Hospiz - © Foto: iStock/kieferpix
Gesellschaft

Hospizbegleitung: Am Ende bleibt Nähe

1945 1960 1980 2000 2020

Hospizbegleiterinnen und -begleiter sind für sterbende Menschen und deren Angehörige da. Über ein besonderes Ehrenamt und seine Herausforderungen in Pandemiezeiten.

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Hospizbegleiterinnen und -begleiter sind für sterbende Menschen und deren Angehörige da. Über ein besonderes Ehrenamt und seine Herausforderungen in Pandemiezeiten.

Der Lockdown im Frühjahr hat viele hart getroffen – und trifft die Gesellschaft nun noch härter. Doch die Kolleginnen und Kollegen von Sabine Janouschek traf er „mitten ins Herz“, wie sie sagt: Nahe sein, die Hand halten, Berührung schenken, persönliche Begegnung ermöglichen – all das, was für Menschen am Lebensende existenziell wichtig ist, war und ist plötzlich nicht mehr möglich.

„Diesen Spannungsbogen auszuhalten ist nicht einfach“, sagt Janouschek, Geschäftsführerin des Hospizvereins Steiermark. Gemeinsam mit drei weiteren analogen Diskutierenden und weiteren digital Zugeschalteten sitzt sie im Skyroom des „Styria Media Centers“ mit Blick über Graz. Es ist der Vorabend des neuerlichen Lockdowns – und nur wenige Stunden, bevor ein Terroranschlag nicht nur Wien, sondern das ganze Land erschüttern wird.

Menschen in der Phase ihrer existenziellsten Erschütterung, dem Sterben, nahe zu sein: Das gehört zur Aufgabe einer Hospizbegleiterin. 850 Ehrenamtliche, davon die allermeisten Frauen, engagieren sich in 32 Teams für den Hospizverein Steiermark und stellen ihre Freizeit in den Dienst sterbender Menschen und ihrer Angehörigen. Österreichweit sind es laut Dachverband „Hospiz Österreich“ über 3000 Menschen, die sich solcherart einbringen.

Der Lockdown im Frühjahr hat viele hart getroffen – und trifft die Gesellschaft nun noch härter. Doch die Kolleginnen und Kollegen von Sabine Janouschek traf er „mitten ins Herz“, wie sie sagt: Nahe sein, die Hand halten, Berührung schenken, persönliche Begegnung ermöglichen – all das, was für Menschen am Lebensende existenziell wichtig ist, war und ist plötzlich nicht mehr möglich.

„Diesen Spannungsbogen auszuhalten ist nicht einfach“, sagt Janouschek, Geschäftsführerin des Hospizvereins Steiermark. Gemeinsam mit drei weiteren analogen Diskutierenden und weiteren digital Zugeschalteten sitzt sie im Skyroom des „Styria Media Centers“ mit Blick über Graz. Es ist der Vorabend des neuerlichen Lockdowns – und nur wenige Stunden, bevor ein Terroranschlag nicht nur Wien, sondern das ganze Land erschüttern wird.

Menschen in der Phase ihrer existenziellsten Erschütterung, dem Sterben, nahe zu sein: Das gehört zur Aufgabe einer Hospizbegleiterin. 850 Ehrenamtliche, davon die allermeisten Frauen, engagieren sich in 32 Teams für den Hospizverein Steiermark und stellen ihre Freizeit in den Dienst sterbender Menschen und ihrer Angehörigen. Österreichweit sind es laut Dachverband „Hospiz Österreich“ über 3000 Menschen, die sich solcherart einbringen.

Wir sollten uns fragen, wie sich unsere Gesellschaft definiert. Das zeigt sich nicht nur in der Hochkultur, sondern auch im Umgang mit sterbenden Menschen.

Markus Mair, CEO Styria Media Group
Markus Mair - © Fotos: Nicholas Martin

Markus Mair

Der Vorstandsvorsitzende der Styria Media Group wurde vom Hospizverein Steiermark im Rahmen der Veranstaltung "Am Ende steht Leben" zum "Hospizbotschafter" ernannt.

Der Vorstandsvorsitzende der Styria Media Group wurde vom Hospizverein Steiermark im Rahmen der Veranstaltung "Am Ende steht Leben" zum "Hospizbotschafter" ernannt.

Viele von ihnen haben sich während des Lockdowns mit besonderer Kreativität beholfen, man hat Ideen entwickelt, wie man – allen Viren zum Trotz – mit den Menschen in Kontakt bleiben könnte. Doch physische Nähe lässt sich auch durch noch so gefinkelte Technik kaum substituieren. Und viele Hospizbegleiterinnen gehören auf Grund ihres Alters schon selbst zur Risikogruppe und sind deshalb coronabedingt ausgefallen. „Wir brauchen dringend mehr ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen“, sagt Janouschek deshalb im Rahmen des Expertengesprächs „Am Ende steht Leben“, zu dem die Styria Media Group gemeinsam mit dem Hospizverein Steiermark am Allerseelentag geladen hat (hier kann man das Gespräch nachsehen). Menschen mit Herz sind gefragt – und mit der Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Alles, was man darüber hinaus wissen muss, kann man in einer einjährigen Ausbildung lernen.

Versorgt und umsorgt

Auf etwas eingelassen hat sich auch Markus Mair, der Vorstandsvorsitzende der Styria Media Group (zu der auch die FURCHE gehört): Er ist einer von mittlerweile neun steirischen „Hospizbotschaftern“, die sich persönlich für die Hospizidee engagieren wollen. Bereits seit 2013 kooperiert die Styria im Rahmen von „Styria Care“ mit dem Krankenhaus der Elisabethinen in Graz, unterstützt die dortige Palliativstation sowie das später gegründete VinziDorf-Hospiz, in dem wohnungslose Menschen am Lebensende hochprofessionell versorgt und ehrenamtlich umsorgt werden. Nun erfolgt mit der Ernennung zum „Hospizbotschafter“ der nächste Schritt: „Es ist wichtig zu fragen, wie sich unsere Gesellschaft definiert“, sagt Markus Mair. „Und das zeigt sich nicht nur beim Thema Hochkultur, sondern auch darin, wie wir mit Menschen in der letzten Phase ihres Lebens umgehen. Wir müssen uns fragen: Ist dieser Abschnitt des Lebens nur von Furcht und Schrecken geprägt – oder geht es auch um etwas anderes? Dafür zu sensibilisieren sieht Mair als seine zentrale neue Aufgabe.

Versöhnung als zentrales Thema

Was diese Vision konkret bedeutet, weiß Roswitha Fraiß. Sie ist „an der Front“, wie es Mair nennt, sie arbeitet nicht nur hauptberuflich als Pflegekraft, sondern daneben ehrenamtlich auch als Hospizbegleiterin im Mürztal sowie als Leiterin eines Hospizteams. „Schlimm“ sei dieser neue Zwang zum physical distancing, erklärt Fraiß. „Viele der Menschen, die wir teils seit zwei, drei Jahren begleiten, sind dement – hier funktioniert die Kommunikation mit
Maske oder per Telefon nicht gut.“ Die wesentlichen Fragen und Themen, die sterbende Menschen beschäftigen, bleiben freilich – Corona hin oder her – ähnlich: Es geht um Verzeihen, Vergebung und Versöhnung, es geht darum, langjährige Streitigkeiten beizulegen und Konflikte zu bereinigen. „Wir versuchen hier oft einen Brückenschlag und wollen vermitteln, damit jeder Sterbende seinen inneren Frieden findet“, sagt Fraiß. Hier mithelfen zu können, sei für sie selbst eine wesentliche Motivation ihres Engagements.

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Roswitha Fraiß - Styria-CEO Markus Mair, Hospizbegleiterin Roswitha Fraiß und FURCHE-Chefredakteurin Doris Helmberger - © Fotos: Nicholas Martin
© Fotos: Nicholas Martin
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Rebecca Anouche - Rebecca Anouche sang Chansons - © Fotos: Nicholas Martin
© Fotos: Nicholas Martin
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Styria Care Plenum - Die Gesprächsrunde im Skyroom des Styria Media House in Graz. - © Fotos: Nicholas Martin
© Fotos: Nicholas Martin
  1. Styria-CEO Markus Mair, Hospizbegleiterin Roswitha Fraiß und FURCHE-Chefredakteurin Doris Helmberger
  2. Rebecca Anouche sang Chansons
  3. Die Gesprächsrunde im Skyroom des Styria Media House in Graz.

Die zweite liegt darin, „den Tod wieder ein wenig zurück ins Leben zu lassen“, sagt Fraiß aus dem Mürztal in den Grazer Skyroom hinein. Schließlich werde er oft und gern verdrängt: „In der Jugend brauchen wir das Thema nicht und im Alter wollen wir erst recht nichts davon hören“, sagt Fraiß. In ihrer Jugend habe man tote Menschen noch zu Hause aufgebahrt, heute sei das längst tabu, manche Kinder dürften nicht einmal ein Begräbnis besuchen. Keine gute Entwicklung, meint Fraiß.

Etwas anderer Ansicht ist in dieser Frage Martin Prein, ehemaliger Sanitäter, Bestatter und Notfallpsychologe sowie Vortragender und Experte für „Thanatologie“, der Wissenschaft von Sterben, Tod und Bestattung. Der Umgang mit Tod und Sterben sei nicht zwingend besser geworden, ist er überzeugt. In seinen „Letzte-Hilfe-Kursen“ und seinem neuen Buch (siehe Tipp unten) geht er unter anderem der Wirkmächtigkeit des „Leichentabus“ auf den Grund: Er analysiert, worin die besondere „Strahlkraft“ der Leiche besteht, warum viele Menschen um die Möglichkeit der leiblichen Verabschiedung gebracht werden – und wie man mit trauernden Menschen am besten sprechen sollte. Aufrichtigkeit sei hier zentral, sagt Prein. Und Unsicherheit verzeihlich.

Auch die Musikerin Rebecca Anouche bemerkt bei Menschen, denen sie von ihrem metastasierenden Brustkrebs berichtet, oftmals Unsicherheit. Umso mehr seien aus ihrer Sicht die Schwerkranken selbst gefordert, ihrem Gegenüber zu verstehen zu geben, was sie brauchen. „Sie sind in dieser Konversation oft die Souveräneren“, meint Anouche, die ihre eigene Erkrankung als „Geschenk“ für ein intensiveres Leben betrachtet. Und noch etwas hat sie gelernt: „Besser als die Frage ,Wie geht es dir?‘ ist: ,Was gibt es Neues?‘ Denn das lässt offen, worüber der Andere reden will.“

Spiritualität kommt in solchen Gesprächen häufig vor, ergänzt der emeritierte Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari. Auch Desirée Amschl-Strablegg, Leiterin der Station Palliativ & Hospiz bei den Elisabethinen, sowie der Palliativmediziner Gerold Muhri wissen das. Würdig sterben heißt aus ihrer Sicht vor allem: begleitet sterben. Womit wir wieder bei Corona wären. „Wir sind sehr stolz, dass uns auch während des Lockdowns zumindest die Angehörigen besuchen durften, und nun werden wir auch die ehrenamtliche Begleitung weiterführen“, sagt Amschl-Strablegg, bevor Rebecca Anouche singend den Abend schließt. Hoffnung und Nähe: Sie sterben zuletzt.

Die Veranstaltung ist hier nachzusehen.

Letzte-Hilfe-Kurs - © Verlag: Styria
© Verlag: Styria
BUCH

Letzte-Hilfe-Kurs

Weil der Tod ein Thema ist
Von Martin Prein
Styria 2020
176 S., geb., € 22,00

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