dynamisch und elegant.

Rüstige Senioren sind hier, Kinder, Eltern, Jugendliche. Dies ist keine Versammlung von ein paar Sportlern, sondern ein Volksfest. Man versteht in diesem Moment, wie sich dieses Puzzle zusammensetzt: das flache Land, das Wasser, die weiten Abstände zwischen den Dörfern, die auf dem Eis schneller zurückgelegt werden können - dies ist das Fundament des Schlittschuhfiebers. Im Hintergrund steht, natürlich, eine Mühle.

Eis trotz Klimawandel?

Jelle Doef und Hessel de Boer trennt noch wenige Meter vom ersehnten Eis. Seit einer Woche konsultieren die beiden Freunde hoffnungsvoll die Wettervorhersage. Bei der letzten Elfstedentocht im Land war Jelle Doef drei, der 18-jährige Hessel de Boer nicht einmal geboren. Beide studieren in Leeuwarden Umweltkunde. Uneinig sind sie sich darüber, wie der Klimawandel ihr geliebtes Eislaufen beeinflusst. "Ich bin mir sicher, dass Natureis immer seltener wird", sagt Jelle Doef. "Das ist nicht gesagt", entgegnet Hessel de Boer. "Es gibt so viele Faktoren, der Luftdruck, der Golfstrom. Dass die Durchschnittstemperatur steigt, muss lokal nicht viel bedeuten."

Von ihren Studienkollegen wollte übrigens niemand mitkommen. Was dafür sprechen könnte, dass die junge Generation doch weniger schlittschuhfixiert ist, als es die Schlittschuhfans wahrhaben wollen. "Vielleicht aber kommt es nur daher, dass die meisten in der Stadt aufwuchsen", zuckt Jelle Doef die Schultern. Dann verabschieden sie sich aufs Eis. Schließlich soll es in den nächsten Tagen schon wieder tauen.

Schneeregen klatscht auf die Außenwand der Schlittschuhbahn, einem von weißem Kunststoff umhüllten Oval am Rand von Rotterdam. Gut besucht ist sie an diesem Freitagmorgen. Außen drehen Gelegenheitsläufer ihre Runden, innen die Erfahrenen: die dynamische Bückhaltung, ein Arm angewinkelt, den anderen entspannt auf dem Rücken. Cees van Zwieten gehört zu letzteren.

Wenn die Eismaschine die Bahn wieder auf Hochglanz bringt, sitzt er in einem kleinen Aufenthaltsraum vor der Heizung. Schlittschuh-Liebhaber kennen den 70-Jährigen, der eigentlich Pianist ist, als Verfasser des "Winter-Bulletin". Seit fast 20 Jahren veröffentlicht er spezielle Eisvorhersagen, in der Saison einmal wöchentlich, bei Chancen auf "Natureis", wie man hier sagt, täglich. Trotz des Schneeregens ist er guter Dinge. "Nächste Woche wird es frieren."

Für die leuchtenden Augen des Wettermanns gibt es Gründe. Da ist die Leidenschaft für das Gleiten auf Kufen, und dann die letzten drei Winter, in denen Van Zwieten und mit ihm Hunderttausende Gleichgesinnter ihr nur in der Halle frönen konnten. Der Klimawandel als Ursache? "Die Winter haben nicht mehr die Kraft der 60er-,70er- oder 80er-Jahre. Es gibt immer mehr Kunsteisbahnen und lange Schlittschuh-Touren auf Kunsteis."

Elf-Städte-Tour in Kärnten

Der legendärste dieser Wettbewerbe trägt den Namen Elfstedentocht - 200 Kilometer entlang von elf Städten in der nördlichen Provinz Friesland. Damit er stattfinden kann, braucht es eine durchgehende Eisdecke von mindestens 16 Zentimetern. Dies aber ist immer seltener der Fall, sodass seit mehr als 20 Jahren die "Alternatieve Elfstedentocht" auf dem idyllischen Kärntner Weißensee stattfindet. In den Niederlanden indes lösen schon ein paar Tage Frost "Elf-Steden-Fieber" aus - bei Eisläufern, in den Medien, überall taucht die Frage auf, ob "es" womöglich dieses Jahr passiert.

Um die Zukunft seines Lieblingssports sorgt Cees van Zwieten sich noch nicht. "Auch wenn es weniger Natureis gibt: Das Schlittschuhlaufen sitzt zu tief in der Kultur. Außerdem: Ein guter Winter kann noch immer einen Boom auslösen. Eher sehe ich die Niederlande im Meer versinken, als dass wir aufhören, Schlittschuh zu laufen."

Seine Eisvorhersage trifft vorerst zu. Am Wochenende beruhigt sich das Wetter. Die Temperatur sinkt. Selbst tagsüber steigt das Thermometer nicht mehr über null Grad. Medien rücken ihren Fokus auf die Eisentwicklung, ab Dienstag wetteifern drei Kandidaten darum, an welchem Ort der erste Marathon auf Natureis stattfinden kann. Das sicherste Indiz des Eisfiebers ist die beliebte Online-Verkaufsplattfom "marktplaats": Wo sonst täglich 850 Paar Schlittschuhe angeboten werden, sind es nun 6000.

Wie aber sieht es im Schlittschuh-Mekka Friesland aus, und wie ist es bestellt um die bedrohte Gleitkultur? Vor einiger Zeit schlug der niederländische Eislaufverband Alarm, als er in einem Jahr 15.000 Mitglieder verlor. Medien spekulierten, das Kufen-Virus könne mit dem Natureis verschwinden. Das mag dramatisch formuliert sein, doch ist seit der letzten Elfstedentocht eine ganze Generation aufgewachsen, für die Eislaufen in Hallen stattfindet.

Hallenpracht

In einer von ihnen in der friesischen Hauptstadt Leeuwarden dreht Klasina Seinstra an diesem Vormittag noch eine Runde über das Eis, sie sammelt die Plastik-Hütchen ein und wechselt einige Worte mit den anderen Trainern.

Die Kinder, denen sie bis eben Unterricht gab, gehen sich umziehen. Ein historischer Ort ist dies: In der Elfstedenhal versammeln sich traditionell Tausende Teilnehmer des Wettstreits, um nach dem Startschuss zwei Kilometer in Schuhen zum Eis zu laufen, wo sie die Kufen anschnallen. Beim letzten Mal, 1997, gewann Klasina Seinstra die Frauen-Konkurrenz.

Seit letztem Winter kommt sie fünfmal in der Woche an die Stätte ihres Triumphs, um Unterricht zu geben -vor allem an Grundschüler. "Wir gehen aktiv auf die Schulen zu. Den ganzen Winter über haben wir 6000 Kinder aus dem ganzen Norden Frieslands, die hier in Blöcken von fünf Stunden Schlittschuhlaufen lernen." Es geht darum, Kulturgut weiterzugeben, aber auch Talente für den Spitzensport zu sichten.

Dass Kinder heute weniger vertraut sind mit Eis, steht für Klasina Seinstra fest. Also legt sie in ihren Kursen Wert auf das kleine ABC des Gleitens. "Stabil stehen lernen, Haltung und Gleichgewicht." Selber machte Klasina Seinstra ihre ersten Schlittschuh-Schritte, als sie noch keine vier war -gemeinsam mit den älteren Schwestern auf dem zugefrorenen Graben gegenüber ihres Elternhauses. In diesem Winter hatte sie noch kein Natureis unter den Kufen.

Ihr bevorzugter Polder liegt zehn Kilometer vor der Stadt. Eine Abzweigung der stark befahrenen Landstraße Richtung Osten mündet in einen Feldweg, und dort entfaltet sich an diesem Nachmittag mit einem Mal ein Szenario, das an typische holländische Winter-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert erinnert: Eine wahre Prozession zieht mit Taschen und Rucksäcken durch reifbedeckte Wiesen zum Rand der Eisfläche. Dort legen sie die Schlittschuhe an und gleiten los, manche zögerlich wackelnd, andere dynamisch und elegant.

Rüstige Senioren sind hier, Kinder, Eltern, Jugendliche. Dies ist keine Versammlung von ein paar Sportlern, sondern ein Volksfest. Man versteht in diesem Moment, wie sich dieses Puzzle zusammensetzt: das flache Land, das Wasser, die weiten Abstände zwischen den Dörfern, die auf dem Eis schneller zurückgelegt werden können - dies ist das Fundament des Schlittschuhfiebers. Im Hintergrund steht, natürlich, eine Mühle.

Eis trotz Klimawandel?

Jelle Doef und Hessel de Boer trennt noch wenige Meter vom ersehnten Eis. Seit einer Woche konsultieren die beiden Freunde hoffnungsvoll die Wettervorhersage. Bei der letzten Elfstedentocht im Land war Jelle Doef drei, der 18-jährige Hessel de Boer nicht einmal geboren. Beide studieren in Leeuwarden Umweltkunde. Uneinig sind sie sich darüber, wie der Klimawandel ihr geliebtes Eislaufen beeinflusst. "Ich bin mir sicher, dass Natureis immer seltener wird", sagt Jelle Doef. "Das ist nicht gesagt", entgegnet Hessel de Boer. "Es gibt so viele Faktoren, der Luftdruck, der Golfstrom. Dass die Durchschnittstemperatur steigt, muss lokal nicht viel bedeuten."

Von ihren Studienkollegen wollte übrigens niemand mitkommen. Was dafür sprechen könnte, dass die junge Generation doch weniger schlittschuhfixiert ist, als es die Schlittschuhfans wahrhaben wollen. "Vielleicht aber kommt es nur daher, dass die meisten in der Stadt aufwuchsen", zuckt Jelle Doef die Schultern. Dann verabschieden sie sich aufs Eis. Schließlich soll es in den nächsten Tagen schon wieder tauen.